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Ausgewählte Ausgabe: 7/8-2017 Ansicht: Modernes Layout
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Erneuerbare Energien weltweit

Trotz eines vergleichsweise geringen Energiepreisniveaus hat in den letzten Jahren die Nutzung des erneuerbaren Energieangebots global deutlich zugenommen. Diese Entwicklung wird – wie auch in den vergangenen Jahren – getrieben von Energieautarkiebestrebungen, den nach wie vor fallenden Preisen bei einigen Optionen zur Nutzung regenerativer Energien, der in vielen Schwellenländern schnell und stark wachsenden Energie- und insbesondere Stromnachfrage sowie – zumindest in einigen OECD-Staaten – dem Bestreben, das Paris-Abkommen zum Klimaschutz zumindest ansatzweise ernst zu nehmen. Auch werden einige Optionen zur Nutzung erneuerbarer Energien (zum Beispiel Biomasse, Wasserkraft) vielfach bereits seit Jahren zum Teil in einem beachtlichen Ausmaß genutzt; das heißt, erneuerbare Energien sind in vielen Ländern bereits heute ein integraler Bestandteil speziell der ländlichen Energieversorgung. Dies gilt neben der Biomasse zur Bereitstellung thermischer Energie insbesondere für die Erzeugung elektrischer Energie; Stromerzeugungsanlagen unter anderem auf der Basis von Wasser, Biomasse, Wind und Solarstrahlung trugen 2016 mit rund der Hälfte zur jährlich neu installierten elektrischen Leistung bei und realisieren global etwa ein Fünftel der Stromerzeugung. Demgegenüber zeigte eine Wärme- und Kraftstoffbereitstellung auch 2016 nur einen unterdurchschnittlichen Anstieg; hier ist die Wachstumsdynamik deutlich weniger ausgeprägt im Vergleich zum Stromsektor. Auch ist zu erwarten, dass in den kommenden Jahren regenerative Energien weitergehend genutzt werden; das größte absolute und relative Wachstum wird wahrscheinlich die Photovoltaik und die Windenergie zeigen.


Im Jahr 2016 waren weltweit rund 487 GW elektrischer Leistung in Windkraftanlagen installiert. Im Bild der Offshore-Windpark Riffgat.

Im Jahr 2016 waren weltweit rund 487 GW elektrischer Leistung in Windkraftanlagen installiert. Im Bild der Offshore-Windpark Riffgat.

Kostengünstige und jederzeit verfügbare Energie ist der Treiber der globalen Industrialisierung und (mit-) verantwortlich für den in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegenen Wohlstand in den meisten der politisch weitgehend stabilen Volkswirtschaften. Jedoch sind die Ressourcen der fossilen Energieträger, die heute nach wie vor den Löwenanteil der globalen Energieversorgung abdecken, global sehr ungleichmäßig verteilt. Und ihre Nutzung ist mit erheblichen Auswirkungen auf die lokale / regionale Umwelt und insbesondere das Klima verbunden; letzterer Punkt kann als wissenschaftlich nahezu zweifelsfrei nachgewiesen gelten, auch wenn einige Staaten dies aus (innen-)politischen Gründen nicht akzeptieren wollen und eine entsprechend gegenläufige Politik realisieren (zum Beispiel USA unter der Trump-Administration).
Im Kontext dieses Spannungsfeldes sind die folgenden globalen Entwicklungstrends im weltweiten Energiesystem erkennbar, die letztlich eine weitergehende Nutzung der regenerativen Energien auch im Jahr 2016 (mit-)bestimmt haben.

