24.10.2013, 14:56 Uhr | 0 |

Siemens soll Brandschutz richten BER-Technikchef Horst Amann muss seinen Posten räumen

Der Aufsichtsrat des Flughafens Berlin Brandenburg hat Technikchef Horst Amann von seinem Posten als Geschäftsführer abgesetzt und zum Chef einer Tochtergesellschaft gemacht. Die Probleme mit dem Brandschutz, die wesentlich für die Verzögerungen sind, soll jetzt der Münchner Technologiekonzern Siemens lösen.

Check-in-Schalter im neuen Flughafen Berlin Brandenburg
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Check-in Schalter in der Empfangshalle im Terminal des neuen Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg: Jetzt soll Siemens die Probleme des Brandschutzes lösen. Allerdings braucht der Konzern dafür inklusive der Vorbereitungen bis 2015. Unterdessen wurde Technikchef Horst Amann seines Postens enthoben.

Foto: dpa-Zentralbild

Nach einem monatelangen Streit zwischen Technikchef Horst Amann und Flughafenchef Hartmut Mehdorn hat der Aufsichtsrat nun Amann von seinem Posten am Mittwochabend abberufen. Mehdorn übernimmt das Technikressort zusätzlich.

Der erst im Sommer 2012 als großer Hoffnungsträger nach Berlin geholte ehemalige Chefplaner des Frankfurter Flughafens, der Bauingenieur Horst Amann, soll sich künftig um die Tochtergesellschaft Flughafen Energie und Wasser GmbH kümmern. Diese betreibt das Strom-, Wasser-, Abwasser-, Wärme- und Kältenetz der bestehenden Flughäfen Tegel und Schönefeld sowie des neuen Flughafens Berlin Brandenburg „Willy Brandt“.

Verkehrsexperte Hofreiter: Wowereit sollte Aufsichtsrat verlassen

„Wir wollen, dass dieser Bereich entwickelt wird“, entgegnete der kommissarische Chef des Aufsichtsrates, Klaus Wowereit (SPD), auf die Frage, ob Amann lediglich einen Versorgungsposten erhalten habe. Der Regierende Bürgermeister Berlins sprach von einer Entscheidung „in gegenseitigem Einvernehmen“. Der neue Hoffnungsträger der Bundes-Grünen, der Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter, kritisierte die Absetzung Amanns scharf und forderte Konsequenzen. „Die Zustände am BER haben ein Ausmaß erreicht, das man sich kaum vorstellen kann“, sagte Hofreiter. Er forderte den amtierenden Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) auf, „endlich Verantwortung zu übernehmen und nicht weiter so zu tun, als hätte er mit all dem nichts zu tun“. Auch an die Adresse des kommissarischen Aufsichtsratschef Wowereit keilte Hofreiter: „Wowereit sollte den Aufsichtsrat völlig verlassen, statt weiter die Lösung der Probleme zu stören.“

Amann klagt über „Aggressivität“ und „Pflichtverletzungen“

Der heiklen Personalie Amann waren erbitterte Auseinandersetzungen mit Mehdorn vorausgegangen. Mehdorn ließ kolportieren, dass Amann lediglich Verwalter der Mängelliste sei. Dieser hatte als erste Bestandsaufnahme der Situation am Flughafen eine Liste mit mehr als 60 000 Mängeln erstellt, die als Grundlage für alle weiteren Entscheidungen dienen sollte. Schon im September hatte Mehdorn in einen Brief an Wowereit die kurzfristige Absetzung seines Technikchefs gefordert. Amann setze alles daran, „das Unternehmen zu diskreditieren“, schrieb Mehdorn.

