12.07.2013, 14:59 Uhr | 0 |

Energiewirtschaft EnBW-Wende wird zum Kraftakt

Der EnBW-Konzern nimmt den Kampf um seine Position in der ersten Liga der deutschen Stromversorger auf. Der neue Vorstandschef Frank Mastiaux hat einen Plan entworfen, der aus der einstigen Kernkraft-Hochburg einen Vorreiter der Öko-Energie machen soll. Damit wischt er Befürchtungen vom Tisch, der viertgrößte deutsche Stromerzeuger werde auf eine rein regionale Größe schrumpfen oder sich schrittweise aus den zukunftsträchtigen Sparten der Stromerzeugung wie der Windkraft verdrängen lassen.

Logo auf dem Dach der EnBW-Zentrale in Karlsruhe
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Der Energieversorger EnBW will in den kommenden Jahren sieben Milliarden Euro investieren und damit den Anteil der erneuerbaren Energien von heute zwölf auf 40 Prozent der Stromproduktion hochschrauben.

Foto: EnBW

"EnBW wird zum ‚Maschinenraum der Energiewende‘, kündigte der jetzige EnBW-Chef Frank Mastiaux, der bei E.on die Sparte für erneuerbare Energien aufbaute, kämpferisch in Stuttgart an. Das zumindest ist für die Ingenieure und Techniker des Unternehmens eine gute Nachricht.

Ob der Konzernlenker die Ziele erreicht, ist unsicher. Der radikale Umbau der deutschen Energiewirtschaft trifft EnBW ungleich härter als größere Wettbewerber. Der südwestdeutsche Versorger stützte seine Stromerzeugung vor dem Kernkraft-Einschnitt der Bundesregierung vor zwei Jahren zu mehr als 50 % auf die hochprofitable Nuklearenergie – mehr als jeder andere deutsche Stromversorger. Für den Schwenk hin zu erneuerbaren Energiequellen sind jedoch zunächst Investitionen in Höhe von Milliarden Euro erforderlich, deren Finanzierung dem Konzern schwerfällt.

Anteil der erneuerbaren Energien soll auf 40 Prozent erhöht werden

Mastiaux glaubt dennoch, dass er die Wende schaffen kann. EnBW werde "in den kommenden Jahren" 7 Mrd. € investieren und damit den Anteil der erneuerbaren Energien von heute 12 % auf 40 % der Stromproduktion hochschrauben.

"Die EnBW-Strategie 2020 ist ein klares Bekenntnis zur Energiewende, ohne Wenn und Aber", sagte der Konzernchef, der im Oktober 2012 die Führung übernommen hat. Neben die – im Südwesten traditionell starke – Wasserkraft solle die Onshore-Windkraft als zweite Säule treten. Allein 3,5 Mrd. € der Investitionen entfallen auf Windparks an Land. Seine Onshore-Leistung will EnBW von heute 170 MW auf 1750 MW hochschrauben. Offshore-Wind sei eine "weitere Wachstumsoption", sagt Mastiaux.

Beim Umbau setzt der Karlsruher Konzern vorrangig auf das konzerninterne eigene technische Know-how. "Bisher haben wir häufig Parks von Windparkentwicklern erworben. Künftig werden wir deutlich mehr selbst entwickeln", erläuterte ein Sprecher. "Dabei setzen wir auf unsere Bestandskompetenz auf."

Entwicklungsarbeit solle mehr und mehr auch Dritten angeboten werden. Ferner will sich das Unternehmen künftig im Repowering-Markt tummeln, also bei der Aufrüstung bestehender Windparks mit leistungsstarken, neuen Turbinen. Hier sieht EnBW ein Marktvolumen von 10 000 MW bis zum Jahr 2020.

Ingenieurkompetenz vorhanden

Der Konzern verfüge schon heute über die nötige Ingenieurkompetenz für die Umsetzung der Pläne, versicherte der Sprecher. Die Folgen für die Zahl der Jobs wollte er nicht beziffern. An einen Stellenabbau ist aber offenbar nicht gedacht: "Wir haben keinen Ingenieurüberhang."

