30.04.2014, 13:32 Uhr | 1 |

38.000 Liter sind abgepumpt Unklares Leck: Im Münsterland strömt weiter Öl aus der Erde

Seit gut zwei Wochen quillt auf einer Viehweide im nördlichen Münsterland Öl aus der Erde. Quelle sind Ölreserven der Bundesrepublik für Krisenzeiten, die in ehemaligen Salzlagerstätten in über 1000 Metern Tiefe liegen. Bislang wurden 38.000 Liter Öl abgepumpt und zehn Kühe notgeschlachtet. 

Fachleute für Bodenanalysen untersuchen auf dem Hof von Familie Sundermann den Ackerboden.
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Fachleute für Bodenanalysen untersuchen auf dem Hof von Familie Sundermann den Ackerboden. Auf den Ackerflächen sind große Mengen Öl aus unterirdischen Speichern ausgetreten. Das Leck ist immer noch nicht gefunden. 

Foto: dpa/Roland Weihrauch

Es begann vor gut zwei Wochen mit ein paar Öllachen auf dem Boden einer Viehweide des Bauern Klaus Sundermann bei Gronau-Epe im nördlichen Münsterland, in Nordrhein-Westfalen nahe der niederländischen Grenze.

Inzwischen quellen 30 bis 50 Liter der schwarzen Suppe pro Stunde aus der Erde. Statt nach Gülle riecht es nach Tankstelle. Zehn ihrer Kühe mussten bereits notgeschlachtet werden, weil sie von der stinkenden Brühe getrunken hatten. „Wir müssen mit der Situation klarkommen“, sagt Bäuerin Claudia Sundermann, die inzwischen mit ihrer Familie in ein Hotel gezogen ist. Bewirtschaften lässt sich der Hof derzeit ohnehin nicht: Vor dem Hof wird gebohrt und gebuddelt, Menschen mit Atemschutz und gelben Overalls laufen herum. Die Öldämpfe brennen in den Augen.

400.000 Liter Öl lagern in der beschädigten Kaverne S5

Es ist Öl aus der sogenannten nationalen Notreserve der Bundesrepublik Deutschland, welches an die Oberfläche dringt. 1,4 Millionen Kubikmeter lagern seit über 40 Jahren in Hohlräumen, sogenannten Kavernen, in bis zu 1200 Metern Tiefe. Die Betreiberfirma Salzgewinnung Westfalen (SGW) fahndet in Gemeinschaftsarbeit mit den örtlichen Behörden seit zwei Wochen nach dem Leck.

Seit Montag scheint klar, dass das Leck wohl im Bereich der Kaverne S5 zu suchen ist, in der allein 400.000 Liter Öl lagern. An 66 Stellen wurde inzwischen im Boden gebohrt und mit Lasersonden nach dem Leck gefahndet. „Wir tun alles, um die Ursache zu finden“, sagt der nordrhein-westfälische Umweltminister Johannes Remmel von den Grünen. Doch wirklich näher gekommen ist man der Ursache des Ölaustritts bislang nicht.

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Bäuerin Claudia Sundermann ist verzweifelt. Sie musste bereits zehn Kühe notschlachten, die von der Ölbrühe getrunken hatten. 

Foto: dpa/Roland Weihrauch

Deutschland hat 1966 Pflichtbevorratung eingeführt 

Historisch bedingt ist die Bundesrepublik Deutschland schon seit vielen Jahren äußerst abhängig von Mineralölimporten. So weist der Mineralölwirtschaftsverband für das Jahr 1980 eine Importabhängigkeit von 96,8 Prozent aus, die bis zum Jahr 2010 auf 97,9 Prozent angestiegen ist.

Bereits im Jahre 1966 hatte Deutschland daher die Pflichtbevorratung eingeführt. 1975 wurde unter dem Eindruck der Ölkrise die Vorratspflicht auf 90 Tage bei den Haupterzeugnisgruppen Benzin, Dieselkraftstoff, Kerosin sowie Rohöl festgelegt.

