28.09.2012, 19:54 Uhr | 0 |

Bologna-Reform "Deutschland schuf ein bürokratisches Monster"

Vor zehn Jahren startete europaweit der Bologna-Hochschulprozess. Er sollte 2010 abgeschlossen sein, zieht sich aber aufgrund notwendiger Korrekturen immer noch dahin. Während Bundesbildungsministerin Annette Schavan wenig Handlungsbedarf sieht, bemängeln andere Stimmen - darunter der VDI - hohe Abbrecherquoten und fehlende Mobilität der Studierenden.

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Fortgesetzte Probleme: Die Umsetzung der Bologna-Reformen in Deutschland.
Quelle: GISMA

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"Noch nie war die studentische Mobilität so hoch wie heute, und noch nie waren die Studienzeiten so kurz wie jetzt. Die Einführung des Bachelor als früher berufsqualifizierender Abschluss bietet den Absolventinnen und Absolventen viele Möglichkeiten der Karriereplanung", frohlockte kürzlich Bildungsministerin Annette Schavan (CDU).

Doch zehn Jahre Bologna-Reform mit Bachelor- und Masterstudiengängen bieten nicht nur Grund zur Freude über ein europaweit kompatibles Hochschulsystem. Während Schavan die Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse als großen Erfolg feiert, kritisiert etwa der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempe, die Hochschulen hätten sich – unter dem Druck der Kultusministerkonferenz – nicht genug Zeit nehmen können, die neuen Studiengänge einer gründlichen Inventur zu unterziehen und sie studierbar zu gestalten.

Im zeitlich straffen und mit zahlreichen Modulen und Prüfungen gespickten Korsett seien die neuen Abschlüsse kaum zu bewältigen. "Statt den Hochschulen die nötige Flexibilität zu geben, die Modulhandbücher der Studienwirklichkeit anzupassen, wurde hier von Seiten der staatlichen Hochschulpolitik am Reißbrett, mit Unterstützung der Akkreditierungsagenturen, ein bürokratischer Einheitsbrei verordnet", so Kempen. Es könne nicht sein, dass etwa Ingenieure ihr Studium nach dem gleichen Schema durchziehen müssten wie Studierende eines literaturwissenschaftlichen Studiengangs. Eine Folge davon sei unter anderem, "eine signifikant überhöhte Abbrecherquote bei den Ingenieuren".

Ingenieurstudiengänge verzeichnen immer noch hohe Studienabbrecherquoten. "Diese haben sich in den letzten Jahren überhaupt nicht verändert und liegen bei 50 % an Universitäten und 30 % an Fachhochschulen", sagt Lars Funk, Bereichsleiter Beruf und Gesellschaft im VDI. Und da sich laut statistischem Bundesamt im Studienjahr 2011 fast 25 % der insgesamt 516 900 Studienanfänger für ein ingenieurwissenschaftliches Fach immatrikulierten, ist das kein Randproblem.

"Der Ingenieurnachwuchs wird an den Universitäten zum Auswendiglernen ausgebildet", konstatiert Thorsten Jungmann, seit September Professor für Mechatronik an der privaten FOM Hochschule für Ökonomie & Management in Essen. "Problematisch ist zudem, dass aufgrund der kurzen Studiendauer keine wirkliche Orientierungsphase zu Studienbeginn stattfindet. Auch kommt die Verzahnung von Fachwissen und Praxiserfahrung zu kurz."

Einige engagierte Hochschulen versuchen, durch behutsame Reformen einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden und die viel beschworene Employability herzustellen.

Jungmann, zuvor wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Dortmund und dort an einem Reformprojekt der Ingenieurausbildung beteiligt, kennt andere Ansätze: "Viele Hochschulen erwarten hauptsächlich, dass die Studenten theoretisches Fachwissen beherrschen – entsprechend ist das Curriculum ausgerichtet."

Die Unternehmen jedoch wünschen sich Absolventen, die sich in den Firmenstrukturen zurechtfinden. All dies in nur sechs Semestern zu vermitteln, erfordert eine kluge Gestaltung der Lernstrukturen. Auch Jungmann hat das in Dortmund erfolgreich versucht: Die theorielastige Vorlesung "Industrielles Projektmanagement" wurde halbiert und so umgekrempelt, dass daraus zwei Lernprojekte wurden: ein theoretisches und unmittelbar darauf folgend eines mit praktischer Anwendung in einem realen Unternehmen.

Für Dieter Lenzen, Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz, sind die Probleme im Bachelorstudium hausgemacht: "Deutschland hat es – wie so oft – bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses übertrieben und ein bürokratisches Monster entstehen lassen", erklärte der Erziehungswissenschaftler im Deutschlandradio Kultur. Die Bologna-Reform schreibe nicht vor, dass ein Bachelorstudium nur sechs Semester zu dauern habe. In Deutschland sei dies jedoch an den Universitäten die Regel. Das müsse sich ändern.

Lenzen, der auch Präsident der Universität Hamburg ist, sagte: "Wenn Sie sechssemestrige Studiengänge anbieten, haben Sie mit einem Schlag 25 % mehr Studienanfänger, als wenn Sie sie achtsemestrig machen. Und das ist damals das leicht durchschaubare Motiv der Kultusminister gewesen: ohne einen Cent in die Hand zu nehmen, die Zahl der Studienplätze um 25 % zu erhöhen und dann vor das Volk zu treten und zu sagen: ‚Ihr dürft alle studieren‘."

Institutionen wie die European University Association (EUA), die Vereinigung der europäischen Hochschulen, belegen zudem, dass sich, anders als von Ministerin Annette Schavan behauptet, die Mobilität der Studierenden eher verschlechtert als verbessert hat. Zwar wurde an den europäischen Hochschulen eine Vielzahl von Instrumenten geschaffen, um eine Vergleichbarkeit von Studienleistungen zu ermöglichen. Doch laut des EUA-Trendreports von 2010 und einer gerade veröffentlichten europaweiten Studie unter 34 Hochschulen werden diese Instrumente oft ignoriert oder sind den Hochschulen gar nicht bekannt.

Der VDI steht "grundsätzlich voll und ganz hinter der Bologna-Reform", sagt Lars Funk. Probleme im Reformprozess aber seien offensichtlich. "Größte Herausforderung ist derzeit eindeutig die Senkung der Abbrecherquoten. Es ist nicht verantwortbar, einerseits über Ingenieurmangel zu klagen und andererseits Abbrecherquoten von über 50 % einfach hinzunehmen. Hier sind vor allen Dingen die Universitäten gefordert, dieses Thema endlich ernsthaft anzugehen. Gute Beispiele, wie die Abbrecherquoten erfolgreich gesenkt werden können, gibt es mittlerweile, so etwa an der TU Darmstadt und der FH Köln."

Die zweite große Herausforderung sieht der VDI-Bereichsleiter in der fehlenden örtlichen Flexibilität der Studierenden. "Der VDI hat sich deutlich mehr Mobilität erhofft, insbesondere zwischen dem Bachelorstudium und dem Masterstudium. In manchen Fällen klappt der Wechsel von einer Hochschule zur anderen bereits heute mehr oder weniger problemlos, oft kommt es jedoch noch zu erheblichen Problemen bei der Anerkennung der Studienleistungen. Hier gibt es Handlungsbedarf, und zwar in erster Linie bei den Hochschulen." MAREIKE KNOKE/ws

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Von Mareike Knoke/Wolfgang Schmitz | Präsentiert von VDI Logo
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