12.11.2014, 07:02 Uhr | 0 |

Kalk gegen Schimmel Verstärkte Dämmung sorgt für Renaissance des Kalkputz

Kalkinnenputz für Neubauten – das ist ein aktueller Trend für umweltbewusste Bauherren. Während der Kalkputz für Denkmäler und Altbauten nie aus der Mode kam, wird der Wohlfühlbaustoff in den letzten Jahren zunehmend für Neubauten entdeckt. Die Nachfrage steigt, aber das macht nicht alle Kalkputz-Hersteller glücklich.

Badezimmer mit Wänden aus Kalkputz
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Badezimmer mit Wänden aus Kalkputz auch im Nassbereich ohne Fliesen: Kalkputze erleben eine Renaissance, weil sie dank ihres hohen pH-Wertes der Schimmelbildung vorbeugen.

Foto: Solo Calce/Thomas Kampeter

Der Baustoff Kalk erlebt zurzeit seine Renaissance, denn die Vorteile des uralten Materials werden gerade wiederentdeckt. Er reguliert das Raumklima, hält den Schimmelpilz aus der Wohnung fern und sieht gut aus. Auf der diesjährigen „Denkmal“ in Leipzig, es war die 11. Auflage der Messe für Denkmalpflege, Restaurierung und Altbausanierung, waren sich die ausstellenden Hersteller für Kalkputze in einem Punkt einig: Die Nachfrage nach Kalkinnenputzen wächst besonders stark für Neubauten. Dieser Trend führe teilweise zu schlechteren Produkten, befürchten manche Hersteller.

Nachfrage nach Kalkputzen durch Schimmelpilzproblematik gestiegen

„Wir laufen in der Beratung gerade heiß“, sagt Thomas Gramespacher von den Hessler Kalkwerken. Seit über 130 Jahren stellt das Familienunternehmen Produkte aus dem am Standort Wiesloch vorhandenen Kalksteinvorkommen her. In den letzten Jahren ist die Nachfrage vor allem nach Kalkinnenputzen bei der Sanierung und bei Neubauten rasant gestiegen.

Warum? „Ganz klar durch die Schimmelpilzproblematik“, sagt Gramespacher. „Bei der schnellen Bauweise heute können die Bauten nicht mehr richtig austrocknen und wenn dann alles gedämmt und abgedichtet wird, entsteht der Schimmel.“

Viele Bauherren hätten gehört, dass Kalkputz dagegen helfe und wollten das Problem auf diese Weise lösen. „Aber so einfach ist das nicht, die Lüftung muss auch bei einem Kalkputz gewährleistet sein.“

Die eigentliche Gefahr aber sieht Gramespacher darin, dass die neue Beliebtheit des Kalkes gleichzeitig zu seinem Verhängnis werden könnte. „Mit Kalk ist derzeit Geld zu machen, deshalb springt die Industrie auf den Zug auf und entwickelt schnell neue Produkte, die mit einem ordentlichen Kalkputz nur noch wenig zu tun haben.“

Kalk verbessert das Innenraumklima

Das sieht Uwe Szielasko ähnlich. Der Fachberater des Unternehmens für Naturbaustoffe Haga aus dem schweizerischen Rupperswil hält die Schimmelpilzproblematik, die durch verstärkte Abdichtung vor allem der Fenster entstanden sei, für die Ursache der steigenden Nachfrage von Kalkinnenputzen. Schimmel entwickelt sich am besten bei pH-Werten zwischen 3 und 9. Rauhfasertapeten bieten mit ph-Werten von 5 bis 8 ideale Bedingungen. Ganz anders dagegen Kalk. Der ist so stark basisch, dass Schimmel keine Chance hat. Szielasko: „Kalkputze haben pH-Werte von 11, 12 und mehr. Da hat es jeder Schimmelpilz extrem schwer.“

Auch die Feuchtigkeit, die ein Pilz zum Wachsen braucht, liefert der Kalkputz auch nicht. Das Wasser werde zwar eingesaugt und ziehe in die Wand ein, werde aber bei Trockenheit wieder abgegeben. „Bei diffusionsgeschlossenen Flächen, wenn die Wand zum Beispiel mit Dispersion gestrichen wurde, gibt es dagegen Kondensatausfälle, bei dem das Wasser in der Wand bleibt“, so Szielasko.

Neben der Schimmelpilzproblematik sei auch das Bewusstsein der Leute für das Innenraumklima extrem gestiegen, meint der Baustoffexperte. Der Kalk könne Schadstoffe in der Luft binden, etwa Formaldehyde. „Diese Neutralisierung kommt durch den Karbonisierungsprozess des Kalkes. Wenn Kalkstein verbrannt wird, verliert er circa 20 Prozent des Eigengewichtes. CO2 und Feuchtigkeit gehen aus dem Stein. Das holt er sich, wenn er an der Wand ist, alles wieder aus der Luft zurück.“

Kalk bindet Gerüche: Sogar Dunstabzugshaube kann überflüssig werden

Außerdem seien die geruchsneutralisierenden und antibakteriellen Eigenschaften des Kalkes schon lange bekannt, so Szielasko. „Man kennt das aus den Viehställen, die man früher gekalkt hat. Der Frischeeffekt, den man in einem Raum mit Kalkputz hat, kann sogar eine Dunstabzugshaube in der Küche überflüssig machen.“

Bei der Herstellung der Produkte sei die Reinheit des Kalkes und die Art der Zusatzstoffe ausschlaggebend. „Unser Kalk aus dem Jura hat einen Calciumcarbonatanteil von 98 Prozent und wir machen eine Volldeklaration unserer Produkte. Wie viel Kalk tatsächlich im Produkt enthalten ist, kommt dann auf die Einsatzweise an. Aber heute darf man schon von einem Kalkputz reden, wenn drei Prozent Kalk enthalten sind. Das ist eigentlich ein Witz.“

Konventionelle Industrie springt auf den Zug auf

Dass die verstärkte Nachfrage der Bauherren auch die Industrie auf den Plan gerufen hat, sieht Szielasko genau wie sein Kollege Gramespacher kritisch. „Wir machen das seit über 60 Jahren und jetzt springt auch die konventionelle Industrie auf den Zug auf“, so Szielasko. Zwar müsse man das Rad nicht neu erfinden, denn Kalkputz gebe es seit tausenden von Jahren. „Unsere Rezeptur ist genau die gleiche, wie das, was die Römer schon gemacht haben.“

Doch wichtig sei die Frage, welche Stoffe ein Kalkputz überhaupt enthält. Szielasko: „Volldeklaration kriegen sie von den wenigsten Herstellern. Da steht dann meistens kleingedruckt: Verarbeitungsfördernde Hilfsstoffe.“

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Von Gudrun von Schoenebeck
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