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17.07.2013, 13:13 Uhr | 0 |

Probleme mit der Energiewende Energiewirtschaft will fossile Kraftwerke vom Netz nehmen

Die großen Energiekonzerne erhöhen den Druck auf die Bundesregierung. Sie drohen damit, unrentable Gas- oder Kohlekraftwerke, ja selbst Atommeiler, abzuschalten. Sie wollen erreichen, dass die Energiewende für ihre Bilanzen verträglicher abläuft. So soll zum Beispiel schon die Bereitstellung von Kraftwerkskapazität honoriert werden, ohne dass der Stromzähler surrt.

Gaskraftwerk Irsching
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Auch E.ON will Kraftwerke vom Netz nehmen. Das Gaskraftwerk Irsching, die größte Gasturbine der Welt, bleibt aber trotz seiner Unwirtschaftlichkeit vorerst am Netz. E.ON, die Bundesnetzagentur und der Netzbetreiber Tennet einigten sich auf die Bedingungen für einen Weiterbetrieb. 

Bildquelle: dpa/Tobias Hase

Rund 20 Prozent ihrer Kohle- und Gaskraftwerke wollen die Betreiber stilllegen, weil sie rote Zahlen schreiben. 15  Anzeigen auf Stilllegung liegen der Bundesnetzagentur vor. „Die Versorgungssicherheit ist nicht gefährdet“, betonte eine Sprecherin der Behörde. Der Kieler Umweltminister Robert Habeck sieht den „letzten konventionellen Atemzug“ der großen Stromerzeuger aufziehen. Soweit ist es wohl noch nicht. Auch wenn Habeck es sich wüncht: „Was wir hier erleben, ist genau das, was wir wollen: die Energiewende.“

Und genau bei der liegt der Hase im Pfeffer: „Vor allem Gaskraftwerke werden vom Markt verdrängt“, sagt E.ON-Sprecherin Fabienne Twelemann, „weil sie in der gesetzlich vorgeschriebenen Einspeise-Reihenfolge ganz hinten stehen“. Paradox: Denn es sind vor allem die Gaskraftwerke, die recht schnell herunter und auch wieder herauf gefahren werden können, um die starken Schwankungen der Erneuerbaren Energien aus Sonne und Wind aufzufangen.

E.ON nimmt bis 2015 elf Kraftwerke in Europa vom Netz

Deutschlands größter Energiekonzern E.ON fällte bereits Anfang des Jahres die Entscheidung, bis 2015 elf Kraftwerke in Europa stillzulegen. Mit dabei sind auch Anlagen in Deutschland. So gibt E.ON in Schleswig-Holstein sein mit den Stadtwerken Kiel betriebenes Steinkohlekraftwerk GKK in Kiel-Ost auf. Und ein geplantes Gaskraftwerk soll nach Aussage von Stadtwerke-Sprecher Wolfgang Podolske nur noch gut die Hälfte der alten Stromkapazität liefern.

Von 90 000 Megawatt Erzeugungskapazitäten für Atom- oder Kohlestrom in Deutschland drohen bis zu 20 Prozent – das sind 18.000 Megawatt – wegzufallen, tönt es aus der Riege der Energieriesen. „Wir schauen uns an, welche Kostensenkungen möglich und welche Instandsetzung jeweils nötig ist“, erklärt RWE-Unternehmenssprecher Lothar Lambertz. Und danach werde über Stilllegungen entschieden. Doch ganz so leicht wird sich wohl keiner der großen Energiekonzerne davor drücken können, sich konstruktiv an der Energiewende zu beteiligen. „In Süddeutschland werden wir keine weiteren Stilllegungen akzeptieren“, betonte ein Sprecherin der Bundesnetzagentur mit Sitz in Bonn.

Netzagentur warnt vor Versorgungsengpässen im Winter

Denn erst vor kurzem hatte die Netzagentur in einem Bericht zur Stabilität der Stromnetze im vergangenen Winter vor künftigen Engpässen in der Stromversorgung in  Deutschlands Süden in den kommenden Jahren gewarnt. Es ist vor allem die regional sehr ungleiche Strom-Erzeugungskapazität, die aus Sicht der Netzagentur „großen Anlass zur Sorge“ gebe. Die Behörde mahnt in diesem Bericht, dass „insbesondere auf die Situation in Süddeutschland“ eingegangen werden müsse.

„Die Bundesnetzagentur hat ja schon verkündet, dass geplante Stilllegungen in der Größenordnung von 17 000 MW bis zum Jahre 2022 anstehen. Jetzt kommen zusätzliche Kraftwerksstillegungen aufgrund von wirtschaftlichen Schwierigkeiten hinzu. Wie viele das im Endeffekt genau sind, können wir als Branchenverband momentan noch nicht abschätzen, da die Stilllegungen bei der Bundesnetzagentur zunächst beantragt werden und man damit auch nicht öffentlich hausieren geht“, sagt Roger Kohlmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer desBundesverbandes der Energie- und WasserwirtschaftBDEW.