  •  Die kaum regulierte ungehemmte Industrialisierung in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern hat insbesondere in den dortigen „Megacities“ zu einer von der dort ansässigen Bevölkerung kaum noch akzeptierbaren Luftverschmutzung geführt, durch die es zunehmend zu massiven gesundheitlichen Einschränkungen kommt. Um deshalb weitergehenden Schaden von einer tendenziell global stark wachsenden städtischen Bevölkerung abzuwenden, muss bei der jeweiligen Energieversorgung zunehmend umgesteuert werden; dies inkludiert oft auch eine verstärkte Nutzung regenerativer Energien.
  •  Energiepolitik ist immer auch Wirtschaftspolitik; das heißt, in vielen Ländern soll Energiepolitik unmittelbar auch zu Schaffung von Arbeitsplätzen und von Wohlstand führen. Deshalb muss es das politische Ziel jeder Volkswirtschaft sein, eine sichere Energieversorgung zu gewährleisten. Vor dem Hintergrund der starken Preisvariationen auf den globalen Energiemärkten, der politischen Instabilitäten in einigen erdölexportierenden Staaten und der mit dem Energieimport gegebenenfalls verbundenen politischen Abhängigkeiten streben viele auch insbesondere der großen Volkswirtschaften zunehmend höhere Autarkiegrade bei der Energieversorgung an – auch mit dem Ziel, die natürlichen Ressourcen im eigenen Land im Hinblick auf die Schaffung von Arbeitsplätzen und damit von Wertschöpfung zu nutzen; ein typisches Beispiel ist Brasilien mit seinem Bioethanolprogramm. Derartige Bestrebungen bedeuten fast immer eine verstärkte Nutzung regenerativer Energien (Ausnahme: Nutzung der Shalegas-Vorkommen in den USA).
  •  In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ist der Grad der ländlichen Elektrifizierung (nahezu) gleichbedeutend mit Lebensqualität und Wohlstand. Aber die aus den Industriestaaten bekannten großtechnischen (zentralen) Lösungsansätze sind bei der oft geringen Besiedlungsdichte, den zum Teil großen Entfernungen und der (bisher) relativ geringen Energienachfrage in vielen Fällen (energie-)wirtschaftlich nicht sinnvoll darstell- beziehungsweise umsetzbar. Deshalb werden hier in den letzten Jahren vermehrt dezentrale Lösungen realisiert, die nahezu zwangsläufig regenerative Energien beinhalten, da diese dezentral oft sehr kostengünstige Lösungen bieten können.
  •  Auch wenn der Klimaschutz in den letzten Jahren nicht mehr die politische Bedeutung hat, wie dies in den 1990er- und den 2000er-Jahren der Fall war, ist doch die Minderung der Klimagasemissionen nach wie vor – zumindest in Westeuropa – auf der politischen Agenda, zumal in der Zwischenzeit nahezu alle Staaten in der einen oder anderen Form mehr oder weniger verbindliche Minderungsziele verabschiedet haben. Hinzu kommt, dass viele international agierende Unternehmen beziehungsweise internationale Organisationen / Verbände / Industrievereinigungen Selbstverpflichtungen im Bereich Klimaschutz eingegangen sind. Auch wenn sowohl die politischen als auch die privatwirtschaftlichen Ziele oft nicht wirklich bindend sind und nur schleppend umgesetzt werden, bedeutet dies aber trotzdem zumeist zwangsläufig eine weitergehende Nutzung regenerativer Energien. Auch wenn bestimmte Staaten (zum Beispiel USA) aus dem Klimaabkommen aussteigen (wollen), ist doch aus heutiger Sicht davon auszugehen, dass diese Entwicklung global weitergehen wird, wenn auch zunehmend verlangsamt.
  •  Getrieben von den Industriestaaten, aber auch unterstützt durch viele Entwicklungs- und Schwellenländer, soll sich die weitergehende Entwicklung unserer globalen Gesellschaft zunehmend an den nach wie vor nur vergleichsweise unkonkret formulierten Nachhaltigkeitszielen ausrichten. Dies ist weitgehend unstrittig, da diese Entwicklungsziele viel Raum für individuelle Interpretationen der mit der konkreten Umsetzung dieser Ziele verbundenen Maßnahmen lassen; weitgehender Konsens ist dabei aber eine verstärkte Nutzung des erneuerbaren Energieangebots.
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Autoren

Dr.-Ing. Janet Witt

Jahrgang 1976, studierte Versorgungstechnik an der Fachhochschule Erfurt und Project Managements (Energy and Environment) an der University of Northumbria in Newcastle, Großbritannien. Seit 2002 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Bioenergiesysteme am DBFZ tätig und leitet dort die AG Märkte und Nutzung.

Prof. Dr.-Ing. Martin Kaltschmitt

Jahrgang 1961, Studium an der Technischen Universität Clausthal, Promotion an der Universität Stuttgart. Dort Abteilungsleiter am Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung, Habilitation auf dem Gebiet erneuerbarer Energien.
Von 2001 bis 2008 war er Geschäftsführer des Instituts für Energetik und Umwelt gGmbH in Leipzig. Als wissenschaftlicher Geschäftsführer war er von 2008 bis 2010 am DBFZ tätig. Seit 2006 ist er Leiter des Instituts für Umwelt und Energiewirtschaft (IUE) der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH).

Dr.-Ing. Sebastian Janczik

Jahrgang 1979, promovierte im Bereich Regenerative Energiesystemtechnik mit dem Schwerpunkt Nutzung der Tiefen Geothermie an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH). Seit 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Umwelttechnik und Energiewirtschaft der TUHH. Seit 2016 ist er Mitarbeiter am Leipziger Institut für Energie GmbH in Hamburg.

M. Sc. Annika Magdowski

Jahrgang 1988, promoviert seit 2014 im Bereich Regenerative Energiesystemtechnik mit dem Schwerpunkt der Energiesystemmodellierung für nationale und internationale Anwendungsgebiete an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH). Von 2015 bis 2017 Mitarbeiterin beim Leipziger Institut für Energie GmbH, Niederlassung Hamburg.

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