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Ausgewählte Ausgabe: 7/8-2017 Ansicht: Modernes Layout
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Erdkabelvorrang war die richtige Entscheidung


STROMNETZE | Eine der großen Herausforderungen für das deutsche Energienetz ist weiterhin die zuverlässige Einspeisung und Übertragung von erneuerbarer Energie. Der notwendige Ausbau des Wechselstrom-Höchstspannungsnetzes wie auch der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) über jeweils mehrere hundert Kilometer Trassenlänge war bereits 2012 durch die Bundesnetzagentur beschlossene Sache. Die Politik erkannte, dass der Bau der großen Nord-Süd-Stromautobahnen nur mit Erdkabeln durchzusetzen ist. Ende 2015 wurde daher der Erdkabelvorrang auf dieser Netzebene gesetzlich verankert. Der internationale Vergleich zeigt: Es war die richtige Entscheidung. Denn in der Bevölkerung genießen Erdkabel eine viel höhere Akzeptanz.
Inzwischen haben die Energienetzbetreiber ihre Planungsdefizite durch die anfänglichen politischen Unsicherheiten behoben und konnten Vorschlagskorridore für die Verlegung der Erdkabelprojekte erarbeiten. Nun läuft die Präqualifizierung von Kabellieferanten, um die technische Umsetzung zu spezifizieren. Es zeigt sich jedoch das enorme Erfahrungsdefizit Deutschlands auf dem Gebiet der Erdverkabelung: Nur ein Bruchteil des deutschen Hochspannungsnetzes verläuft bislang unterirdisch. So fehlen wichtige Erfahrungswerte für den Ausbau der Energieübertragungsnetze. Andere Länder haben durch ihren hohen Anteil an Erdverkabelung bereits deutlichen Vorsprung. Hierzulande gibt es hingegen viele Wissenslücken, was die Leistungsfähigkeit der Komponenten angeht.
In dieser Frage können Kabelhersteller wie die Prysmian Group eindeutig grünes Licht geben. Denn das geplante Spannungsniveau von 525 kV stellt die heute verfügbare und bereits erprobte Kabeltechnik vor keine großen Herausforderungen mehr. So sind in anderen Ländern bereits zahlreiche Kabelverbindungen zwischen 500 und 600 kV in Betrieb. Bei Seekabeln sind sogar 800 kV nicht ungewöhnlich, wobei diese aufgrund der Besonderheiten der Verlegung am Meeresboden zusätzlich technisch deutlich anspruchsvoller sind.
Befürchtungen, dass Erdkabel eine starke Strahlung und Hitze produzieren würden, sind unbegründet. Die Isolierung funktioniert nachweisbar. Effekte wie elektromagnetische Strahlung gibt es durch die eingebaute Schirmung bei Erdkabeln nicht. Bei der in Deutschland üblichen Verlegetiefe von 1,70 m wird die Oberfläche bei Volllast um etwa 1 °C erwärmt. Die Verlegung geschieht durch fachlich abgesicherte Verfahren, um das Bodenprofil wieder so herzustellen, wie es vor der Kabelverlegung war.
Doch auch bei der Kabeltechnik herrscht weiter Nachholbedarf. Was technisch schon lange möglich und erprobt ist, wartet in Deutschland weiter auf Zulassung. Seit Jahrzehnten kommen bei Hochspannungskabeln lediglich öl-imprägnierte Materialien oder chemisch vernetzte Polyethylen-Kunststoffe (VPE) als Isolationen zum Einsatz. Sie verfügen über vergleichsweise schlechte Ökobilanzen und verhindern leichtere und leistungseffizientere Kabelkonstruktionen. Andere Länder wie Italien, die Niederlande und Spanien haben schon längst reagiert und neue Werkstoffe für Erdkabel zugelassen.
Ein Meilenstein ist unter anderem die 600-kV-P-Laser-Technologie, die Prysmian seit 2016 anbietet. Es ist das erste voll recycelbare, umweltfreundliche HGÜ-Kabelsystem, bei dem ein thermoplastisches Material zum Einsatz kommt – bekannt als HPTE (High Performance Thermoplastic Elastomer). Die Herstellung gelingt ohne chemische Reaktionen, für eine effizientere und ökologisch verträglichere Produktion als bei herkömmlichen VPE-Kabeln. Auch Deutschland würde von modernen Technologien wie P-Laser profitieren, indem Kabel dünner und durch das geringere Gewicht in größeren Längen gefertigt und transportiert werden könnten. Dadurch wären weniger Verbindungsmuffen notwendig. Die Kabel könnten zudem mit bis zu 90 °C Betriebstemperatur höhere Leistungen übertragen. Unterm Strich wären 15 bis 20 % Kosteneinsparungen möglich. Aber die Zulassung von Alternativen zu vernetzten Kunststoffen ist für den Hochspannungsbereich in Deutschland bislang nicht in Sicht.

Autoren

 Hans Koch

Geschäftsführer der Prysmian Group Deutschland, Berlin.