Grünes Licht für grünen Strom

Das Problem für die konventionelle Stromerzeugung liegt in den gesetzlichen Grundlagen verankert: Denn Strom aus erneuerbaren Quellen genießt stets Vorrang gegenüber dem fossil erzeugten Strom. Und das hat für einen beispiellosen Boom des Grünstroms gesorgt. Inzwischen wird ein Viertel des Stromangebotes in Deutschland aus erneuerbaren Quellen hergestellt. Und die weiter steigende Menge an Ökostrom bewirkt einen dramatischen Preisverfall an der Strombörse. In den nächsten fünf Jahren wird der Preis je Kilowattstunde Ökostrom unter vier Cent bleiben. Damit liegt der Preis dort, wo er vor zehn Jahren lag. Und das ist selbst für den Strom aus den längst abgeschriebenen Meilern für Atom- und Kohle, aber auch für Gaskraftwerke zu wenig.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Es kann – technisch bedingt – immer nur so viel Strom erzeugt werden, wie aktuell auch verbraucht wird. Ansonsten drohen Spannungsschwankungen, die empfindlichen elektrischen Geräten einen schnellen Tod bescheren können. Und das bedeutet dank der ständigen grünen Ampel für Grünstrom, dass die konventionellen Kraftwerke immer seltener auf voller Kraft laufen können. Stillstand und Leerlauf produzieren allerdings trotzdem Kosten. „Es lohnt sich einfach nicht, zum Beispiel ein Gaskraftwerke weiter in Betrieb zu halten, wenn sie mit 4000 Stunden geplant haben und dann irgendwo jenseits von 2000 Stunden und weniger das Kraftwerk nur noch betreiben können im Jahr. Die Rechnung geht nicht auf und man kann eigentlich einen Kraftwerkbetreiber nicht zwingen, hochdefizitäre Einheiten unbegrenzt lange weiter vorzuhalten“, erklärt Kohlmann vom BDEW.

Stromwirtschaft fordert neuen Markt für Reserve-Kapazitäten

Daher fordert die Stromwirtschaft schon seit längeren einen neuen Markt jenseits der Strombörse, auf dem Energiekonzerne und auch Stadtwerke dafür bezahlt werden, dass sie Reserve-Kapazitäten für die Tage und Stunden bereithalten, in denen der Wind Pause macht und die Sonne mal wieder schwächelt. „Wir haben immer wieder, auch am Anfang diesen Jahres Situationen, wo die Erneuerbaren gerade Mal mit einem oder zwei Prozent ihrer gesamten Leistung nur am Netz sind. Genau für diese Zeiträume brauchen wir auch in Zukunft noch konventionelle Kraftwerkskapazitäten in ausreichender Zahl“, so Kohlmann.

„Um Druck für neue Subventionen zu erzeugen, malen die Stromkonzerne in Deutschland wieder einmal den Teufel Blackout an die Wand“, kritisiert Greenpeace-Experte Andree Böhling. Für Oliver Krischer, Energie-Spezialist der Grünen-Bundestagsfraktion, gibt es ohnehin zu viele Kraftwerke: „Es zeigt sich wieder einmal, dass es in Deutschland derzeit fossile Überkapazitäten gibt.“ Das sieht auch der Kieler Umweltminister Habeck so, der „eine Umschichtung von konventionellem zu erneuerbaren Strom“ ausmacht.

EEG-Umlage steigt auch 2014 weiter an

Doch wie auch immer: Diese Umschichtung kostet Geld und zwar viel Geld. Durch die EEG-Umlage wird Strom im kommenden Jahr für einen Durchschnittshaushalt um etwa 30 Euro teurer. Die zum Jahresbeginn erst auf 5,3 Cent pro Kilowattstunde gestiegene Umlage, wird dann auch etwa 6,1 Cent pro Kilowattstunde ansteigen. Das liegt allerdings nur zum Teil daran, dass immer mehr Ökostrom produziert und in das Stromnetz gespeist wird. Es hat seinen Grund auch in den Freistellungen von der EEG-Umlage für immer mehr Industriebetriebe in Deutschland. Das geht sogar so weit, dass Supermarktketten diese Freistellungen erhalten, obwohl eine Auflage für die Erteilung der Freistellung ist, dass der Betrieb ansonsten durch internationale Konkurrenz in seiner Existenz gefährdet wäre.

Es ist also viel Bewegung im Markt für Energie, seit die Bundesregierung mit dem Abschalten der alten Atommeiler nach der Havarie des Atomkraftwerks in Fukushima die Energiewende eingeleitet hat. Tausende Kilometer Starkstromleitungen müssen geplant, genehmigt und gebaut werden, um den an der Küste produzierten Windstrom in den energiehungrigen, aber leider windarmen Süden des Landes zu leiten. Engpässe sind da programmiert. Dennoch: Die Bundesregierung bleibt gelassen. Denn sie hat gerade erst im Juni eine Verordnung erlassen, nach der systemrelevante Kraftwerke auch zwangsweise weiter betrieben werden müssen, selbst dann, wenn sich ihr Betrieb nicht rechnet.

Heißer Herbst droht

Es könnte also auf einen heißen Herbst hinauslaufen, wenn die Tage wieder kürzer werden und der Stromverbrauch ansteigt. Denn in einzelnen Regionen der stromergrünten Republik gibt es durchaus Befürchtungen, dass es nach der Abschaltung von Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken im Winter zu einem Strom-Engpass kommen könnte. Beispiel Hessen: "Das treibt uns natürlich massiv um, denn das wären Schäden für die Volkswirtschaft in großer Millionenhöhe", sagt der hessische Wirtschaftsminister Florian Rentsch von der FDP.

So soll nach dem Willen des FDP-Politikers der stillgelegte Block Staudinger 1 im Kohlekraftwerk Großkrotzenburg bald schon zur Notfallreserve gehören. Der Kohleblock würde höchstens wenige Tage im Jahr laufen müssen, beteuert Rentsch und sagt: „Fakt ist: Wir können nicht mehr lange warten.“ Energiewende absurd: Der altersschwache, 250 Megawatt starke Kohleblock war Ende April aus Umweltgründen stillgelegt worden.

Von Detlef Stoller
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