11.06.2013, 08:50 Uhr | 0 |

Effizienzgipfel Energiewende: Dramatisch undramatisch

Ohne Energieeffizienz keine Energiewende, sind sich Verantwortliche aus Forschung und Industrie einig. Dennoch werde die öffentliche Debatte von Reizthemen wie der Strompreisentwicklung und dem Netzausbau bestimmt. Das Institut für Energieeffizienz in der Produktion der Uni Stuttgart beschäftigt sich deshalb nicht nur mit Lehre und Forschung. Es sieht sich auch als Advokat.

Bundesumweltminister Altmaier live zugeschaltet auf dem EEP-Effizienz-Gipfel.
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Auf dem ersten Effizienz-Gipfel des Stiftungsinstituts der Universität Stuttgart EEP war Bundesumweltminister Peter Altmaier live zugeschaltet. 

Foto: Universität Stuttgart (EEP)

Sechs Silben, die zu wenig Gehör finden. Sechs Silben, die kaum jemanden vom Hocker reißen. Dabei setzen sie sich in den Augen vieler zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor des politischen Großprojekts Energiewende zusammen. E-ner-gie-ef-fi-zienz – nochmal eine Silbe mehr als beim ohnehin schon spröden Wort Netzentwicklungsplan.

Die Anzahl der Silben, sie mag in diesem Fall als Sinnbild dafür herhalten, wie sehr ein Thema die Menschen in Deutschland bewegt. In der Diskussion um Strompreise, CO2-Zertifikate und den Netzausbau würden "weniger dramatische Debatten an den Rand gedrängt", sagt Bundesumweltminister Peter Altmaier. Energieeffizienz – nicht dramatisch genug.

Am Institut für Energieeffizienz in der Produktion (EEP) der Universität Stuttgart möchte man das Thema ins Zentrum der Diskussion rücken. Die Mitarbeiter um Institutsleiter Thomas Bauernhansl verstehen sich nicht nur als Hochschullehrer und Forscher, sondern auch als Advokaten der Energieeffizienz.

Im Mai lud das EEP Verantwortliche aus Industrie, Forschung und Politik zu einem Energieeffizienz-Gipfel nach Stuttgart. "Energieeffizienz wird gesellschaftlich nicht diskutiert", schickte Bauernhansl voran.

Energiewende gelingt nur im Einklang mit Energieeffizienz

Dabei kann in den Augen vieler Teilnehmer die Energiewende ohne Energieeffizienz nicht gelingen. "Mit den erneuerbaren Energien können wir nur glücklich werden, wenn wir die vorhandene Energie optimal nutzen", sagte Heinz Dürr, Aufsichtsratsvorsitzender des gleichnamigen Automobilzulieferers und einer von zwei Stiftern des EEP.

Und auch der per Videokonferenz zugeschaltete Bundesumweltminister Peter Altmaier zählte die Energieeffizienz neben der Energieerzeugung und -verteilung zu den wesentlichen Standbeinen der Energiewende.

Warum also kommt die Energieeffizienz zu kurz?

Eine Antwort fiel Thomas Bauernhansl leicht. "Energie sparen", so der Wissenschaftler , "das sind viele kleine Prozesse. Die Politik neigt aber dazu, große Projekte zu realisieren." Eine womöglich konsensfähige Ansicht in Stuttgart: Bei einer Publikumsbefragung fanden 76,9 % der Teilnehmer, die Politik tue zu wenig, um effiziente Prozesse und Technologien zu fördern.

Altmaier forderte die Verantwortlichen in Unternehmen und Forschungseinrichtungen im Gegenzug auf, sich stärker einzumischen: "In Ihrem sehr speziellen, aber ungeheuer wichtigen Bereich können Sie der Politik Druck machen", sagte der Bundesumweltminister von Berlin aus.

Wer Argumente suchte, um Druck aufzubauen, wurde in Stuttgart fündig. "Eine Kilowattstunde zu produzieren kostet dreimal mehr als sie einzusparen", rechnete Dürr vor. Und Bauernhansl ergänzte, dass jeder für effiziente Technologien ausgegebene Euro virtuell mehr wert sei, da mit steigenden Energiepreisen zu rechnen sei.

Besonders weit gediehen sind die Effizienzbemühungen vieler Unternehmen allerdings noch nicht. "Kleine und mittelständische Unternehmen", betonte Altmaier, "haben nicht die Möglichkeit, ihre eigenen Potenziale zu erkennen." "Viele Unternehmen wissen nicht, wie sie sparen können", berichtete auch Bauernhansl.

Der Institutsleiter führt das vor allem auf die vergleichsweise geringe Bedeutung der Energiekosten für die Gesamtausgaben der Industrieunternehmen zurück. "Außerhalb der energieintensiven Industrien ist der Kostenanteil mit 1 % bis 3 % sehr niedrig."

Falscher Ansatz: Billige Produkte rechnen sich früh

Bauernhansl bemängelte zudem die Art und Weise, wie in der Industrie Investitionsentscheidungen getroffen werden. Für zwei von drei Unternehmen sei die Amortisationszeit das Kriterium der Wahl, jene Zeitspanne also, nach der der erwirtschaftete Ertrag mit einem Produktionsmittel dessen Anschaffungskosten aufgewogen hat. Als intuitive Faustregel gilt: Billige Produkte rechnen sich früh.

Vielfach ist die billigste Lösung aber nicht die rentabelste: Die Amortisationszeit liefert keine Aussage über Qualität. Bauernhansl sprach sich statt dessen für das Kriterium "total cost of ownership" aus, das entscheiden hilft, welches Produkt für den Käufer von der Anschaffung bis zur Ablage am günstigsten ist. Nur nach diesem Kriterium erscheinen energieeffiziente Produkte attraktiv.

Mit den Kriterien für Investitionen in der Industrie könnten sich die Produktionsmittel und Prozesse ändern. Laut Bauernhansl müssen sie das auch: "Unsere Klimaziele erreichen wir nur, wenn wir unsere technischen Systeme komplett neu gestalten."

Dass das nicht einfach wird, weiß er auch. Zwar sei Deutschland – gemeinsam mit Japan – bei der Energieeffizienz weltweit führend. "Wir müssten in einigen Bereichen aber unsere Anstrengungen verdreifachen", rechnete der Wissenschaftler vor.

Der größte Beitrag zum Klimaschutz stamme aus der Energieeffizienz, sagte Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur. Nur mit effizienter Technologie sei der angestrebte hohe Anteil der regenerativen Energien in Deutschland zu erreichen.

Kohler wies auch auf Chancen für deutsche Technologieanbieter hin. "Der Energieeffizienzmarkt ist so breit gefächert, da macht es keinen Sinn zu zentralisieren. Die Kreativität kommt ja gerade aus der Dezentralisierung." 

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Von Iestyn Hartbrich | Präsentiert von VDI Logo
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