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Ausgewählte Ausgabe: 5-2017 Ansicht: Modernes Layout
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Mineralöl

Seit Gründung der Opec gab es innerhalb und außerhalb des Kartells Bestrebungen, dessen Förderpolitik mit den nicht angeschlossenen Ölförderländern zu koordinieren, und zwar meistens bei niedrigen Preisen. Aber auch nicht vom Ölpreis abhängige Institutionen sind zeitweise für eine stärkere Abstimmung der Ölförderung eingetreten. So hat die Internationale Energieagentur (IEA) ab den neunziger Jahren mehrfach eine zwischen Förder- und Abnehmerländern koordinierte Mengensteuerung vorgeschlagen. Damit sollte die hohe Volatilität des Ölpreises gedämpft werden. Die Agentur wollte damit nicht nur die disruptive Wirkung eines schnellen Ölpreisanstiegs auf die Wirtschaftsentwicklung armer (Entwicklungs-) Länder verhindern, sondern auch eine möglichst gleichmäßige Investitionstätigkeit zur Erschließung weiterer Vorkommen erreichen. Dies mahnt sie auch heute noch an [1]. Doch weder volkswirtschaftliche Einsicht noch finanzieller Druck hatten es in den vergangenen Jahrzehnten geschafft, einen Kürzungsbeschluss von Opec- und Nopec (Nicht-Opec)-Ländern zustande zu bringen, der länger als einige Monate hielt.


Die Raffinerie Antwerpen.

Die Raffinerie Antwerpen.

Abschreckendes Beispiel war dabei die Opec (Organization of the Petroleum Exporting Countries) selbst. Über lange Zeiträume gelang es der Organisation nicht, die vereinbarten Mengen einzuhalten. Zwar gab und gibt es ein Monitoringkomitee, das die Einhaltung der Mengen kontrollieren und sogar je nach Preisentwicklung steuern soll, aber mangels Sanktionsmöglichkeiten blieb es bei den gegenseitigen Versprechen. Die einzige reale Sanktionsmöglichkeit hatten die Saudis, die davon auch zweimal Gebrauch gemacht haben: den Markt mit Öl zu fluten. Immer wieder hatten sie die Rolle des „Swing-Producers“ übernommen, der die Produktion senkte, wenn andere überzogen oder die Nachfrage schwächelte, unter Inkaufnahme von Marktanteilsverlusten. Andererseits konnten sie schnell ihre Produktion erhöhen, wenn andere Ölförderländer die Produktion senkten oder ganz ausfielen. So konnten sie die Rolle des Öl als zuverlässige Energiequelle stärken.
Als die Saudis durch die Anwendung der hydraulischen Fließverbesserung („Fracking“) im Schiefergestein in den USA selbst mit einer Ölschwemme konfrontiert wurden, griffen sie überraschend zu demselben Mittel. Das erklärte Ziel war es, die teilweise unsolide finanzierten Fracking-Unternehmen in den USA durch niedrige Preise unrentabel werden zu lassen [2]. Das ist zwar nur zum Teil gelungen, aber der Ölpreis ist im steilen Fall von 115 auf 30 US-$ pro barrel (US-$/bbl) zurückgegangen. Das hat viele Länder stark unter Druck gesetzt, aber die Saudis nicht beirren können. Noch im Juni 2016 haben sie ihre Förderung auf ein Rekordniveau von über 11 Millionen barrel pro Tag (mbd) ausgeweitet.

Pleite in Doha

Parallel dazu liefen seit längerem Bemühungen, diese Überproduktion zu beenden. Die Bemühungen mehrerer Länder, die Produktion wenigstens auf dem Niveau von Januar 2016 einzufrieren („Oil freeze“), sollten in eine Konferenz in Doha münden. Dazu waren 18 namhafte Ölproduzenten eingeladen, darunter auch Nopec-Länder wie Russland. Der russische Präsident Putin hatte bereits im März in China davon gesprochen, dass eine Koordination für alle Beteiligten sinnvoll sei. Trotzdem misslang das Treffen von Doha. Iran war gar nicht erst erschienen, der iranische Ölminister bezeichnete den Vorschlag einer Mengenbegrenzung für sein Land als Witz. Damit wenigstens innerhalb der Opec Einigkeit herrschen sollte, wurde das Thema beim nächsten Treffen des Kartells Mitte des Jahres wieder behandelt. Auch bei diesem Treffen, das in Wien stattfand, kam aber nichts heraus. Jetzt machten die beiden Schwergewichte, Russland und Saudi-Arabien, Nägel mit Köpfen. Beim G-20-Treffen im September im chinesischen Hangzhou vereinbarten die beiden Energieminister, Alexander Novak und Khalid al-Falih, eine Arbeitsgruppe zur Stabilisierung des Ölpreises zu bilden. Sie sollte bereits im Oktober tagen. Beide Seiten hofften, dass sich durch eine Zusammenarbeit der beiden Fördergiganten ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage herstellen ließe. Der konkrete Weg dahin sollte auf einer Opec-Arbeitstagung in Algier festgelegt werden. Dort wurde vorgeschlagen, die Obergrenze für die 14 Opec-Mitglieder von 33,75 mbd auf 32,5 bis 33 mbd zu senken. Diese Obergrenze entsprach der tatsächlichen Förderung im August. Die Quoten für die einzelnen Mitgliedsstaaten sollten auf einer Opec-Tagung in Wien erarbeitet werden.

