07.08.2013, 22:23 Uhr | 0 |

Solarworld vor Pleite gerettet Auch Aktionäre stimmen mit 99 % dem Sanierungsplan zu

Deutschlands größter Solarkonzern steht vor der Rettung: Nach den Gläubigern haben am Mittwochabend auch die Aktionäre des letzten großen deutschen Solarmodulherstellers Solarworld für den Sanierungsplan von Vorstandschef und Großaktionär Frank Asbeck gestimmt. 99 Prozent des anwesenden Kapitals stimmte für den Plan.

Solarworld-Chef Frank Asbeck
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Der Vorstandsvorsitzende von Solarworld, Frank Asbeck, warb auf der außerordentlichen Hauptversammlung am Mittwoch im alten Plenarsaal des Bundestages in Bonn für seinen Rettungsplan. Die Mehrheit der Aktionäre folgte ihm und rettete damit den angeschlagenen Solarmodulhersteller. Solarworld ist der letzte große Hersteller mit einer Fertigung in Deutschland.

Foto: dpa

Es war die Woche der Wahrheit: In Gläubigerversammlungen und einer außerordentlichen Hauptversammlung am Mittwoch konnte Solarworld-Chef Frank Asbeck die Gläubiger und Aktionäre davon überzeugen, mit seinem Sanierungsplan das letzte deutsche Unternehmen, das Solarmodule in Deutschland herstellt, zu retten. Asbeck glaubte von Anfang an die Rettung seines Unternehmens: „Ich bin 100 Prozent sicher, dass das klappt“,  sagte er vor dem ersten Gläubigertreffen in einem Interview mit dem WDR. Einen Satz, den er auch auf der außerordentlichen Hauptversammlung am Mittwoch in Bonn wiederholte.

Allerdings wurde die Hauptversammlung im früheren Plenarsaal des Bundestages in Bonn ausgesprochen turbulent. Stundenlang dauerten die Diskussionen, die auch in Vorwürfen gegen Unternehmensgründer Asbeck gipfelten. Erst kurz vor 22 Uhr war klar, dass Asbeck bei der Abstimmung der Aktionäre die große Mehrheit von 99 Prozent erreicht hatte.

55-prozentiger Schuldenschnitt

Bereits das erste Gläubigertreffen am Montag verlief positiv: Die Gläubiger, die 150 Millionen in eine Anleihe investiert hatten stimmten mit 99,9 Prozent für die Rettungspläne und tauschen damit 55 Prozent ihres Geldes gegen neue Aktien. Und auch die Geldgeber der zweiten Anleihe in Höhe von 400 Millionen Euro stimmten am Dienstag fast einstimmig (99,8 Prozent) dem Schuldenschnitt zu. Damit reduzieren sich die Schulden von mehr als 900 auf 427 Millionen Euro. Die Investoren verzichten somit auf sehr viel Geld und erhalten zudem für ihr Restgeld Aktien, deren Wert noch völlig unklar ist.

Kapitalschnitt: 150 Aktien verschmelzen zu einer einzigen Aktie

Die Aktionäre trifft der Schuldenschnitt besonders hart. Demnach verschmelzen 150 Aktien auf nur eine einzige Aktie. Im Anschluss ist eine Kapitalerhöhung geplant, die dazu führen soll, dass Altanleger am Ende noch fünf Prozent an dem Unternehmen halten. Trotzdem stimmten sie am Mittwoch in der außerordentlichen Hauptversammlung im früheren Plenarsaal des Bundestages in Bonn den Plänen Asbecks zu.

Es war die letzte Chance: Das hoch verschuldete Unternehmen Solarworld wäre definitiv in die Insolvenz gegangen, wäre auch nur eines der Gläubigertreffen negativ ausgegangen oder ein Teilnahmequorum von je 25 Prozent nicht zustande gekommen. Vor kurzem gemeldete, erneute Umsatzrückgänge und rote Zahlen stellten die Gläubiger mit ihrer Entscheidung vor eine harte Probe. Mit der Insolvenz wäre auch das letzte deutsche Unternehmen, das Solarmodule herstellt, Pleite gegangen.

Betroffen von dieser Entscheidung sind insgesamt 2400 Beschäftigte des Konzerns. Solarworld hat elf Standorte in acht Ländern. Im sächsischen Freiberg befindet sich der deutsche Hauptproduktionsstandort. Weiterhin hat das Unternehmen im US-amerikanischen Hillsboro eine wichtige Produktionsstätte und ist weltweit auch in Frankreich, Spanien, Singapur und Südafrika vertreten. 

Anlegerschützer: Schuldenschnitt besser als Insolvenz

Anlegerschützer hatten schon vor den Treffen den Anleihegläubigern geraten, dem Rettungsplan von Frank Asbeck inklusive des Schuldenschnittes zuzustimmen. „Aus unserer Sicht ist der Restrukturierungsplan klar besser als eine Insolvenz. Und Totgesagte leben ja meist dann doch länger, und das könnte auch hier zutreffen“, erklärte Daniel Bauer, Vorstandsmitglied der Anlegerschutzgemeinsacht SdK gegenüber Handelsblatt Online. „Denn die Solarbranche ist von einem enormen politischem Einfluss geprägt. Und dieser kann sich in Zukunft durchaus auch zu Gunsten von Solarworld drehen“, so Bauer.