Auch bei anderen Berufsgruppen führt das Umbauprogramm im EnBW-Konzern nicht unbedingt zu Stellenstreichungen über das laufende Sparprogramm namens "Fokus" hinaus. Derzeit stehen 20 000 Menschen auf den Lohnlisten. "Es kann sein, dass wir 2020 mehr Mitarbeiter haben als heute", sagte Finanzchef Thomas Kusterer sogar.

Dennoch – der Umbau wird zum größten Kraftakt, seitdem der Konzern Ende der 90er-Jahre aus der Fusion mehrerer baden-württembergischer Regionalversorger entstanden ist. Das zeigen die Gewinnziele vonMastiaux. Bis 2020 will er ein bereinigtes operatives Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 2,5 Mrd. € erreichen. Schafft er es, landet er am Ende einer möglichen zweiten Amtszeit ziemlich genau auf demselben Gewinnniveau, von dem sein Vorgänger Hans-Peter Villis zwölf Jahre zuvor gestartet war – wenn auch unter ganz anderen Bedingungen.

Klar ist: EnBW bleibt nach dem Plan von Mastiaux ein vertikal integrierter Konzern, dessen Produktionskette vom Kraftwerk bis zur Steckdose beim Privatkunden reicht. Fast die Hälfte der Investitionen soll in die Modernisierung des Netzes fließen. Auf der Absatzseite setzt der Konzern vor allem auf eine bessere Kooperation mit Stadtwerken.

Um die Ergrünung des Energieversorgers zu finanzieren, plant der Vorstand umfangreiche Beteiligungsverkäufe. Auf der Verkaufsliste könnten beispielsweise die Mehrheit an den Stadtwerken Düsseldorf oder Beteiligungen am Mannheimer Versorger MVV oder der Oldenburger EWE stehen. Doch über die Details schweigen Mastiaux und Kusterer sich einstweilen aus.

Strategische Neuausrichtung ist ein Muss

Beobachter sehen die fehlende Konkretisierung mit Skepsis. "Die Eckdaten zur strategischen Neuausrichtung haben uns nicht wirklich überzeugt", sagte der Analyst Mario Kristl von der DZ-Bank. Bisher seien die Erfolge bei der Umsetzung eines laufenden Desinvestitionsprogramms jedenfalls arg überschaubar. Gleichzeitig lasteten die hohen Nettoschulden von rund 8 Mrd. €. "Der Abbau wird nur schleppend vorabkommen", prophezeit Kristl.

Aber ein "Weiter so" kann es für EnBW auf keinen Fall geben. Das weiß auch der Vorstandschef: "Die strategische Neuausrichtung ist ein Muss." Sonst könnte irgendwann die Existenz in Gefahr geraten.

Wie tief der Fall des Konzerns bereits ist, belegt die finanzielle Entwicklung der letzten Zeit. Der operative Cash Flow stürzte seit 2009 von 2,4 Mrd. € auf knapp 860 Mio. € im vergangenen Jahr ab. Das zeigt, wie sehr die innere Finanzierungskraft des Unternehmens und damit auch der Spielraum für Investitionen in den Aufbau eines Portfolios an erneuerbarer Energie abgenommen haben.

Das nötige Geld glaubt Finanzchef Kusterer dennoch einspielen zu können – vor allem dank der geplanten Beteiligungsverkäufe, die bis zu 2,7 Mrd. € einspielen sollen.

Mastiaux muss aber nicht nur die Bilanz sanieren, ihm bleibt auch aus politischen Gründen keine Alternative zum Öko-Kurs. Mit der grün-roten Landesregierung in Stuttgart als Großaktionär mit einem Anteil von 46,5 % ist ein Beharren auf der fossilen oder nuklearen Stromerzeugung undenkbar – selbst wenn eine künftige Bundesregierung das Energiewendetempo nach der Wahl im September aus Kostengründen drosseln sollte.  

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Von Michael Gassmann | Präsentiert von VDI Logo
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