Energiewirtschaft RSS Feeds  | Alle Branchen Energiewirtschaft-Visual-dv2012025
22.07.2013, 12:59 Uhr | 1 |

Zukunft unklar Desertec droht als Fata Morgana zu enden

Vor vier Jahren war die Initiative Desertec mit dem Ziel angetreten, Strom aus der Wüste nach Europa zu liefern. Doch die Projekte kommen nur schleppend voran, mehrere Gesellschafter haben sich zurückgezogen, und nun ist es auch noch zum Bruch zwischen Initiative und Stiftung gekommen. Die Desertec-Manager geben sich kleinlaut.

Sonnenkraftwerk
Á

Solch ein Sonnenkraftwerk wollte das Desertec-Konsortium in Nordafrika bauen. Doch nach dem Ausstieg wichtiger Partner und Machtkämpfen unter den Desertec-Gesellschaftern ist unklar, ob das Projekt noch realisiert werden kann.

Bildquelle: DLR

Sandstürme gibt es in der Wüste häufig. Darauf haben sich die Wüstenstromvisionäre der Desertec-Initiative in ihren Planungen eingestellt (s. Kasten). Dass aber nun in Deutschland ein Sturm der Gesellschafter der Dii GmbH das einst ehrgeizige Konzept durcheinanderwirbelt, war nicht vorgesehen. Die Desertec Foundation, die sich die Förderung der Idee auf die Fahnen geschrieben hat, liegt überkreuz mit der Dii, jener Gesellschaft, die sich um die handfeste Realisierung kümmern sollte.

2009 hatte es noch eine breite Allianz von Nichtregierungsorganisationen, Politik und Wirtschaft gegeben, die das gigantische Vorhaben unterstützten, Sonne aus der Wüste für 15 % der Stromversorgung Europas zu nutzen. Siemens-Chef Peter Löscher schwärmte vom "Apollo-Projekt des 21. Jahrhunderts".

Doch die Umsetzung der kühnen Vision ließ auf sich warten. Paul van Son, Geschäftsführer der Desertec-Industrie-Initiative (Dii), verbrachte die meiste Zeit auf Konferenzen und Meetings, wo er vor den Regierungsvertretern Nordafrikas für sein Konzept warb. Das Misstrauen war groß, manche witterten europäischen "Neokolonialismus". Christophe de Margerie, Chef des französischen Mineralölkonzerns Total, spottete in der Presse über "die Kopfgeburt" von Ingenieuren.

Siemens stieg im Frühjahr aus – Spanien blockiert Stromtransport

Die Desertec-Macher stießen auf unerwartete Hindernisse. Zunächst brach der Arabische Frühling aus, der die Frage der Energiewende in den Hintergrund rückte. Dann ging Solar Millennium pleite, jenes Unternehmen, das als Anlagenprojektierer für solarthermische Kraftwerke als ein Eckpfeiler in der deutschen Industrie für die Desertec-Vision stand. In diesem Frühjahr dann stellte auch Siemens seine Solarthermieaktivitäten ein.

Schließlich blockierte auch noch Spanien die Durchleitung des Wüstenstroms von Afrika nach Europa. "Bisher exportierte Spanien seinen Strom nach Marokko", erklärt Robert Werner, Geschäftsführer der Hamburg Institut Consulting. "Warum sollte das Land diese Einnahmequelle abgeben?"

Dennoch konnte die Dii GmbH in den letzten Monaten kleine Fortschritte vermelden. Mehrere Länder zeigten zunehmendes Interesse an erneuerbaren Energien in der Wüste. "Es tut sich viel, aber nicht so viel wie erwartet", sagte Dii-Geschäftsführer van Son auf einer Konferenz des Frankfurt School Verlags.

In Marokko wird das erste solarthermische Kraftwerk gebaut

Zum Vorreiter entwickelte sich Marokko. Im Mai wurde der Grundstein für das erste solarthermische Kraftwerk in Ouarzazate nahe der Sahara gelegt. Kosten: 700 Mio. €. Davon trägt alleine Deutschland über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gut 115 Mio. €. Bis 2016 soll das Kraftwerk eine halbe Million Kunden mit Strom versorgen.

