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08.06.2016, 10:03 Uhr | 0 |

Technik für Gehörlose Mit der Haarspange und Ohrringen Geräusche spüren

Wenn demnächst Haarspangen, Brillen oder Ohrringe von Passanten in unterschiedlichsten Rhythmen vibrieren, bitte keine Panik. Vielleicht hat der Träger nur eine neue Vibrationsspange von Fujitsu angelegt, die ihm Geräusche mittels Vibration übermittelt. Diese neue Technik soll Gehörlosen den Alltag erleichtern.

Hörhilfe Ontenna
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Besondere Haarspange: Fujitsu hat eine Hilfe für Gehörlose namens Ontenna entwickelt. Mit ihr kann der Träger Geräusche in der Umgebung über das Haar wahrnehmen.

Foto: Ontenna

So wie Katzen feinste Luftwirbel mit den Schnurrhaaren wahrnehmen und damit spüren können, dass ein fester Körper sich in ihrer Nähe bewegt, kann eine neuartige Haarspange dem Träger über Licht und Vibrationen Klang übermitteln.

Ontenna hat der Elektronikkonzern Fujitsu seine Hilfe für Gehörlose genannt. Sie erlaubt es dem Nutzer, Geräusche in der Umgebung über das Haar wahrzunehmen.

Geräusche als Vibrationen und Lichtstufen 

Das System funktioniert so, dass in der Spange eingebaute Mikrophone Geräusche in der Umgebung aufnehmen. Geräusche zwischen 30 und 90 dB werden in 256 verschiedene feine Vibrationen und Lichtstufen umgesetzt. Damit können der Rhythmus, das Muster, die Lautstärke und andere Klangqualitäten dem Gehörlosen über das Haar übermittelt werden.

Mit dem kleinen Gerät, das in die Haare wie eine Spange gesteckt wird, kann der Gehörlose dann lernen, ein Vibrationsmuster einem bestimmten Geräusch wie beispielsweise der Haustürklingel oder dem Klingeln des Telefons zuzuordnen. Um ein bestimmtes Geräusch interpretieren zu können, ist laut Hersteller lediglich ein halbstündiges Training notwendig. Das Augenmerk liegt dabei auf Geräuschen in der Umgebung und weniger auf der Sprachwahrnehmung.

Zeichensprache hat ihre Grenzen

Entwickelt wurde Ontenna von Tetsuya Honda, einem Studenten an der School of Systems Information Science  der Future University Hakodate in Japan. Hondas Ziel ist es mit Hilfe von Technologie und Design Gehörlosen Klang auf andere Art und Weise zu vermitteln, damit sie ihre Umgebung besser wahrnehmen können.

Inspiriert wurde der Japaner durch Erfahrungen in seiner Schulzeit. „Bei Katastrophenübungen konnten die Gehörlosen in meiner Schule nur wissen, dass sich etwas abspielte, indem sie Informationen aus ihrer Umgebung aufnahmen“, erläutert Honda. „Denn wenn es um bestimmt Umgebungsinformationen geht, hilft Gehörlosen auch Zeichensprache nicht.“

Prototypen der Vibrationsspange aus dem 3D-Drucker

Für sein Projekt erhielt der Japaner auch staatliche Forschungsmittel von der Governmental IT Promotional Agency. Mit Hilfe von 3D-Druckern produzierte Honda bereits über 200 Prototypen.

Auch Stereo hören ist durchaus denkbar. Theoretisch müsste es möglich sein, dass mit zwei Ontenna-Spangen rechts und links ins Haar gesteckt die Quelle des Geräusches besser zu orten ist. So könnte es möglich werden, dass der Gehörlose beispielsweise das Geräusch eines Auto, das sich hinter ihm bewegt, erkennen lernt. Schwierigkeiten macht allerdings bislang noch die Umsetzung menschlicher Sprache in eindeutige Vibrationsmuster.

Versuchspersonen testen Ontenna

Umfangreiche Tests mit Gehörlosen und deren Erfahrungen mit dem Gerät sollen sowohl in Japan, aber auch im Ausland – zunächst in Amerika – in Kürze starten. Ziel ist es, so viele Erfahrungen zu sammeln wie möglich. An einer Miniaturisierung wird ebenfalls gearbeitet.

Videoquelle: Ontenna

Ontenna soll auch nicht unbedingt nur im Haar getragen werden. Es gibt eine Version, bei der das Gerät wie ein Ohrring am Ohr getragen wird. Auch der Einbau in eine Art Brille wird getestet. „Wir haben bisher schon mit vielen Körperteilen experimentiert. Ältere Menschen mit weniger Haar, finden die Haarspange nämlich weniger praktisch“, so Honda. Langfristiges Ziel ist es, dass der Nutzer in Zukunft auch Klangfarben erkennen kann.

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO zählt Schwerhörigkeit in den Industrieländern zu den sechs am häufigsten auftretenden Erkrankungen. Das gilt auch für Deutschland, wo etwa jeder fünfte Bürger, der älter als 14 Jahre ist, wegen seiner Schwerhörigkeit medizinisch behandelt werden muss. An Hörgeräten, die sich vollständig in das menschliche Ohr einschieben lassen, arbeiten Fraunhofer-Forscher vom Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM. 

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Von Peter Odrich
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