Auch Solarworld-Gründer, Vorstandschef und Großaktionär Asbeck will helfen. Er kündigte auf der Hauptversammlung an, bei der Sanierung mit seinem privaten Vermögen zu helfen. Für rund 10 Millionen Euro will Asbeck Aktien nachkaufen. Weiterhin gibt es einen Großinvestor aus Katar, der mit 35 Millionen Euro bei Solarworld investieren will und außerdem mit einem Darlehen von 50 Millionen Euro helfen will.

Doch die Aktionäre gingen trotzdem mit dem Unternehmensgründer hart ins Gericht. Er habe die Entwicklung verschlafen und schwere Fehler gemacht. Auch von Selbstbereicherung war die Rede. Obwohl die Versammlung am Morgen begonnen hatten, wurde erst am Abend über den Sanierungsplan abgestimmt. Allerdings waren nur 31 Prozent im alten Bundestag vertreten und damit eine Zustimmung zum Rettungsplan sicher. Denn allein Asbeck selbst vertrat knapp 28 Prozent. Am Ende stimmten 99 Prozent des Kapitals für die Sanierung. Damit stimmten die Aktionäre zugleich dafür, dass ihre Aktien fast nichts mehr wert sind.

"Wir müssen diesen Braten, so unangenehm er aussieht, schlucken", sagte Roland Klose von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und kündigte schon am Vormittag Zustimmung an. "Wenn wir nicht zustimmen, dann ist heute um Mitternacht Schluss und Solarworld ist dann Geschichte", war Ralf-Jochen Ehresmann von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) und dem Dachverband kritischer Aktionäre der gleichen Meinung.

Zukunft von Solarworld ist wegen chinesischer Konkurrenz weiter offen

Die Zukunft des geretteten Unternehmens sehen Experten trotz Schuldenschnitts und neuen Aktionärsstruktur skeptisch. Obwohl in Deutschland seit Jahren ein Solarboom herrscht, leidet das Unternehmen an starken Umsatzeinbrüchen. Dem Spezialist für Sonnenenergie machen die billigen Produkte aus China Probleme.

Die Situation bleibt durch die Billigkonkurrenz aus China extrem angespannt. Daran ändert auch die Halbierung der Unternehmensschulden nicht. Die zwischen EU und China vereinbarte Preisuntergrenze für Solarmodule von 56 Cent pro Watt könnte für Solarworld noch zu niedrig sein: 56 Cent liegen unter den realen Produktionskosten, auch für die chinesischen Produzenten von Solarmodulen, erklärt der Sprecher des Verbandes „EU ProSun“, Milan Nitzschke, der zugleich Solarworld-Sprecher ist. Für das Bonner Unternehmen seien deutliche Gewinne erst ab 65 bis 75 Cent möglich, schätzen Insider.

Börsenkurs ist eingebrochen, Umsätze gehen stark zurück

„Operativ ist das Überleben immer noch nicht gesichert“, sagte Stephan Wulf, Analyst bei SES Research im Gespräch mit Handelsblatt Online. Seiner Meinung nach ist die Aktie des Unternehmens überbewertet und daher nicht attraktiv für Anleger. Vor fünf Jahre hatte das Unternehmen seine besten Zeiten, die Aktie notierte bei knapp 46 Euro. Inzwischen befinden sich die Aktien im Cent-Bereich und haben alleine in diesem Jahr über 50 Prozent ihres Wertes verloren.

Die Umsatzzahlen gingen in den vergangenen Jahren ebenfalls stark zurück. Lagen die Einnahmen vor drei Jahren noch bei 1,3 Milliarden Euro, halbierten sie sich vergangenes Jahr auf nur noch 606 Millionen Euro Solarworld rutschte damit in die roten Zahlen: 2011 waren es 307 Millionen Euro,  2012 stieg der Verlust auf 477 Millionen Euro. Optimist Asbeck ist trotz aller Kritik davon überzeugt, dass es nach dem Schulden- und Kapitalschnitt wieder bergauf gehen wird und Gewinne in den nächsten Jahren wieder möglich sein werden.

Solarworld hat 35 000 MW in Deutschland installiert

Das Unternehmen hat in Deutschland Solaranlagen installiert, die 35 000 Megawatt Kapazität haben und an Sonnentagen die Hälfte des deutschen Strombedarfs liefern können. Doch in der Realität sieht es anders aus: Die Sonne scheint zu wenig und die Anlagen konnten im Jahr 2012 nur fünf Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland decken. Hinzu kommt, dass die EEG-Umlage die Verbraucher inzwischen mit rund zehn Milliarden Euro belastet.

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Von Petra Funk
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