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24.06.2013, 06:59 Uhr | 0 |

Offshore-Boom vor der Flaute Windkraft auf See fehlen die langfristigen Rahmenbedingungen

In der Nordsee ist derzeit viel los, es laufen bei gleich sechs Offshore-Windparks die Errichtungsarbeiten. "Das ist die Aufbruchstimmung, auf die wir lange gewartet haben", betont Ronny Meyer – allerdings mit einer Träne im Auge. Denn der Geschäftsführer des Industrienetzwerkes WAB, das rund 350 Unternehmen und Institute der Branche vertritt, weiß genau: Danach fehlen die Folgeprojekte.

Dong Windpark Horns Rev II
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Dong Manager Dittmer: "Unser Windpark Horns Rev II hat im vergangenen Jahr an 8200 Stunden Strom produziert. Eine solche Ausbeute schaffen weder Windparks noch Photovoltaikanlagen an Land."

Foto: Dong

Die drohende Flaute im Offshore-Geschäft verwundert nicht: Bis Anfang 2013 hatten fehlende Haftungsregelungen für den Netzanschluss der Windparks Investoren davon abgeschreckt, grünes Licht für Milliardeninvestitionen auf See locker zu machen. Gut zwei Jahre war um die Regelungen gerungen worden.

Altmaiers Strompreisbremse hat Branche verunsichert

Die Tinte unter diesem Gesetz war kaum trocken, da wirbelte Bundesumweltminister Peter Altmaier die Offshore-Windbranche kräftig durcheinander. Der Minister stellte mit seiner Idee einer Strompreisbremse nicht nur die Zukunft des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) infrage. Zudem wollte er über die Idee eines "Energie-Soli" die EEG-Vergütung der Offshore-Windkraftanlagen rückwirkend kürzen.

Damit waren Planbarkeit und Verlässlichkeit für die Ökostromeinspeisung futsch, ohne die bei den Projekten auf dem Meer gar nichts läuft. "Wer heute eine Investitionsentscheidung trifft, muss wissen, mit welcher Vergütung er in vier, fünf Jahren rechnen kann", erklärt WAB-Geschäftsführer Ronny Meyer, "denn so lange zieht sich heute der Bau eines Offshore-Windparks hin."

Mit seiner Strompreisbremse ist Altmeier vorerst gescheitert, der gebürtige Saarländer ist für die Offshore-Branche zur Stimmungsbremse avanciert: Auf der diesjährigen Windforce-Konferenz Mitte Juni in Bremerhaven – mit gut 800 Teilnehmern nach wie vor der wichtigste Branchentreff für die Meereswindnutzung – wollte trotz der derzeit erfolgreich laufenden Bauprojekte keine richtige Stimmung aufkommen.

Windkraft-Investoren hoffen auf Klarheit nach Bundestagswahl

Wie ein Kaninchen auf die Schlange starren die Offshore-Windprotagonisten auf den 22. September: Nach der Bundestagswahl erhofft sich jeder baldige Klarheit, wie es mit dem EEG und vor allem mit der Offshore-Förderung weitergeht.

Wie ein frommer Wunsch klang es deshalb, als WAB-Chef Meyer in Bremerhaven "noch vor der Bundestagswahl ein klares politisches Bekenntnis zur Offshore-Windenergie" forderte. Denn in Berlin dürfte sich in den kommenden Wochen nichts tun.

Das weiß auch Martin Günthner. Für die Verhandlungen nach dem 22. September positionierte sich Bremens SPD-Wirtschaftssenator indes eindeutig: "Alle norddeutschen Küstenländer stehen geschlossen hinter dem Ausbau der Offshore-Windkraft, die für das Gelingen der Energiewende unverzichtbar ist."

Solche Unterstützung können die Offshore-Windentrepreneure gut gebrauchen, denn sie stehen derzeit voll im Gegenwind. Jüngst veröffentlichte das Umweltbundesamt (UBA) die Studie "Potenziale der Windenergie an Land". Die Ergebnisse wurden schnell so interpretiert, dass die Windkraftnutzung auf See unverhältnismäßig teuer im Vergleich zu den Windmühlen an Land ist. Das UBA stellte direkt klar: "Die Ergebnisse stellen die Windkraft auf See und deren weitere Förderung nicht infrage."

