Energiewirtschaft

RSS Feeds  | Alle Branchen Energiewirtschaft-Visual-dv2012025
26.08.2013, 15:29 Uhr | 0 |

Kernkraft Fernost hilft Briten bei Renaissance der Kernenergie

Die britische Regierung setzt auch auf die Kernkraft, um die Treibhausgasemissionen zu verringern. Japanische und chinesische Firmen wollen daher jetzt in den Markt einsteigen.

Atomkraftwerk
Á

In England ist ein Ende der Atomkraft nicht in Sicht. Im Gegenteil. Es sollen neue gebaut werden. Dabei wollen auch Firmen aus Fernost mitmischen. 

Foto: dpa/Tobias Kleinschmidt

Ausgerechnet RWE npower, die britische Tochter des nach E.on zweitgrößten deutschen Stromkonzerns, warnt vor stark steigenden Strompreisen in Großbritannien. Bis 2020 erhöhe sich die monatliche Rechnung für Strom und Gas im Durchschnitt um mindestens 19 % – alles wegen der grünen Energiepolitik der liberal-konservativen Regierung in London, hieß es bei der RWE-Tochter. Vor allem das teure Programm zum Bau neuer Kraftwerke und die hohen Subventionen für CO2-freie Stromerzeugung schlügen zu Buche.

Jedenfalls was Kernkraftwerke angeht, nehmen E.on und RWE an dem als zu teuer beklagten Neubauprogramm nicht teil. Von den großen sechs Energieversorgern im Vereinigten Königreich übten E.on und RWE nämlich als Erste den Ausstieg aus der Kernkraft und verkauften 2012 Horizon, ihre in anfänglicher Begeisterung für neue Kernkraftwerke in Großbritannien gegründete Tochter mit ihren zwei Kraftwerksstandorten Oldbury in Gloucestershire und Wylfa in Anglesey.

Mangelnder global ausgerichteter Weitblick

Dass sich gleich mehrere Bieter interessierten und die beiden deutschen Konzerne Horizon schließlich für stolze 700 Mio. £ – umgerechnet 845 Mio. € – an den japanischen Hitachi-Konzern verkaufen konnten, zeigt eher den Kniefall von E.on und RWE vor der deutschen Politik als global ausgerichteten unternehmerischen Weitblick.

Hitachi will an jedem der beiden Standorte jetzt bis zu drei neue Kernkraftwerke mit je 1300 MW Leistung bauen. Die ersten davon könnten in den frühen 2020er-Jahren in Betrieb gehen – vorausgesetzt, dass der britische Regulierer das Reaktordesign von Hitachi genehmigt. Ein solches Genehmigungsverfahren kann zwar bis zu vier Jahre dauern, aber die britische Regierung drückt auf Tempo auch der Regulator dürfte nicht daran interessiert sein, dass in London die Lichter ausgehen.

Gespräche kommen angeblich gut voran

Das britische Energieministerium, das Department of Energy and Climate Change (DECC), begleitet darüber hinaus auch die angeblich gut vorankommenden Gespräche weiterer Interessenten aus Fernost über einen Einstieg in eines der neben Horizon bestehenden Konsortien zum Bau neuer Kernkraftwerke in Großbritannien.

Westinghouse Electric und deren japanischer Mutterkonzern Toshiba wollen sich bei Nugen Energy engagieren: Nachdem sie bei Horizon den Bieterkampf gegen Hitachi verloren haben, versuchen sie jetzt NugenAnteile entweder von der spanischen Iberdrola oder der französischen GdF Suez-Gruppe zu kaufen.

Scottish & Southern (SSE) hat sich 2011 aus dem Nugen-Konsortium verabschiedet. Zumindest diesen Anteil, ein mittlerweile anteilig bei GdF und Iberdrola geparktes Drittel an Nugen, müsste für Westinghouse/Toshiba zu haben sein, zumal Iberdrola in der spanischen Heimat Finanzprobleme hat. Aber GdF Suez spricht auch mit Areva, dem französischen Kraftwerksbauer, der großes Interesse an Nugen zeigt.

Besonderer Standort Sellafield

Beim Nugen-Konsortium geht es nicht nur um den Bau eines neuen Kernkraftwerks, sondern auch um einen besonderen Standort: Sellafield, nahe an der Küste der englischen Grafschaft Cumbria. Die dort über Jahrzehnte betriebene Wiederaufarbeitungsanlage für nukleare Abfälle genießt in der Branche einen guten Ruf, ein Faktor, der bei dem Bau eines neuen Kernkraftwerks helfen kann. Deshalb interessiert sich auch Candu, die kanadische Nukleartechnikgruppe, für das Nugen-Konsortium.

Hinzu kommen die Chinesen. Deren staatliche Kerntechniksparte SNPTC (State Nuclear Power Technology Corporation) strebt danach, in britische Kernkraftwerke zu investieren. Dies auch, um selbst Erfahrungen mit dem Bau und Betrieb der Reaktoren zu sammeln. SNPTC kann sich dabei eine "strategische Partnerschaft" mit Westinghouse vorstellen. Die Frage ist aber, ob Toshiba in einer solchen Allianz nicht fürchten müsste, zu viel Know-how von Westinghouse an die Chinesen zu verlieren.

SNPTC ist nicht die einzige chinesische Gesellschaft, die sich für das britische Nuklearprogramm interessiert. EDF UK, die britische Tochter des französischen Staatskonzerns, verhandelt mit der Gruppe China Guangdong Nuclear Power über deren Einstieg bei dem in Hinkley Point im englischen Somerset geplanten neuen Kernkraftwerk.

Garantierter Mindestpreis blockiert Verhandlungen

Doch die Gespräche zwischen EDF und der britischen Regierung ziehen sich noch zäh dahin. Und solange diese beiden sich nicht geeinigt haben, fällt keine Entscheidung. Es geht dabei um den sogenannten "strike price": den garantierten Mindestpreis für Strom aus neuen Kernkraftwerken wie Hinkley Point. Während die Regierung fürchtet, britische Steuerzahler mit einer zu hohen Zukunftshypothek zu belasten, will EDF die Wirtschaftlichkeit seiner neuen Kernkraftwerke absichern.

Spätestens nach der Sommerpause soll die Lösung kommen. Schatzkanzler George Osborne und Premierminister David Cameron drängen beide. Denn wenn das Bauprogramm erst einmal beginnt, schafft das viele Arbeitsplätze – rechtzeitig vor den Wahlen und finanziert aus Fernost. 

Anzeige
Von Peter Odrich | Präsentiert von VDI Logo
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden