26.04.2013, 11:00 Uhr | 0 |

Präsentationen Heraus mit der Sprache!

Wer über die geeigneten Techniken verfügt, braucht den Auftritt vor großem Publikum nicht zu fürchten, meint die Stimmtrainerin Katharina Padleschat.

Heraus mit der Sprache! - Teaser
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Katharina Padleschat weiß: Wer andere überzeugen möchte, sollte seine Stimme schulen – und nicht nur mit der Zunge sprechen, sondern mit dem ganzen Körper.

Foto: Zillmann

VDI nachrichten: Frau Padleschat, sind Sie die vollendete Rednerin?

Padleschat: Nein, ganz sicher nicht. Ich bin auch manchmal bei einem Vortrag nervös und habe genauso Lampenfieber wie andere. Mein Vorteil: Ich verfüge über Techniken, mit denen ich meine Nervosität unter Kontrolle bekomme.

Wie hat sich bei Ihnen die Liebe zur Sprache entwickelt?

Ich komme aus einer Theaterfamilie. Mutter war Tänzerin, Vater Schauspieler. Ich habe schon als Kind Texte abgehört und musste dafür in verschiedene Sprechrollen schlüpfen, um meinem Vater Stichworte zu geben. Schon früh habe ich als Sprecherin Geld verdient. Nach dem Abitur folgte eine Musical-Ausbildung, dann die Arbeit als Choreografin. Später erst die Spezialausbildung Stimmtraining und was dazu gehört. Ich habe Menschen immer schon gerne etwas beigebracht.

Was heißt, Sie haben als "Sprecherin" gearbeitet?

Meine Stimme war auf Werbespots zu hören. Ich hatte vor Kurzem einen sehr schönen Auftrag. Bald ist meine Stimme auf der Homepage des deutschen Bundestages zu hören, dort erkläre ich die Demokratie.

Wer sind Ihre Kunden?

Unternehmensberater, Manager, Anwälte, Politiker, Ärzte, Wissenschaftler und andere – eine bunte Mischung. Ich arbeite mit Menschen, die ihren ersten Eindruck auf andere verbessern wollen, die zu undeutlich sprechen oder ihre Stimme vor Publikum im Griff haben wollen. 

Das sind doch Leute, die vortragen gewohnt sind.

Nicht zwangsläufig. Ich wundere mich manchmal, was Menschen inhaltlich drauf haben und welch imposanten Lebenslauf sie aufweisen, wie verhuscht sie aber dann um die Ecke kommen. Mit einer jungen Biologin, die von ihrer Mentorin zu mir geschickt wurde, habe ich geübt, einfach nur in den Raum zu treten, vernehmlich "Guten Tag!" zu sagen und die Hand zu geben.

Aber ist es nicht antiquiert, wenn Personalverantwortliche auf einen kräftigen Händedruck Wert legen?

Nein, der Händedruck sagt viel aus. Arbeitgeber möchten, dass ihre Mitarbeiter die Sache "im Griff" haben. Jemand mit weichem Händedruck und unruhigem Blick wirkt nicht aktiv. So einen stellt man nicht ein.

Gibt es Mängel, die für Fachbereiche typisch sind?

Ein Ingenieur kann ähnliche Schwierigkeiten haben wie jemand aus dem Marketing. Aber es lässt sich nicht leugnen: Leute, die sich mit Daten und Zahlen befassen, sind tendenziell sachlicher.

Gegen welche Mängel gehen Sie mit Ihren Kunden an?

Es sind zwei wesentliche Effekte zu unterscheiden: der mechanische, der in schlechter Artikulation oder ungünstiger Körperhaltung zum Ausdruck kommt. Dann gibt es noch den psychologischen Effekt. Man ist nicht gewohnt, vor einer großen Gruppe oder in Bewerbungsgesprächen zu reden, man möchte aber gefallen und durch Kompetenz überzeugen. Dieser Druck trägt nicht gerade zur Entspannung bei und führt häufig zu geistigen Aussetzern, verspannter Stimme sowie verkrampfter und künstlicher Körpersprache. Daran arbeite ich mit den Kunden im Einzelcoaching oder in der Gruppe.

