21.03.2013, 14:30 Uhr | 1 |

Vorzeitiger Verschleiß Studie: Hersteller produzieren gewollt technischen Schrott

Er ist eingeplant und gezielt in die heutigen Elektro- und Elektronikgeräte eingebaut: der vorzeitige Verschleiß. Rund 140 Milliarden Euro jährlich kostet das die Verbraucher, haben die Grünen jetzt ausgerechnet und fordern flankierende Gesetze gegen die geplante Obsoleszenz.

Jede Menge Elektroschrott: Das ist die Folge, wenn immer mehr kurzlebige Produkte produziert werden.
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Jede Menge Elektroschrott: Das ist die Folge, wenn immer mehr kurzlebige Produkte produziert werden.

Foto: Bernd Thissen/dpa

„Es gibt sie noch, die guten Dinge.“ So lautet das Manufactum-Motto. Das Kaufhaus mit Stammsitz in Waltrop hält sich seit 25 Jahren beharrlich am Markt. Und das trotz der Preise, die einem den Atem stocken lassen. Da wechselt zum Beispiel eine klassische Bankerleuchte grün – das ist die, die man aus Hollywood-Filmen kennt – für stolze 335 Euro den Besitzer. Einen Gasherd mit Elektrobackofen kann man sich für 4400 Euro liefern lassen. Mit solchen Produkten stemmt sich Manufactum gegen einen Trend, der einen sperrigen Namen besitzt: die geplante Obsoleszenz.

Besonders ärgerlich: der fest verbaute Akku bei Elektrozahnbürsten

Eine Studie im Auftrag der grünen Bundestagsfraktion mit eben diesem Titel offenbart jetzt, was jeder schon ahnte. In vielen, vor allem in elektrischen und elektronischen Geräten, ist ein schneller Verschleiß herstellerseitig erwünscht. Besonders ärgerliche Beispiele sind die Elektrozahnbürsten, bei denen der Akku fest verbaut ist. Macht der Akku schlapp, kommt die ganze Elektrozahnbürste zum Elektroschrott. Einfach nur frech ist die Praxis, in Druckern Zählwerke mitlaufen zu lassen, die bei Überschreitung einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten den Drucker lahm legen. Setzt man den internen Zähler wieder auf Null, so druckt der angeblich defekte Kerl weiter munter Seite um Seite aus.

Diese geplante Obsoleszenz kostet die Verbraucher sehr viel Geld. Laut Studie sind es fast 140 Milliarden Euro, die sie für den gewollten technischen Schrott zu viel ausgeben. Grünen-Umweltexpertin Doro Steiner sagt deshalb empört: „Eingebaute Schwachstellen – zum Beispiel durch den Einsatz von billigem Plastik statt Metall – sind eine Schweinerei.“

Viele Elektrogeräte angeblich schon mehr als zehn Jahre alt

Die Hersteller der beanstandeten Produkte sind im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindstrie (ZVEI) organisiert. Und der im ZVEI für die Fachverbände Elektro-Haushalt-Großgeräte, Elektro-Haushalt-Kleingeräte sowie Elektro-Hauswärmetechnik zuständige Geschäftsführer Werner Scholz widerspricht der zentralen These der Grünen-Studie von der geplanten Obseleszenz äußerst vehement: „Elektro-Hausgeräte sind langlebig“, betont er und präsentiert Zahlen. Von den fast 180 Millionen Geräten in deutschen Haushalten seien fast 75 Millionen älter als zehn Jahre. Das ist natürlich so nur sehr schwer zu überprüfen, liefert letztlich aber auch keinen Beweis dafür, dass die These von der geplanten Obsoleszenz Humbug ist. Denn vor zehn Jahren wurden Elektrogeräte noch solider gebaut. Da hatte der Mixer noch Zahnräder aus Metall. Heute werden in solche Handmixer standardmäßig minderwertige Plastik-Zahnräder eingebaut. Und diese nutzen sich nun einmal schneller ab oder werden vom Schmiermittel zerfressen. Das ist eine Tatsache, an der auch der ZVEI nicht vorbeikommt.

Und es stimmt wohl auch, dass solche geplanten frühen Produkt-Tode eine lange Tradition haben. Bekannt ist das Phoebuskartell, das im Dezember 1924 von den international führenden Glühlampenherstellern in Genf gegründet wurde. Sie legten in diesem Kartell fest, dass die Glühbirnen nach 1000 Stunden Brenndauer kaputt gingen. Der vorgeschobene Grund für die bewusst verkürzte Lebensdauer war, dass nach mehr als 1000 Stunden die Lichtausbeute nicht mehr so optimal sei. Dieses Kartell existierte bis 1942. Vermutet wird, dass derartige Absprachen im Glühlampenbereich auch heute noch existieren.

Treibender Faktor hinter dieser vermeintlich geplanten Obsoleszenz ist der Preis für ein Produkt. Beispiel Waschmaschine. Eine wirklich hochwertige Waschmaschine kostet im Fachhandel mehr als 1000 Euro. In den bunten Werbebeilagen in der Tageszeitung werden aber auch Waschmaschinen für 299 Euro angeboten. Wie passt das zusammen? Im Billigmodell stecken kleinere, weniger leistungsfähige Heizstäbe, die dann eben schon nach fünf Jahren den Geist aufgeben. Der Laugenbehälter beim Billigprodukt ist aus Plastik und nicht mehr aus dem früher üblichen Edelstahl. Und so dürfte es eher eine Melange aus Kostendruck und Schnäppchenjägermentalität sein, das der Langlebigkeit von Produkten entgegenwirkt. Die Autoren der Studie räumen deshalb auch ein wenig kleinlaut ein, dass ein wirklicher Vorsatz „nur sehr schwer nachweisbar“ sei.