Amann wiederum kritisierte Mehdorn als Blender, der öffentlichkeitswirksam Symbolpolitik betreibe wie die Idee der Teileröffnung des Nordflügels mit lediglich zehn Flügen pro Tag. Wörtlich beklagte Amann sich über Mehdorns „Aggressivität“. Von „Pflichtverletzungen und Missständen“ war die Rede. Am 16. September  forderte Amann Aufsichtsratschef Wowereit ultimativ auf, reinen Tisch zu machen. „Entweder ist meine Tätigkeit und Funktion (wieder) zu stärken oder es sind alternativ in Erfüllung meines Geschäftsführervertrages die Konsequenzen zu veranlassen.“ Kurz: Die Atmosphäre zwischen beiden war extrem vergiftet.

Kein Starttermin mehr in diesem Jahr

Wowereit, der am Mittwoch erneut zum stellvertretenden Vorsitzenden des Aufsichtsrates gewählt wurde, kündigte an, dass in diesem Jahr kein Starttermin für den Flughafen mehr festgelegt wird. „Wir werden erst dann einen Zeitpunkt bestimmen, wenn wirklich erkennbar ist, dass die Sache so auf dem Weg ist, dass da wirklich nichts mehr schief geht.“

Das klingt zunächst einmal ganz klug, denn zu oft schon sind für den Flughafen nach dem ersten Spatenstich am 6. September 2006 großspurige Eröffnungstermine genannt worden, die dann kleinlaut wieder einkassiert werden mussten. Zunächst war der 30. Oktober 2011 als großer Tag der Eröffnung genannt worden, dann kam Juni 2012 ins Gespräch, dann wurde der März 2013 genannt, zuletzt war mit dem 27. Oktober 2013 der kommende Sonntag als Eröffnungstag avisiert. Nach viermaligen Absagen ist man bei der Flughafengesellschaft vorsichtiger geworden.

Spekulationen über den Herbst 2015

Jetzt wird über den Herbst 2015 spekuliert, das sind zwei weitere Jahre oder 24 Monate Stillstand. Und jeder Monat, an dem auf dem Flughafen kein Flieger abhebt, kostet mindestens 35 Millionen Euro. Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Grünen-Fraktionschef Hofreiter, hat an dieser Summe allerdings seine Zweifel: „Die Kosten der Baustelle liegen wohl eher bei 40 bis 50 Millionen Euro im Monat als bei den bislang bekannten 35 Millionen.“

Die Kosten würden immer weiter steigen, solange es keinen Aufsichtsratschef gibt, der ausreichend Zeit in die Tätigkeit investieren könnte, meint Hofreiter. „Die vom Aufsichtsrat ins Spiel gebrachten fünf Milliarden Euro sind offenbar Ausfluss des neuen Fertigstellungsplans der Geschäftsführung“, glaubt Hofreiter, der auf einen Eröffnungstermin drängt. „Der Flughafen braucht endlich eine funktionierende Geschäftsführung und einen verbindlichen Terminkorridor.“

Jetzt soll Siemens den Brandschutz richten

Mehdorn gibt sich in Sachen Eröffnungstermin extrem kurz angebunden: „Genug der Blamage, es wird erst geredet, wenn wir wissen, worüber.“ Dafür soll jetzt der Münchner Technologiekonzern Siemens sorgen. Am Dienstag unterzeichnete Siemens den Vertrag über Zusatzleistungen. Siemens soll regeln, wie die Frischluft im Falle eines Brandes auf dem Flughafen strömt. „Die heutige Vertragsunterzeichnung ist ein wichtiger Meilenstein bei der Realisierung des BER“, erklärte Flughafenchef Hartmut Mehdorn am Dienstag. Der Deal mit Siemens ist 14 Millionen Euro schwer. Dafür wird Siemens umfangreiche Umbauten vornehmen.

Siemens soll dafür sorgen, dass die Türen von der Entrauchungsanlage gesteuert werden und auch die graduelle Nachströmung von Frischluft unterstützen. Denn als Fachleute kürzlich bei Tests im Terminal künstlichen Rauch absaugten, zeigte sich, dass die Luft nicht so nachströmt, wie es geplant war. Im Gegenteil: In den großen Hallen des Flughafenarchitekten Meinhard von Gerkan verwirbeln die gewaltigen Frischluftströme den Qualm eher, anstatt ihn über die Dächer nach oben auszustoßen. Der Flughafen sieht die Ursache darin, dass die Brandschutztüren sich nur ganz öffnen oder schließen – damit sich ein Feuer nicht ausbreiten kann. So sind die Türen von der Firma Bosch, die die Brandmeldeanlage einbaute, auftragsmäßig konzipiert.