Durchschnittlicher Einspeisepreis von 10 Cent/kWh

Die Anhänger der Meereswindkraft sehen sich seit Monaten als Kostentreiber der Energiewende am Pranger stehen. Denn in der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit wurde die Vergütung für Offshore-Windkraft nur auf 19 Cent/kWh reduziert – für Photovoltaikanlagen sind seit 1. März maximal 17,02 Cent/kWh drin. Die 19 Cent/kWh sieht das EEG im als Option vorgesehenen Stauchungsmodell für die ersten acht Betriebsjahre vor: "Wenn die im EEG vorgesehene Vergütung aber über 20 Jahre gerechnet wird, kommen wir auf einen durchschnittlichen Einspeisepreis von 10 Cent/kWh, womit die Offshore-Windenergie preiswerter als die Photovoltaik ist", insistiert WAB-Lenker Meyer. Denn nach acht Jahren im Stauchungsmodell wird die Vergütung für die verbleibenden zwölf Jahre auf 3,5 Cent/kWh abgesenkt.

Meyers Rechnung hat einen Schönheitsfehler: Kein Offshore-Windbetreiber wird nach acht Jahren auf die danach vorgesehene Vergütung von 3,5 Cent/kWh zurückgreifen, sondern versuchen, über die Direktvermarktung einen höheren Preis zu erzielen.

Dong: Offshore-Windkraft sorgt für Versorgungssicherheit

"Bislang steht der energiewirtschaftliche Wert des Offshore-Windstroms überhaupt nicht im Fokus", beklagt Manfred Dittmer, Leiter Regulatory Affairs beim dänischen Energiekonzern Dong, der stark im Offshore-Sektor engagiert ist. Für Dittmer gibt es ein weiteres Argument für die Offshore-Windkraft: "Unser Windpark Horns Rev II hat im vergangenen Jahr an 8200 Stunden Strom produziert, was ein nicht zu unterschätzender Wert für die Versorgungssicherheit ist. Eine solche Ausbeute schaffen weder Windparks noch Photovoltaikanlagen an Land."

Für Dittmer ist es keine Frage, dass die Offshore-Windbranche auch die mittlerweile geforderte Senkung der Stromgestehungskosten um 40 % schafft: "Mit stärkerer Industrialisierung und besserer Verzahnung aller Abläufe ist das wirklich zu schaffen." Allerdings: Auf eine Jahreszahl will sich Dittmer nicht festlegen.

Dass die Offshore-Windbranche am Anfang einer Lernkurve steht, kann Andreas Wellbrock mit Beispielen aus dem eigenen Alltag belegen: "Wir haben anfangs vier Tage lang gebraucht, bis wir ein Spezialschiff für die Errichtung von Offshore-Windparks richtig beladen hatten. Das schaffen wir heute an nur einem Tag", sagt der Vorstand des Hafenbetreibers BLG Logistics Group. Die BLG habe zudem eigene Spezialpontons entwickelt, mit denen sich beim Transport der tonnenschweren Windkraftgondeln und Fundamente viel Zeit sparen lasse.

Bundesregierung muss Fundamente der Energiewende legen

Das Innovationspotenzial zur Kostenreduktion sei auf jeden Fall vorhanden, sagt Thorsten Schwarz. "Wir brauchen Zeit und mehr Projekte, um zu zeigen, was wir können", sagt der Geschäftsführer vom Seekabelhersteller General Cable. Ihn ärgert die absehbare Flaute doppelt und dreifach: Schwarz hatte die Zentrale seines Konzerns in den USA überzeugt, für insgesamt 80 Mio. € in ein neues Produktionswerk in Nordenham sowie in neue Kabelverlegeschiffe zu investieren.

Seine Fertigungskapazitäten in Nordenham lastet Schwarz derzeit mit Aufträgen für die Erdöl- und Erdgasindustrie aus. Wie Schwarz hofft auch WAB-Geschäftsführer Meyer, dass sich das bald ändert: "Die Bundesregierung muss endlich erklären, auf welchen Fundamenten sie die Energiewende aufbauen will. Ohne Offshore ist das nicht zu schaffen."

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Von Ralf Köpke | Präsentiert von VDI Logo
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