Das eigentliche Vorzeigeprojekt von Desertec mit dem Namen "Sawian" (arabisch für Zusammenarbeit) in Marokko kam bisher nicht recht voran – wegen unterschiedlicher Auffassungen. Dii-Chef van Son sprach sich für eine kleinere Planung und somit gegen Stromexporte nach Europa aus. Das verärgerte die Partner bei der Desertec Foundation.

In den letzten Wochen versuchte der Holländer van Son immer mehr das ursprüngliche Konzept kleinzureden. Die Vorstellung, dass Strom aus der Sahara das Energieproblem in Deutschland löse, sei ein Missverständnis, erklärte er auf der Africa Business Week in Frankfurt. Es gehe darum, hauptsächlich den wachsenden Energiebedarf der Mena-Staaten (Mena: Mittelmeer-Anrainerländer, im Nahen Osten und Nordafrika) mit Öko-Strom zu decken.

In den nächsten fünf bis zehn Jahren werde es eher so sein, dass Europa Strom nach Afrika exportiere. Strom von der Wüste nach Europa werde frühestens zwischen 2020 und 2030 fließen, meinte van Son Ende Juni in Frankfurt. Dabei sollte es eigentlich schon 2016 so weit sein. Mit der Abkehr von den ursprünglichen Zielen stieß van Son selbst innerhalb der Dii GmbH auf Widerstand. Mit Co-Geschäftsführerin Agaia Wieland lieferte sich der Holländer einen monatelangen Machtkampf, der schließlich eskalierte: Kürzlich trat Wieland zurück.

Desertec-Stiftung zog sich vom Desertec-Projekt zurück

Doch der Rückhalt der Gesellschafter der Dii GmbH schwindet. Vor zwei Wochen zog die Desertec-Stiftung die Reißleine und trat aus. Man sei verärgert über die öffentlichen Auseinandersetzungen und irritiert darüber, dass der Export des Wüstenstroms nach Europa aufgekündigt worden sei, begründete Thiemo Gropp, Direktor der Desertec Foundation, den Ausstieg.

Die Vision von Desertec sei nicht gestorben, betonte Gropp gegenüber den VDI nachrichten. An dem Konzept und den Zielen habe sich nichts geändert. Man werde sich weiter für die Nutzung erneuerbarer Energien in den Wüstenregionen einsetzen.

"Das Tischtuch ist derzeit durchtrennt", gibt van Son zu. "Wir sind aber an zwei Tischen und reden miteinander." Er fühlt sich in der Öffentlichkeit falsch verstanden. Die Dii sei nie Anlagenbauer oder Projektentwickler gewesen. "Wir sind Koordinator und Wegbereiter" für die Energiewende in Nordafrika. "Uns geht es um die Verbindung von Märkten und Energieaustausch", sagte er.

Vor Kurzem hat die Dii in ihrer Studie "Getting started" 50 Standorte für Vorhaben in der Mena-Region identifiziert. Für die Entwicklung erster Solar- und Windkraftprojekte wäre eine Anschubfinanzierung von 50 Mio. € nötig. Energieexperte Werner sieht gute Chancen vor allem für Anlagen mit sogenannter Concentrated-Solar-Power-Technologie wie der Parabolrinnentechnik.

Münchener Rück und RWE glauben weiter an Desertec

Aus der Dii GmbH hat sich inzwischen über ein Dutzend Firmen zurückgezogen. Die übrig gebliebenen 19 Gesellschafter, darunter Münchener Rück und RWE, glauben weiter an das Konzept. RWE hat kürzlich den Zuschlag für einen kombinierten Solar- und Windpark in Marokko bekommen. Bis 2015 soll die Anlage in Betrieb gehen. "Das Potenzial für erneuerbare Energien ist enorm in Afrika", sagt Olaf Heil, Leiter Wasserkraft und neue Technologien von RWE Innogy.