„Gerkan wollte Wände durch Lüfter ersetzen.“

Siemens will die Kabel zu Frischluftklappen, Rauschutzvorhängen und Fenstern neu verlegen. Zudem müssen die hoffnungslos überbelegten Kabeltrassen entwirrt werden. Der größte Abschnitt des ganzen Brandschutzsystems, die Anlage 14, sie dient dem Schutz der Gepäckausgabe und des Übergangs zum unterirdischen Bahnhof, soll jetzt in drei Teile zerlegt werden, um sie überhaupt beherrschbar zu machen.

Das ist in vielen Bereichen des Flughafens das große Problem. Alles ist ein Stück zu riesig dimensioniert. „Gerkan wollte Wände durch Lüfter ersetzen“, klagen die Ingenieure bis heute. Im Ursprungskonzept für den Rauchabzug war nur ein zentraler gewaltiger Lüfter im Keller vorgesehen. Doch der hätte die Hallen nicht nur vernebelt, sondern in kleinen Räumen durch den gewaltigen Sog auch zuviel Luft herausgesaugt. Diese Idee hatte das zuständige Bauordnungsamt des Brandenburger Landkreises Dahme-Spreewald nicht genehmigt.

ÜSSPS als zentrale Steuerungsidee

Jetzt sollen drei Lüfter die Zu- und Abluft bei einem Brand in Haupthalle, Gebäudeteilen und Zwischengeschossen bewegen. Auch die nachströmende Frischluft bei der sogenannten Entrauchung will Siemens jetzt in sieben Segmente aufteilen. Trotzdem sollen diese sieben Segmente zentral und digital gesteuert werden. ÜSSPS nennen die Ingenieure ihre Steuerungsidee, was ausgeschrieben „Übergeordnete Sicherheitsgerichtete Speicherprogrammierbare Steuerung“ heißt.

Das oberkritische Bauordnungsamt scheint die Idee von ÜSSPS akzeptiert zu haben und hat dem Grundkonzept des neuen Brandschutzsystems von BER und Siemens schon zugestimmt. Im Januar des kommenden Jahres soll die genehmigungsfähige Planung stehen. Dann stehen 18 intensive Monate auf dem Plan für den Umbau, für die Abnahme, für Test- und Probeläufe. Vorsorglich hat Siemens schon einmal erklärt, dass diese 18 Monate aber nur dann ausreichen, wenn Siemens vom Bauherrn die dafür nötigen Planungsunterlagen erhalte und wenn die versprochenen baulichen Vorleistungen erbracht werden. Die Flughafengesellschaft muss also zunächst ihre Hausaufgaben machen, bevor Siemens loslegen und den Brandschutz umbauen kann.

„Manchmal ist der Teufel ein Eichhörnchen.“

Nach dem Umbau wird es ernst: Dann muss sich das Brandschutzsystem im entscheidenden und finalen Test des Flughafenbetriebes mit tausenden Komparsen in allen Bereichen bewähren. Dieser Megatest reicht vom Check-in über den Koffertransport und dem Boarding bis hin zum Brand- und Katastrophenfall. Wenn dabei alles reibungslos funktioniert, dann wäre der Flughafen vielleicht schon im Frühsommer 2015 am Start und könnte von der Bauaufsicht abgenommen werden. Dann folgt noch eine halbjährige Probephase, bevor im Herbst 2015 dann endlich der Vollbetrieb auf dem Flughafen „Willy Brandt“ losgehen könnte. Doch darauf möchte sich bei dieser Häufung von Pannen niemand festlegen. Mehdorn sagt dazu nur: „Manchmal ist der Teufel ein Eichhörnchen.“

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Von Detlef Stoller
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