Ertappt: Bewusst unterdimensionierte ELKOS entdeckt

„Geplanter Verschleiß ist ein Massenphänomen“, behauptet Verbraucher-Experte Stefan Schridde, der die Studie für die Grünen-Bundestagsfraktion zusammen mit dem Aalener Ökonomieprofessor Christian Kreiß erstellt hat. Schridde nennt Beispiele: Für Schuhsolen werden Gummisorten verwendet, die schnell abreiben und verklebt sind, sodass man die Sohle nicht tauschen kann. In Jacken gibt es Reißverschlüsse, deren Zähne spiralförmig angeordnet sind, weshalb sie frühzeitig den Dienst versagen. Oder der Dreh mit den ELKOS, das sind Elektrolytkondensatoren, zum Beispiel in Computern. „ELKOS sind Grundbausteine in Elektrogeräten und essentiell für die Frage der Nutzungsdauer bei vielen Produkten. Nachgewiesen werden konnte, dass viele ELKOS unterdimensioniert ausgewählt wurden, obwohl die Kosten für ELKOS mit positiver Wirkung auf eine Verlängerung der Nutzung um fünf bis zehn Jahre Jahre unter einem Cent liegen“, kritisiert Schridde. Besonders ärgerlich ist es, wenn man den defekten unterdimensionierten ELKO noch nicht einmal austauschen lassen kann, weil es wie beim MacBook verklebt statt verschraubt ist. Die Grünen-Verbraucherexpertin Nicole Maisch nennt die aufgedeckten Tricks der Hersteller eine „ökologisch fatale Einbahnstraße“ und fordert gesetzliche Regelungen: „Wir brauchen eine ganzheitliche Rohstoffstrategie, klare Vorgaben für die Reparierbarkeit und Austauschbarkeit von Einzelteilen und die Überarbeitung der Gewährleistungs- und Garantierechte.“

Für Stefan Schridde ist klar, warum die Hersteller auf Kurzlebigkeit setzen: „Die Strategie allmählicher Qualitätsverschlechterung wird in Form steigender Gewinne belohnt.“ Der Mann vom ZVEI hält dem die Intelligenz des Verbrauchers entgegen. Werner Scholz: „Die Hersteller wären schlecht beraten, wenn sie so handeln würden. Ein Verbraucher, dessen Waschmaschine schon nach relativ kurzer Zeit kaputt geht, wird das nächste Gerät sicherlich von einem anderen Hersteller kaufen.“

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Von Detlef Stoller
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kommentare
06.04.2013, 00:07 Uhr Stefan Schridde
Vorsatz sollte man jemanden nur vorwerfen, wenn man dafür Zeugen oder Belege hat. Daher haben wir uns in der Studie bewusst (und nicht kleinlaut) für die gewählte Formulierung entschieden. In den meisten Fällen geplanter Obsoleszenz gehen wir von grober Fahrlässigkeit aus. Vorrangige Verantowrtung hieran trägt die gewollte Unterlassung im Management, keinerlei Anstregungen zu unternehmen oder zu fördern, die bei sonst annähernd gleichen Kosten zu einer deutlichen Verlängerung der Haltbarkeit oder Verbesserung der Reparierbarkeit führen würden.

Herr Scholz verkennt, dass die von ihm zitierte Studie ebenso zeigt, dass mehr als 60% der benannten Haushaltsgroßgeräte jünger als 10 Jahre sind, 40% sogar jünger als 5 Jahre.

Da Hersteller ihre Stratgien kopieren und letztlich der Handel festlegt, was im Sortiment vorhanden ist, haben die kaufenden Kunden kaum eine Chance, durch einen Herstellerwechsel dem Problem selbst zu entgehen.

Ebenso sind es meist geringe Kostensteigerung, die durch eine Steigerung der Haltbarkeit ausgelöst werden, da die damit verbundenen Materialkosten nur einen sehr geringen Anteil an den Produktgesamtkosten ausmachen (z.B. bei einer Laugenpumpe in der WaMa ca. 1 EUR, d.h. 25% im EK).

Bedauerlich ist, dass durch die geplante Obsoleszenz Ingenieure gezwungen sind, ihre Expertise zum Schaden der Gesellschaft einzusetzen. Wir könnten heute sicher deutlich bessere und sinnvollere Produkte haben, wenn sich Kaufleute und Ingenieure in der Lage sähen, zum Wohle der Gesellschaft und nicht alleine für die Kapitalgeber zusammen zu arbeiten.

An einem direkten fachlichen Austausch mit Ingenieuren bin ich besonders interessiert und freue mich über jede Kontaktaufnahme. Die von uns erstellte Studie kann hier www.murks-nein-danke.de/blog/studie runterladen werden. Dort finden sich auch alle Kontaktdaten.

Stefan Schridde
Hauptautor der Studie "Geplante Obsoleszenz"

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