Noch keinen Zugang? Dann testen Sie unser Angebot jetzt 3 Monate kostenfrei. Einfach anmelden und los geht‘s!
Angemeldet bleiben
Ausgewählte Ausgabe: 6-2017 Ansicht: Modernes Layout
| Artikelseite 1 von 1

Blockchain: Hype oder Technologie der Zukunft?


ENERGIEHANDEL | Die Blockchain-Technologie emanzipiert sich in großen Schritten von der Finanzbranche. Durch den Einsatz der Blockchain könnte sich der Energiemarkt der Zukunft maßgeblich ändern. Weniger als zehn Jahre sind seit dem Start des prominenten Bitcoin-Projekts vergangen, in der Zwischenzeit gibt es kaum eine Industrie, die nicht an den Einsatzmöglichkeiten der Blockchain forscht und testet. Ihr zugrunde liegt die Idee eines „digitalen Grundbuchs“: Daten und Informationen werden niemals gelöscht, sondern stetig fortgeschrieben. Dank der Speicherung und Verschlüsselung der Transaktionsdaten auf den Computern sämtlicher Teilnehmer des Netzwerks ermöglicht die Blockchain neben dem Zahlungsverkehr die sichere Geschäftsabwicklung von Person zu Person.
Schon an den etablierten Kryptowährungen lässt sich das disruptive Potenzial beobachten. So ist ein direkter Zahlungsverkehr unter Verzicht auf Intermediäre wie etwa Banken oder Paymentdienste möglich. Damit ist die Blockchain höchst relevant für jegliche Formen der direkten Geschäftsabwicklung zwischen zwei Parteien. Das Besondere ist, dass die Blockchain Vertrauen zwischen unbekannten Personen erzeugt.
Einsatzbereiche könnten vom Optimieren von Supply Chains, über die Transaktion von Zertifikaten bis hin zu automatisierten Geschäftsprozessen reichen. In der Energiewirtschaft sind zahlreiche Anwendungsbereiche denkbar und schon erste Testläufe zu beobachten. So könnte die Blockchain zu einem Baustein der Energiewende werden: In Zeiten dezentraler Stromerzeugung und -speicherung birgt der direkte Handel zwischen zwei Parteien, dem Erzeuger und dem Verbraucher, große Potenziale. Dieses Blockchain-Szenario ermöglicht den Stromhandel in der direkten Nachbarschaft und würde das Geschäftsmodell der großen Energieversorger in Frage stellen. Erste Testprojekte mit geringer Teilnehmerzahl sind etwa in New York bereits umgesetzt worden. Mit Hilfe eines Blockchain basierten Netzwerks können Teilnehmer dort ohne Mittler Strom anbieten und nachfragen sowie individuelle Liefervereinbarung abschließen. Ferner ist es möglich, den Strom direkt zu liefern und die Zahlung digital abzuwickeln. Auch andere Projekte, etwa bei der Abrechnung an Ladestationen für Autos oder für eine vereinfachte Zählerstandsabrechnung, sorgten für Aufsehen und bergen disruptive Potenziale.
Die mögliche Blockchain-Revolution in der Energiebranche sieht viele mögliche Anwendungsfelder und elektrisiert die Entwickler. Es muss aber betont werden, dass die Technologie derzeit oft noch auf technische und wirtschaftliche Hürden für den massenhaften Einsatz trifft. Der Peer-to-Peer (P2P)-Handel zwischen begrenzten Teilnehmern ist zwar heute schon technisch machbar, doch die Blockchain-Systeme sind aktuell noch rechen- und auch energieintensiv. Auch lange Verarbeitungszeiten stehen einem reibungslosen Einsatz im großen Rahmen noch im Weg, schließlich erwarten Nutzer Echtzeittransaktionen, die noch nicht immer zu leisten sind.
Ein Kritikpunkt ist, dass viele Teile des Großhandels im Energiemarkt, also der Transfer zwischen Kraftwerksbetreibern und Großverbrauchern, schon heute hochautomatisiert sind. Strombörsen können nur dann wirklich obsolet werden, wenn ein Wandel der Geschäftsmodelle eintritt. Denkbar wäre, dass vermehrt kleine und mittlere Erzeuger in die Direktvermarktung mit den Endkunden einsteigen.
Schon heute ist erkennbar, dass die meisten Wettbewerber im Energieökosystem das Thema Blockchain in ihre Forschungs- und Entwicklungsprogramme einbinden. Die neue Technologie wird in großen Schritten an Marktreife gewinnen. Player wie etwa die Energieversorger tun gut daran, sich mit eigenen Dienstleistungen rund um die Blockchain zu beschäftigen und entsprechende Geschäftsmodelle oder darauf basierende Services am Markt zu etablieren, auch wenn die eigenen Geschäftsmodelle dadurch zunächst selbst unter Druck geraten können. Die neue Technologie wird Einzug in verschiedene Bereiche der Energiebranche und der gesamten industriellen Wertschöpfungskette erhalten. Jetzt gilt es für die Unternehmen, sich in eine aussichtsreiche Ausgangsposition zu begeben.

Autoren

 Konstantin  Graf

Senior Consultant und Team Manager bei Altran in Hamburg.