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23.12.2011, 12:02 Uhr | 0 |

Stromnetze Software-Update im Wechselrichter könnte Leitungsneubau ersparen

Viele 1000 km neue Höchstspannungsleitungen gelten derzeit in Deutschland als unabdingbar, um die steigenden Solarstrommengen aus dem Süden und den künftigen Windstrom aus Nord- und Ostsee quer durch die Republik zu leiten. Doch es gibt Alternativen. So könnten Solarparks mithilfe ihrer Wechselrichter netzstabilisierend wirken, indem sie rund um die Uhr Blindleistung liefern.

In knapp einem Jahrzehnt sollen 39 % des in Deutschland erzeugten Stroms aus Sonnen-, Wind- oder Biokraftwerken kommen. Ohne große Stromspeicher sieht die vom Bund gegründete Deutsche Energieagentur (Dena) aus Berlin "einen Netzzubaubedarf von 3600 km Trassenlänge". Ausbaukosten pro Jahr: etwa 1 Mrd. €.

Dem widerspricht Constantin Wenzlik energisch. Dessen Solarelektrikfirma Padcon aus Kitzingen in Unterfranken hat die Software von Solarwechselrichtern so verändert, dass sie Blindleistung selbst dann liefern können, wenn keine Sonne scheint. Also selbst nachts.

Durch die Phasenverschiebung von Strom und Spannung existiert im Wechselspannungsnetz neben der vom Stromverbraucher genutzten Wirk- eine sogenannte Blindstromkomponente. Dieser Blindstrom bindet Übertragungskapazität im Netz und verursacht dort Spannungsabfälle. Um diese zu kompensieren, bedarf es verbrauchernaher Komponenten zur Regelung der Blindleistung im Netz. Hier können auch Wechselrichter zum Zuge kommen.

Padcon-Geschäftsführer Wenzlik behauptet, egal ob gerade viel, wenig oder gar kein Solar- oder Windstrom ins Netz eingespeist wird: Beim Verbraucher – im Verteilnetz – könne die Spannung mithilfe entsprechend ausgerüsteter Wechselrichter auf dem zu garantierenden Niveau von 400/230 V +/- 10 % gehalten werden. Inwieweit die dezentrale Blindleistungsregelung aus Solarwechselrichtern den Netzausbau tatsächlich überflüssig machen könnte, dazu hat die Dena auf Nachfrage bis Redaktionsschluss nichts mitgeteilt.

Klar ist: Neue Höchstspannungsleitungen sind bei vielen Bürgern nicht beliebt. Deren Bau dauert wegen der Genehmigungsverfahren ziemlich lange.

Kein Wunder, dass Netzbetreiber wie Behörden möglichst gerne darauf verzichten würden. Dabei ist es "vom kleinen bis zu den Übertragungsnetzbetreibern deren Pflicht, die Netze auszubauen", wie Constantin Wenzlik weiß. Und so hat Padcon wegen seiner neuen Technik denn auch schon zahlreiche Anfragen aus der Stromnetzwirtschaft.

"Letzten Endes ist es ein Software-Update", sagt Wenzlik, ohne auf Details einzugehen. Das Programm sei momentan "in einer 7-MW-Photovoltaikanlage in Franken, in einem großen Photovoltaikkraftwerk nahe Berlin sowie als reiner Netzstabilisator in der Nähe einer Verteilstation im Einsatz", verrät er.

"Bei der Netzstabilisierung mit Blindleistung arbeiten wir aktuell nicht mit Padcon-, sondern SMA-Wechselrichtern", gibt Wenzlik zu. Der Kasselaner Weltmarktführer SMA gab trotz mehrerer Nachfragen dazu keine Stellungnahme ab.

Wobei eigentlich heute alle größeren Photovoltaikwechselrichter Blindleistung liefern können. Denn die gültige "Mittelspannungsrichtlinie" des Verbands der Elektrizitätswirtschaft verlange, "Solarwechselrichter müssen mit ihrer Fähigkeit, kontrolliert Blindleistung bereitzustellen, die nutzbare Übertragungskapazität des Netzes vergrößern sowie dabei helfen, die Netzspannung zu stabilisieren und in den vorgegebenen Grenzen zu halten", heißt es vom Wechselrichterhersteller Kaco.

Doch das gilt nur, wenn Solarstrom fließt. Die Padcon-Ingenieure versuchen, "auch ohne Solarstrom Blindleistung zu produzieren. Das Thema war uns schon 2007 zum Start unserer Wechselrichterentwicklung mehr als bewusst", sagt Geschäftsführer Wenzlik. "Heute sind wir von dieser Denkweise her beileibe nicht mehr allein. Die wirklich Großen denken alle darüber nach – Solarkraftwerksbauer wie Wechselrichterhersteller."

Auch wenn Padcon "momentan noch weit in der Entwicklungsphase, noch lange nicht im Serienproduktionsstatus" sei: Der Konkurrenz fühlen sich die Kitzinger weit voraus. Wohl auch, weil sich ihre neue Software "auf andere, bekannte, in Serie hergestellte Geräte implementieren lässt", wie solche von SMA.

Den ersten praktischen Nutzen hatte die nächtliche Möglichkeit, Blindleistung zu produzieren, bereits: "Bei jenem 7-MW-Kraftwerk in Franken konnten wir nur aufgrund unserer aktiven Netzregelung ins Netz", ist Constantin Wenzlik sichtlich stolz auf den Entwicklungsvorsprung. Doch der Geschäftsführer denkt ein paar Jahre voraus, an die Zeit, "wenn Solarstrom ohne Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) auskommen muss. Dann kann der Netzbetreiber das Konzept als Regelkraftwerk anbieten. In EEG-Zeiten gibt es dafür kaum Nachfrage."

  HEINZ WRANESCHITZ/swe

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