Wie schaffen Sie es, die Leute unter Stress zu setzen? Schließlich fehlt Ihnen beim Training das Publikum.

Dabei hilft mir meine Kamera, sie erzeugt ein Gefühl der Unsicherheit. Zugleich nimmt sie mir viel Arbeit ab. Durch das Kamerafeedback bleiben mir viele Ausführungen erspart. Dann wird offensichtlich, dass "Fakten, Fakten, Fakten" allein nicht überzeugen. Es wird klar, dass es auch Charisma, einer gewissen Leichtigkeit und dem Kontakt zum Publikum bedarf, um Botschaften zu übermitteln.

Gibt es Naturtalente?

Ja, aber die sind rar gesät. 95 % aller Menschen sind keine "Rampensäue". Fast niemand ist auf der Bühne zu Hause und dort sofort authentisch.

Lassen sich aus publikumsscheuen Ingenieuren Entertainer machen?

Die "Rampensau" rauszukitzeln, ist hierzulande ein machbares, aber schwieriges Unterfangen. Ein typisch deutsches Phänomen ist die Angst, sich lächerlich zu machen. Ausstrahlung und Lebendigkeit sind zwar gewünscht, aber nicht berechenbar. Das Unberechenbare scheuen vielleicht gerade Ingenieure.

Sollten sich Ingenieure TV-Entertainer und Politiker zum Vorbild nehmen?

Nein, es gibt zwar einige Verhaltensregeln, die für alle gleich sind, aber ein Vortrag unterliegt auch individuellen Kriterien. Man kann eine Persönlichkeit auch "weg-coachen", wie bei Angela Merkel mit ihrer gebetsähnlichen Handhaltung und ihrem Pokerface, immer der gleichen Gestik, immer der gleichen Tonalität. Sie berührt mich nicht, im Gegensatz etwa zu Barack Obama.

Wie gehen Sie beim Coaching vor?

Erst klären wir das Anliegen. Die meisten Kunden möchten kompetent und souverän wirken, lebendig und authentisch. Je nach Voraussetzung erkläre ich das Handwerk: Wie atme ich richtig? Wie halte ich die Hände? Wo schaue ich hin? Ist meine Körpersprache angemessen? Ich versuche, ein Wohlgefühl auf die Stresssituation zu übertragen und störende private Gedanken zu löschen. Wer das beherrscht, dem schreibt man Charisma und wohltuende Lässigkeit zu – immer kombiniert mit Fachkompetenz. Ohne die geht es natürlich auch nicht.

Sie sagten, Emotionen spielten eine wichtige Rolle. Frauen gelten bei der Umsetzung von Emotionen in Handlungen als geschickter.

Mittlerweile hat sich der Wunsch nach Sachlichkeit, hinter der man sich ja auch verstecken kann, auf viele Frauen übertragen, nach dem Motto "Die Sache muss reichen".

Was ist so schlimm an Sachlichkeit?

Nichts. Wenn es aber nur um Informationen ginge, wäre eine Mail im Vergleich zu einer Präsentation viel zeitsparender. Die unmittelbare Kommunikation hat einen emotionalen Zusatzwert, denn nur mit Stimme und Körpersprache können wir motivieren, faszinieren, beruhigen, aufrütteln und begeistern, die wichtigen Teile herausheben und Aufmerksamkeit erregen.

Sind Sie schon einmal mit Ihrem Training gescheitert?

Ja, an einem Ingenieur, der so deftig sächsisch sprach, dass ihn die Kunden nicht verstanden. Er liebte aber seine sächsische Identität. Es ist schwierig, wenn jemand von seinem Arbeitgeber geschickt wird und das Coaching und die daraus entstehende Veränderung eigentlich gar nicht möchte.   WOLFGANG SCHMITZ

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