Historischer Beschluss mit so vielen Teilnehmern wie noch nie

Am 30. November 2016 fasste die Opec in Wien gemeinsam mit Förderländern außerhalb ihrer Organisation einen Kürzungsbeschluss. Das hatte es zwar schon zweimal gegeben, jetzt deuteten die Umstände aber darauf hin, dass der Beschluss auch eingehalten werden würde. Denn es machten mehr Nopec-Staaten mit als je zuvor. Die Opec selbst wollte die Ölproduktion in der ersten Jahreshälfte 2017 von 33,6 auf 32 mbd begrenzen, gemessen an der Oktober-Produktion eine Kürzung um 1,1 Mio. oder 3,3 %. Davon wollte Saudi-Arabien den größten Anteil mit einem Rückgang von 486 Tausend barrel/Tag (kbd) übernehmen, aber auch der Irak (– 210 kbd) und die Vereinigten Arabischen Emirate (– 139 kbd) wollten mitmachen. Iran dagegen wollte seine Produktion um 90 auf 3,8 mbd erhöhen, um mit diesen Petrodollars seine Ölwirtschaft nach dem UN-Embargo wieder in Gang zu bringen. Indonesien hat den Beschluss nicht unterstützt, seine Mitgliedschaft in der Opec wurde – wie bereits in der Vergangenheit – ausgesetzt [3]. Russland hatte zugesichert, um 300 kbd zu drosseln. Zehn weitere Nopec-Länder steuerten kleinere Beiträge bei. Saudi-Arabien hatte sein Angebot an die Kürzungsbereitschaft auch von Nopec-Ländern geknüpft. Der Ölpreis zog kurzfristig auf rund 53 US-$/bbl an.

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Autoren

 Karl-Heinz Schult-Bornemann

Dozent der Otto-von-Guericke-Universität, Magdeburg

Trend 2017

Die Aussichten für einen moderaten Preis beim Energiepreisführer Öl sind gut. Allein die vorhandenen Mengen kommerziell verfügbaren Öls reichen für eine preisdämpfende Wirkung bis weit in die Mitte des Jahres aus. Da die USA voraussichtlich ab 2020 auf dem Weltölmarkt als nennenswerter Nachfrager ausfallen werden, kommt es bis dahin auf zwei Faktoren an: Gelingt eine anhaltende Förderkürzung, wird dies eine Stabilisierung des Ölpreises zur Folge haben. Auf welchem Niveau zwischen 60 und 100 US-$/bbl lässt sich nicht seriös vorhersagen. Ebenso wichtig ist die Entwicklung der Nachfrage. Alle Prognosen der Fachleute, von der IEA bis zu Unternehmen wie BP und ExxonMobil, gehen von einem Anstieg aus. Dafür spricht viel. BP erwartet eine Verdoppelung des Welt-Fahrzeugbestandes in den nächsten 20 Jahren, andere Prognosen liegen ähnlich. Rund 70 % der Fahrzeuge werden auch dann noch einen Verbrennungsmotor haben, und sei es in einem Hybrid-Fahrzeug. Für den deutschen Verbraucher bedeutet dies eine längere Zeit billiger Energie, die sich positiv auf die Inflationsrate und die Konsumbereitschaft auswirkt. Unmittelbar drohen dem Kürzungsbeschluss der Opec zwei externe Einflüsse: Im ersten Quartal 2017 gehen rund 2 Mio. bbl an Raffineriekapazität wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb, und im zweiten Quartal sogar 2,5 Mio. bbl. Diese fallen als Nachfrager in der Zeit also aus. Andererseits ist dies auch der Zeitraum, in dem auf der Nordhalbkugel Förderplattformen wegen der milderen Witterung gewartet werden (Nordsee, Arktis usw.), aber auch Onshore-Anlagen in Alaska, Kanada und Russland. Dies könnte die Mengenkürzung stützen. Sollte US-Präsident Trump seine Ankündigung wahr machen, Einfuhrzölle für Öl in die USA zu erheben („20 %“), würde dies die dortige Förderung insbesondere aus den Shale-Formationen sofort erhöhen. Die so frei werdenden Mengen aus den Importen könnten die Überschüsse auf dem Weltmarkt steigern und den Preis drücken.

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