15.01.2014, 13:09 Uhr | 0 |

EU erlaubt nationale Regeln Premier Cameron will Fracking im großen Stil erlauben

Die Europäische Kommission macht den Weg frei für das umstrittene Fracking: Es bleibt den Mitgliedsstaaten freigestellt, das Fracking zu erlauben oder zu verbieten, so wie es Frankreich 2013 vorgemacht hat. Großbritannien verspricht Kommunen, die Fracking erlauben, dagegen sprudelnde Steuereinnahmen. Ausgerechniet der französische Energiekonzern Total investiert jetzt auf der Insel und erforscht zwei Bohrfelder.

Demonstration gegen Fracking beim Filmfestival 2013 in Berlin
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Demonstration gegen Fracking beim Filmfestival 2013 in Berlin: Die EU will sich nationalen Fracking-Gesetzen nicht in den Weg stellen. Damit kann Großbritannien seine ehrgeizigen Fracking-Pläne in die Tat umsetzen.

Foto: dpa/Kay Nietfeld

Die EU-Kommission wird keine eigenen Gesetze erlassen, die das sogenannte Fracking – das ist das Fördern von Erdgas in Schiefergestein – umfassend regeln. Statt gesetzlicher Regelungen will die EU-Behörde in der kommenden Woche nur weitgehend unverbindliche Mindestanforderungen für den Umwelt- und Gesundheitsschutz erlassen, berichtet die Frankfurter Allgemeine. Damit kommt die EU-Kommission Mitgliedsstaaten wie Polen und Großbritannien weit entgegen, die auf diese umstrittene Fördertechnologie setzen.

Frack-Fluid enthält aggressive Chemikalien

Fracking ist vor allem deshalb umstritten, weil es Gefahren für das Grund- und damit für das Trinkwasser mit sich bringt. Eine mit zum Teil aggressiven Chemikalien getränkte Flüssigkeit, das sogenannte Frack-Fluid, wird unter hohem Druck in sehr tiefe Gesteinsschichten gepresst, um dort Risse zu erzeugen. Sand in diesem Fluid sorgt dafür, dass sich die Risse im Gestein nicht wieder schließen. Danach ist es zum Teil Jahrzehntelang möglich, das in dem Gestein eingeschlossene Erdgas zu fördern.

Diese Methode Energie zu gewinnen spaltet die Gesellschaft in Gegner und Befürworter. Eine deutsche Gesetzesinitiative zum Fracking noch unter Schwarz-Gelb wurde letztes Jahr auf Eis gelegt, Polen hat Fracking erlaubt. Frankreich hat Fracking verboten. Nun will mit Total ausgerechnet ein französischer Konzern in Großbritannien mit der Erkundung von Frackingfeldern beginnen.

Total investiert 37 Millionen Euro in Erforschung von zwei Standorten

Dafür hat Total eine 40-Prozent-Beteiligung an zwei Schiefergas-Explorationslizenzen erworben. 37 Millionen Euro will Total in die Erforschung zweier Standorte in der Grafschaft Lincolnshire investieren. Die Vorkommen befinden sich in der East Midlands Region bei Gainsborough Trough und erstrecken sich über eine Fläche von 240 Quadratkilometer. „Diese Gelegenheit ist ein Meilenstein für Total“, sagte Patrice de Viviés, Vizepräsident für Nordeuropa bei dem französischen Energiekonzern, „sie eröffnet ein neues Kapitel in einer vielversprechenden Partie.“ Die Erforschung des Gainzborough-Tals wird zunächst von Island Gas geführt, einem Partner von Total. Später will Total die Projektleitung selbst übernehmen.

Total steigt in Großbritannien richtig groß ein in das Schiefergas-Geschäft. Pro Jahr will der Konzern etwa zwei Milliarden Euro investieren und bis 2015 der größte Öl- und Gasproduzent auf der Insel werden. Das kann schon alleine deshalb funktionieren, weil die Insel mit geschätzten 36,8 Billionen Kubiklitern Gas im Norden Englands reich an diesen unkonventionellen Gaskammern ist. Ein Bericht des britischen Energieministeriums vom Dezember kam zum Ergebnis, dass mehr als die Hälfte des Vereinigten Königreiches für Fracking geeignet sein könnte.

Hohe Steuereinnahmen sollen Kommunen ködern

Der britische Premierminister David Cameron will das Fracking auf der Insel gezielt fördern. Künftig sollen Gemeinden, auf deren Gebiet Fracking betrieben wird, sämtliche von den Förderunternehmen gezahlten Steuern erhalten. Bisher erhalten die Kommunen nur die Hälfte der Steuereinnahmen. „Ein zentraler Bestandteil unseres Plans zur Sicherung der Zukunft Großbritanniens ist es, Unternehmen mit besserer Infrastruktur zu unterstützen“, erklärte Cameron. „Das ist der Grund, warum wir voll auf Schiefergas setzen. Es bedeutet mehr Jobs, mehr Möglichkeiten und mehr wirtschaftliche Sicherheit für unser Land.“ Der Premier geht davon aus, dass durch die Fracking-Initiative rund 74.000 Arbeitsplätze im Land unterstützt werden.

Eine durchschnittlich große Förderstelle mit zwölf Bohrlöchern könnte einer Kommune schätzungsweise etwa 2,1 Millionen Euro einbringen. „Das ist eine bedeutsame Finanzspritze für die Kommunen“, sagte Energieminister Michel Fallon. Erklärtes Ziel ist es, dass die Kommunen vom Schiefergas-Abbau profitieren. „Wir erwarten, dass in den kommenden Jahren 20 bis 40 Bohrlöcher zur Erforschung gegraben werden“, sagte der Energieminister.

Friends of the Earth sieht Ironie im Vorstoß von Total

Umweltorganisationen wie Greenpeace kritisieren die Ankündigungen der britischen Regierung denn auch heftig. „Dies ist ein Versuch der Regierung, Kommunen in finanziellen Nöten zu erpressen, damit sie Fracking erlauben“, meint Greenpeace-Aktivist Lawrence Carter. Jane Thomas von der Organisation „Friends oft he Earth“ bezeichnete es als Ironie, dass „eine Firma im französischen Besitz im Vereinigten Königreich nach Schiefergas bohren will, während sie in Frankreich wegen der Umweltbedenken nicht fracken darf.“

Das wirtschafsnahe „Institute of Directors“ (IoD) die Pläne: „Das Investment von Total ist ein Beweis für das langfristige Vertrauen in die britische Schiefergasindustrie“, sagte IoD-Chefökonom James Sproule. „Die Vorteile sind klar: Die Schiefergas-Förderung könnte erhebliche Steueraufkommen schaffen und eine Wiederbelebung der britischen Fertigungsindustrie fördern.“ Schiefergas könne für Großbritannien zur „neuen Nordsee“ werden, sagte Sproule mit Bezug auf die Ölfelder in der Nordsee.

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Von Detlef Stoller
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