Die drei bereits raffinierten Produkte Benzin, Diesel und Kerosin werden in ganz Deutschland in oberirdischen Öltanks gelagert. Das Rohöl dagegen liegt in Kavernen überwiegend in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und eben dem Münsterland – also überall dort, wo es große Salzstöcke gibt.

„Das erfüllt uns mit großer Sorge und Betroffenheit“

1978 wurde durch das Erdölbevorratungsgesetz eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, der Erdölbevorratungsverband (EBV) errichtet. Dessen Ziel war eine gleichmäßige und effiziente Verteilung der Bevorratungskosten auf Hersteller und Importeure der Mineralölprodukte. Dort gibt man sich nun betroffen. So sagte Dirk Sommer vom Vorstand des EBV gegenüber dem Tagesspiegel: „Das erfüllt uns mit großer Sorge und Betroffenheit, weil die Ursache noch nicht festgestellt werden konnte.“ Der Verband hat im Kreis Erpe von der SGW ein unterirdisches Lager in einem Salzstock angemietet.

Die SGW ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Chemiekonzerne Solvay, Vestolit und Bayer. Sie fördert Kochsalz, das sie als Sole an Chemiefabriken liefert. Die entstehenden Hohlräume tief unter der Erdoberfläche werden als Speicher für Erdgas, aber auch für Rohöl vermietet. Und das nicht nur für die deutsche strategische Erdölreserve, sondern auch an die Energiekonzerne Eon-Ruhrgas, RWE oder Trianel, die ihre Gasvorräte dort speichern. Und auch an den Mineralölkonzern BP, der dort ebenfalls Erdöl lagert.

In 103 Kavernen lagert Öl in einer Tiefe von rund 1500 Meter

Wie in einem löchrigen Schweizer Käse geht es in Deutschland unter der Erde zu. Insgesamt sind es 103 Kavernen, in denen Mineralöl gelagert wird. Zumeist in einer Tiefe von rund 1500 Metern. Das gesamte Naturschutzgebiet Amtsvenn-Hündfelder Moor im Münsterland ist inzwischen unterhöhlt. Dieses Hochmoor ist ein Naturschutzgebiet europäischen Rangs und ein ganz sensibler Lebensraum für den Wachtelkönig und den Kammmolch.

Sehr bedenklich findet daher der Geschäftsleiter des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Dirk Jansen, dass die Behörden und Betreiber bei der Suche nach dem Leck immer noch im Dunkeln tappen: „Der alte Bergmannsspruch ‚vor der Hacke ist es duster' bewahrheitet sich wieder einmal.“

Schlitzwand soll Grundwasser vor Öl schützen

Jetzt ist der Schaden genauso groß wie die Ratlosigkeit. Rund 38.000 Liter Erdöl wurden bereits abgepumpt, 1300 Tonnen verseuchtes Erdreich wurde abgebaggert und entsorgt. Eine in die Erde eingezogene Schlitzwand soll nun verhindern, dass sich das Öl im Grundwasser ausbreitet. Der Geschäftsführer der SGW, Dr. Manfred Inkmann, versucht derweil, zu beruhigen: „Die Kaverne ist drucklos gestellt. Deshalb ist der Druck außerhalb der Kaverne höher als innen, und deshalb kann kein Öl mehr austreten.“

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Von Detlef Stoller
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kommentare
03.05.2014, 19:04 Uhr Progetti
Was in einer Kaverne geschieht, kann auch andere Kavernen treffen. Deshalb sollte das gelagerte Öl je nach Kaverne mit verschieden markierender RNA gekennzeichnet werden, dann kann man mit dem genetischen Fingerabdruck sehr schnell feststellen, woher das ausgetretene Öl kommt und dann die richtige Kaverne auf Drucklosigkeit regulieren. Vorteil: geringste Spuren der RNA reichen schon für den Herkunftsnachweis aus, die Qualität des Öls wird nicht verfälscht.

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