Von Notker Blechner | Präsentiert von VDI Logo
Zur StartseiteZur Startseite
MEHR ZUM THEMA
schlagworte: 
kommentare
23.07.2013, 09:02 Uhr Schwachstrom
Korrekturen

Notker Blechner hat ganz offensichtlich einiges von Desertec (der Desertec-Idee, der Desertec-Foundation, der Desertec-Industrie-Initiative und deren Arbeit) missverstanden, oder er ist mit unzutreffenden Informationen versehen worden – ob absichtlich oder unabsichtlich, bleibt dahingestellt. Daher sind einige KOrrekturen angebracht.

Es hat nie „ein Desertec-Projekt“ gegeben: Desertec war und ist von Anfang an eine Vision aus einer Vielzahl einzelner unterschiedlicher Einzelprojekte. Die Dii ist, wie van Son richtig sagt, „Koordinator und Wegbereiter“, kein Projektmanager oder Developer. Manchen Medien scheint der vor vier Jahren von ihnen losgetretene Desertec-Hype, allen voran die Süddeutsche Zeitung, offensichtlich heute noch peinlich zu sein. Viele sind offensichtlich auch deshalb ins Lager der Kritiker übergeschwenkt.

Bis vor kurzem unterstützten 36 Assoziierte Partner und 22 Gesellschafter die Dii GmbH, von den Gesellschaftern haben genau drei nach den drei Jahren Erstlaufzeit die Verträge nicht verlängert (von den Assoziierten Partnern die Hälfte, etliche hatten ihre Mitarbeit auf genau drei Jahre angelegt). Die Motive dafür waren insgesamt völlig unterschiedlicher Art. Natürlich gab es auch einander widerstrebende Interessen.

Blechner schreibt weiter: „Mit der Abkehr von den ursprünglichen Zielen stieß van Son selbst innerhalb der Dii GmbH auf Widerstand. Mit Co-Geschäftsführerin Agaia [richtig: „Aglaia“] Wieland lieferte sich der Holländer einen monatelangen Machtkampf, der schließlich eskalierte: Kürzlich trat Wieland zurück.“ Das ist eine bereits zuvor von vielen Journalisten nachgebetete und auch von Herrn Blechner ungeprüft übernommene Unwahrheit. Dii-Sprecher Schmidtke hatte schon am 5. Juli gesagt, es gebe “keinen Richtungsstreit sondern eine persönliche Auseinandersetzung zwischen den beiden Geschäftsführern”.Bei dieser „persönlichen Auseinandersetzung“ handelte es sich um eine teilweise sehr unwürdige Intrige. Frau Wieland trat nicht zurück – sie wurde von der großen Mehrheit der Gesellschafter gefeuert.
Paul van Son hat zudem den Strom-Export nach Europa nie aufgekündigt - er hat ihn realistischerweise im Licht der aktuellen Lage relativiert. Diese vernünftige Sicht der Dinge wurde von van Sons Gegnern, von denen offensichtlich auch einige Informationen in diesem Artikel stammen, in böser Absicht zum Richtungsstreit hochgejuxt.

Der Ausstieg der Desertec Foundation ist sehr bedauerlich, verrät er doch mangelnde Weitsicht: Die DF verstößt ihr Kind (die von ihr angeregte Dii mit ihrer Vision vom Wüstenstrom) und nimmt ihm auch noch den Namen weg. Damit schadet sie sich selbst und zieht die Seriosität ihres Anliegens in Zweifel. Das ist schade.

Dennoch hat die Desertec-Vision genug Dynamik, um sich auf mittlere Frist durchzusetzen. Sowohl der MENA-Raum als auch Europa brauchen im großen Stil den Ersatz für die (künstlich herunter-subventionierten und zu Ende gehenden) fossilen Energieträger durch Erneuerbare Energien – im Interesse eigener Entwicklung und Versorgungssicherheit, aber auch zur Eindämmung des CO2-Ausstoßes. Daher glaubt noch immer die große Mehrheit der Gesellschafter (neben den neu Hinzugekommenen) völlig zu Recht an die Desertec-Vision. Ihre Umsetzung darf nicht an ein paar kleinkarierten Rankünen scheitern

Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden