28.11.2013, 13:45 Uhr | 0 |

Umstrittenes Fracking Europäische Premiere: Polen will Schiefergas kommerziell fördern

Polen will nächstes Jahr das erste Land der europäischen Union werden, das mittels des umstrittenen Fracking-Verfahrens Schiefergas kommerziell aus dem Boden fördert. Dabei sind Schätzungen über die potentiell förderbare Gasmenge ziemlich unterschiedlich. 

Anscheinend belastet Fracking das Grundwasser der Umgebung
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Sogenannte endokrine Disruptoren können den Hormonhaushalt des Menschen stören. Forscher fanden die Chemikalien erstmals im Grundwasser in der Nähe von Bohrtürmen im US-Bundesstaat Colorado. Sie vermuten, dass sie direkt aus der Fracking-Flüssigkeit stammen.

Foto: MarathonOil

Unser östliches Nachbarland Polen ist derzeit nahezu unschlagbar im Timing: Da startet mitten während der in Warschau tagenden UN-Klimakonferenz eine internationale Kohlekonferenz – ebenfalls in Warschau. Dann wird der Leiter des Klimagipfels, der Umweltminister Polens, Marcin Korolec, von Premierminister Donald Tusk im Zuge einer großangelegten Kabinettsumbildung abgesetzt – während des Gipfels. Immerhin ließ Tusk ihn als Klimabeauftragten der Regierung im Amt. „Ich bin nun in der Lage, mich voll auf Klimapolitik zu konzentrieren“, versprach Korolec den entsetzten Gipfel-Teilnehmern.

Polen will unabhängig werden von Gasimporten aus Russland

Jetzt verkündet Polen, das seine Energie zu 90 Prozent aus Kohle bezieht, bereits im kommenden Jahr in die umstrittene Fracking-Technologie einsteigen zu wollen, um Gas aus Schiefergasvorkommen aus dem Boden zu fördern. Polen will sich mit diesem Schritt unabhängig machen von Gasimporten aus Russland. Polen wäre mit diesem Schritt das erste Land innerhalb der Europäischen Union, das diese Technologie kommerziell anwendet.

Frankreich hat Fracking endgültig Riegel vorgeschoben

Erst kürzlich hatte Frankreich entschieden, diese Technologie im eigenen Land zu verbieten. Der Grund: Das allgemeine Interesse des Umweltschutzes sei höher einzuschätzen als die Unternehmensfreiheit. So lautet der Tenor, mit dem das französische Verfassungsgericht im Oktober 2013 die Gültigkeit des am 13. Juli 2011 verabschiedeten Gesetzes bestätigt hat,  das Fracking zur Erschließung und Förderung von Schiefergas verbietet. Fracking hat damit in Frankreich keine Zukunft mehr.

2014 soll in Polen kommerzielle Gewinnung starten

Anders in Polen: Das in London ansässige Unternehmen San Leon Energy hat im Norden Polens in der Bohrung Lewino jetzt erfolgreich einen hydraulischen Schichtaufbruch erreicht. „Die Ergebnisse sind sehr gut“, erklärte der stellvertretende Umweltminister Piotr Wozniak dazu und gab sich extrem zuversichtlich. „Nächstes Jahr startet in Polen die kommerzielle Gewinnung.“

Dabei ist Polen schon seit dem Sommer das erste Land in Europa, welches mit Fracking Schiefergas aus großen Tiefen an die Oberfläche holt. Die Energiefirma Lane Energy Poland fördert seit Juli aus einer Bohrung bei Lebork in Pommern täglich rund 8000 Kubikmeter des Energieträgers. Das ist noch weit von einer kommerziellen Förderung entfernt. Aber schon damals freute sich der Vize-Umweltminister über den Erfolg. „Das ist eine sehr gute Information für Polen“, erklärte er. Das Gas ströme selbstständig und es würden dafür keine anderen Technologien verwendet als bei der kommerziellen Förderung von Schiefergas in den USA. „Dieses Ergebnis sollte andere Firmen ermutigen, die Arbeiten an den Orten voranzutreiben, für die sie Bohr-Konzessionen haben“, so Wozniak.

Bis 2021 soll es 309 Bohrungen im polnischen Untergrund geben

Erst im Februar hatte die polnische Regierung das Erkunden und Ausbeuten von Schiefergasvorkommen per Gesetz erleichtert, um Fracking für Unternehmen attraktiver zu machen. Derzeit wird an über 50 Stellen in Polen nach dem unkonventionellen Schiefergas gebohrt. Aber es sollen mehr werden, viel mehr. Bis zum Jahre 2021 sollen insgesamt 309 Bohrungen erlaubt werden, für rund 130 davon sind laut Umweltministerium schon Konzessionen erteilt worden. Weitere knapp 200 Bohrungen seinen möglich, wenn sich dafür Investoren finden – und wenn die Ausbeute stimmt.

Lane Energy verfügt nach Auskunft des Umweltministeriums über acht Konzessionen für Probebohrungen. Damit liegt das Unternehmen an vierter Stelle hinter der polnischen PGNIG mit 16, der US-amerikanischen MarathonOil mit 11 und der polnischen Orlen Upstream mit neun Konzessionen. MarathonOil allerdings hat als bisher einziger Konzern erklärt, er sehe keine Chance für eine kommerzielle Ausbeutung des Rohstoffes Schiefergas in Polen.

Schätzungen über das Potential gehen extrem auseinander

Es ist völlig unklar, wie groß die im Schiefergestein schlummernden Gasvorräte in Polen überhaupt sind. Die verfügbaren Zahlen schwanken extrem. So schätzt die U.S. Energy Information Adminstration (EIA), dass Polen über 22.000 Milliarden Kubikmeter nichtkonventioneller Gasreserven verfügt, von denen 5290 Milliarden Kubikmeter als „technisch gewinnbar“ eingestuft werden.

Dieser doch eher optimistischen Einschätzung steht eine Schätzung gegenüber, die der Geologe und Schiefergas-Experte Hubert Kiersnowski vom staatlichen Polnischen Geologischen Institut (PGI) vor kurzem vorgelegt hat. Danach liegen die polnischen Schiefergasvorkommen insgesamt nur bei 34 bis 76 Milliarden Kubikmeter. Sollten sich diese Berechnungen bewahrheiten, so wäre Polens Pro-Fracking-Offensive auf Sand gebaut.

Es gibt erste Proteste von betroffenen Menschen

Zudem ist die Position der polnischen Regierung, das Fracking offensiv zu fördern, nicht mehr unumstritten. In dem Dorf Zurawlów in der südostpolnischen Wojewodschaft Lublin wehren sich seit einigen Monaten die Einwohner gegen eine Bohrung des US-Energiekonzerns Chevron. Sie blockieren rund um die Uhr die Zufahrt zum Bohrfeld und fordern offensiv den Abzug von Chevron. Sie haben Angst um ihr Trinkwasser und vor der Enteignung ihrer Felder. Denn nach den voll auf Fracking zugeschnittenen polnischen Gesetzen ist das möglich, wenn Chevron dort im südostpolnischen Hinterland lukrative Schiefergasvorkommen nachweisen kann.

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Von Detlef Stoller
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