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24.05.2013, 13:35 Uhr | 0 |

Ausbau lahmt Offshore-Industrie: 10 000 Arbeitsplätze in Gefahr

Industrie, IG Metall und Teile der Politik schlagen Alarm: Sie sehen Tausende Arbeitsplätze in der Offshore-Windindustrie in Gefahr. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) spricht von 10 000 gefährdeten Arbeitsplätzen an der Küste.

Netzanbindung BorWin1 in der Nordsee
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Der Netzbetreiber Tennet hat schon zahlreiche Plattformen in der Nordsee installiert, über die Windparks ans Stromnetz an Land angebunden werden. Doch weil der Ausbau der Offshore-Windparks lahmt, befürchtet Tennet Milliardenverluste.

Foto: Tennet

Tatsächlich wurden bereits Arbeitsplätze abgebaut und Firmen geschlossen. Auch bei WeserWind in Bremerhaven, einer Tochter der Georgsmarienhütte, stehen die Zeichen auf Abbau. Schuld an der gesamten Misere sind diverse Faktoren. "Die Branche ist in einer substanziellen Gefahr", erklärte Weil Endevergangener Woche. Obwohl der Netzausbau vorangehe, fänden sich zurzeit keine Investoren im Offshorebereich. Er hält in diesem Zusammenhang der Bundesregierung verwirrende Signale vor. Die Diskussion um die Strompreis-Bremse habe sich als schlimmes Eigentor erwiesen. "Es gibt eine mit Händen zu greifende Unsicherheit bei potenziellen Investoren. Da ist zum ersten Mal signalisiert worden: Wir sind im Zweifel auch bereit, in bestehende Rechte einzugreifen." Er rief Berlin auf, zumindest kurzfristig die bestehenden Bedingungen der Offshoreindustrie bis mindestens 2016 festzuschreiben.

Peter van Hüllen, Vorsitzender der Geschäftsführung der Georgsmarienhütte Holding GmbH (GMH), wird diese Worte mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben. Er hatte erst ein paar Tage zuvor deutlich gemacht, dass er sich von der Politik im Stich gelassen fühlt und Einschnitte bei der Tochter WeserWind GmbH Offshore Construction Georgsmarienhütte in Bremerhaven angekündigt. "Mir fehlt der Glaube, dass da eine ordnenden Hand kommt. Das ist das totale Chaos". WeserWind baut zwei der möglichen Gründungsstrukturen, vorrangig Tripods, aber auch Jackets für Windparks und Trafostationen in der Nordsee.

WeserWind kann 400 Leiharbeiter nicht weiterbeschäftigen

In Höchstzeiten beschäftigte das Unternehmen 1200 Menschen. Nun sollen bis zum Jahresende die Leiharbeiter, mehr als 400, das Unternehmen mit "hoher Wahrscheinlichkeit" verlassen. An der Stammmannschaft solle zunächst festgehalten werden. "Es gibt eine Bundesratsinitiative der Nordbundesländer, die darauf zielt, dass man für die Offshoreindustrie Sonderregelungen im Rahmen der Kurzarbeiterregelung findet", erklärt van Hüllen. Es gebe zudem ja die Möglichkeit von Qualifizierungs- und Beschäftigungsgesellschaften. Zurzeit liefen die Vorbereitungen zu Gesprächen mit Betriebsrat und Gewerkschaft.

WeserWind ist eines von vielen Unternehmen, die unter der Flaute in der Wind-Offshoreindustrie leidet. "Ich kann ihnen einige Beispiele von Konkurrenten oder anderen Zulieferern nennen, die es auch trifft", betonte van Hüllen. Er sieht allein in Bremerhaven 3500 bis 4000 Arbeitsplätze bedroht. Die Siag Nordseewerke in Emden hat es bereits erwischt: Der Stahlbauer DSD Steel Group (Saarlouis) hatte das insolvente Unternehmen im Februar übernommen und nur 240 der 750 Beschäftigten behalten.

Die IG Metall sieht akut 4000 Arbeitsplätze in der Leiharbeit bedroht. Sollten sich die Rahmenbedingungen nicht ändern, seien 10 000 Arbeitsplätze gefährdet. Hinzu kämen noch etliche in der weiteren Zulieferindustrie. Bezirksleiter Meinhard Geiken spricht dennoch von Chancen. "Die Bundeskanzlerin ist in der Pflicht, sie muss, wie sie es angekündigt hat, die Energiewende als nationale Aufgabe sehen wie die Wiedervereinigung. Zurzeit kocht jedes Bundesland sein eigenes Süppchen."

Stadtwerke München investieren in Schweden statt in Deutschland

Dass sich die Investoren derzeit in Deutschland zurückhalten, verdeutlicht nicht zuletzt das Beispiel der Stadtwerke München (SWM): Anfang Mai haben sie bei Nordisk Vindkraft einen Onshore-Windpark 500 Kilometer nördlich von Stockholm in Auftrag gegeben. Der Vorsitzende der SWM Geschäftsführung, Florian Bieberbach, begründet die Entscheidung für die Investition in Schweden mit den Rahmenbedingungen in Deutschland. "Gerne hätten wir ein derartiges Projekt in Deutschland verwirklicht. Leider sind die Rahmenbedingungen für Investoren hier noch immer mit einer hohen Unsicherheit behaftet. So wird beispielsweise die Entscheidung über künftige Fördersätze für neue Erneuerbare-Energien-Anlagen von der Bundesregierung immer weiter verschoben. Bis hier nicht Klarheit herrscht, werden die SWM verstärkt in Nachbarländer investieren." Gleiches gilt für den Offshorebereich.

Die GMH hat 70 Mio. € in WeserWind Bremerhaven investiert. Das in Bremerhaven aufgebaute Know-how wolle man nicht "durch den Kamin jagen". Man suche nach einer vernünftigen Überwinterungsstrategie, sodass am "Ende der Durststrecke" die Produktion schnell wieder hochgefahren werden könne. Auf dem Gelände von WeserWind kann eine Jahresproduktion zwischengelagert werden.

Dabei könnte alles so schön sein: WeserWind Geschäftsführer Dirk Kassen: "Wir sind im Bereich Offshoreenergie in einer Serie angekommen. Lerneffekte und die damit verbundenen Möglichkeiten zur Kostendegression könnten nun greifen. Ich muss aber sagen 'könnten', weil die fehlenden Folgeaufträge einen nahtlosen Übergang nicht zulassen." Keines der Windparkprojekte, an denen WeserWind beteiligt war, ist bislang am Netz. Schuld daran sind die Zeitverzögerungen beim Bau der notwendigen Cluster-Stationen, also den großen Plattformen, die wiederum die Trafostationen bündeln.

Das ist nur eine der Ursachen, die Kassen nennt: "Es muss zu einer Novellierung der gesamten Struktur kommen, nicht nur des EEGs." Die Sozialisierung der Kosten könne nur eine Übergangslösung für die im Bau befindlichen Parks sein.

Tennet warnt vor Milliardenverlusten

Vor dem Hintergrund des Cluster-Problems überraschte der verantwortliche Netzbetreiber Tennet mit einer Warnung vor Milliardenverlusten durch den lahmenden Ausbau der Offshoreanlagen. "Wir bauen bereits heute Anbindungskapazität praktisch auf Vorrat", betonte Lex Hartman von der Tennet-Geschäftsführung. Schon heute betreibe oder baue Tennet elf Netzsysteme in der Nordsee, die 6200 MW Offshore-Strom an Land transportieren könnten. Zwei weitere Systeme mit 1800 MW seien entsprechend den Zielvorgaben der Bundesregierung ausgeschrieben. Gleichzeitig sei mit 2900 MW nur ein Bruchteil der geplanten Windkraft in der Nordsee gesichert und finanziert. 2300 MW davon würden aktuell gebaut. Bis 2023 würden in der Nordsee laut der Studie Windparks mit einer Leistung von gerade mal 3700 MW bis 5900 MWt errichtet werden.

Das Schwarze-Peter-Spiel trägt wohl kaum zur Klärung in der Branche bei. Am Dienstag war Bundespräsident Joachim Gauck auf eigenen Wunsch auf Stippvisite bei WeserWind. Van Hüllen hatte zuvor im Gespräch mit Journalisten die Hoffnung geäußert, dass Gauck als Politiker, der nicht im Wahlkampf ist, die Lage aus Bremerhaven nach Berlin transportiert.

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Von Claudia Burger | Präsentiert von VDI Logo
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