13.08.2013, 11:09 Uhr | 0 |

Burn-out und ablehnende Kollegen Zu viel Ehrgeiz ist auch nicht gut!

Ehrgeiz treibt nicht nur zu Höchstleistungen, sondern kann im Übermaß auch zerstörerisch wirken. Wie schaffen es Ingenieure, ihren Ansporn so zu steuern und Karriereziele zu erreichen, ohne sich dabei zu überheben oder es sich mit den Kollegen zu verscherzen?

Der junge Wirtschaftsingenieur legte einen kometenhaften Aufstieg hin: Jobeinstieg bei einer Unternehmensberatung, dann wechselte er zu einem Industriekunden, wo er bald den Geschäftsbereich Spezialmaschinen verantwortete und zielsicher in die Chefetage strebte. Doch er warf das Handtuch, weil ihm ebenso rasch die Rückendeckung des Vorstandes flöten ging – die bodenständigen Maschinenbauer sahen in dem jungen Mann bald einen Karrieristen, dem es an fachlicher Tiefe mangelt. Natürlich: keine Karriere ohne Ehrgeiz. Aber: Zu viel davon kann Berufsziele im Eiltempo zunichtemachen.

Falscher Ehrgeiz mündet bisweilen im Burn-out

"Ehrgeiz ist gut, wenn er sich auf die Sache bezieht, es also darum geht, Dinge voranbringen zu wollen, die eigene Aufgabe gut und richtig zu machen", sagt Andreas Frintrup, Vorstand der HR Diagnostics AG und Geschäftsführer von S&F Personalpsychologie. Er berät Unternehmen bei der Personalauswahl und der internen Auswahl des Führungsnachwuchses, vor allem auch von Ingenieuren im Automobil- und Maschinenbau.

Keine Frage, dass "in gewissen Grenzen" der Ehrgeiz, sich mit anderen zu messen und besser sein zu wollen, förderlich für gute Leistungen und persönliche Befriedigung ist. Jedoch: "Ein Ehrgeiz, der nur noch karrieristisch orientiert ist, schadet der Organisation, der echten Leistung, oft auch der Gesundheit und dem Familienleben", warnt Frintrup.

Nicht anders sieht das Andreas Schwarz, Psychologe und Mitglied der Geschäftsleitung bei von Rundstedt & Partner, wo er als Director Development in der Personalbeurteilung und Karriereberatung tätig ist: "Ehrgeiz schadet, wenn er auf Kosten anderer geht oder sich zu viel Arbeit aufgeladen wird."

Letzteres endet zuweilen in einem Burn-out, berichtet Schwarz. Dann noch gegenzusteuern, ist kaum machbar. Dabei gibt es klare Warnsignale, dass es zu viel des Guten ist: "Wenn jemand physische Symptome aufweist, ist eine solide Grenze schon länger überschritten", erklärt Frintrup. Häufig ist es zuerst das Umfeld, das den Übereifer bemerkt und darunter leidet: Partner, Familie, aber auch Kollegen. Dann kann es schon zu spät sein, weil sich beschädigte Beziehungen zu Kollegen oder zur Familie schlecht kitten lassen.

Status und Macht sind schlechte Antriebe

Vor allem Männer stehen im Ruf, Statusgewinn und Macht an erste Stelle zu setzen, was der denkbar schlechteste Antrieb ist. Schuld daran haben nach Frintrups Einschätzung auch gängige Motivations- und Vergütungssysteme: "Die Incentives werden häufig falsch gesetzt – ein besonders hohes Entgelt bekommt, wer die Karriereleiter weit nach oben steigt." Was in vielen Fällen gerechtfertigt sein mag. "Aber wenn diejenigen, die sich mit großer fachlicher Expertise – gemeint sind wirkliche Experten, nicht einfach nur gute Sachbearbeiter – für Fortschritt und Entwicklung einsetzen, im Vergleich zu den Karrieristen gering vergütet werden, beginnt sich die Mühle zu drehen." Daher fordert der Personalexperte, mehr in gut bezahlte Fach- und Expertenkarrieren zu investieren. Denn: "Hier wird die wirkliche Leistung erbracht, nicht auf reinen Führungspositionen."

Bei Ingenieuren mangelt es häufiger an Selbstreflexion

Schwarz merkt an, dass Einzelkämpfertum, gerade in technischen Berufen, immer weniger gefragt ist, weil komplexe Projekte im Team bearbeitet werden müssen. Letztlich kann sich im Team auch eher gesunder Ehrgeiz entwickeln, der die einzelnen Mitglieder viel leisten lässt, ohne dass sie überfordert sind oder sich gegenseitig versuchen, mit den Ellenbogen wegzudrücken. Gesund ist Ehrgeiz dann, wenn er der eigenen Motivation folgt, einer Sache, "für die man brennt, ohne sich zu verbrennen", sagt Schwarz. Neigen Ingenieure eher dazu, sich "zu verbrennen"? Sie gelten gemeinhin als detailverliebt und perfektionistisch. Eigenschaften, die auch extremen Ehrgeiz im Schlepptau haben können. "Das kann ich aus meiner Erfahrung nicht bestätigen", sagt von Rundstedt-Berater Schwarz. Er erblickt bei Ingenieuren eher einen Mangel an Selbstreflexion. Daher könne es nicht schaden, wenn Dritte sie dazu bringen, sich selbst mit dem eigenen Wirken auseinanderzusetzen, um ein Gespür dafür zu entwickeln, wann zu viel Eifer der Sache nicht mehr dient.

Ingenieure nur zu einem sehr kleinen Teil karrieristisch motiviert

Auch Frintrup mag in Ingenieuren keine hervorgehobene Risikogruppe erblicken: "In unseren Daten sehen wir, dass Ingenieure eher der sachlich motivierten Gruppe entsprechen und nur zu einem sehr kleinen Teil karrieristisch motiviert sind." Die Weichen dafür würden früh gestellt: Wer sich für ein anspruchsvolles Ingenieursstudium statt für BWL entscheide, habe sich beizeiten für Fachlichkeit und gegen reines Management entschieden. "Bei Ingenieuren sieht man deshalb deutlich seltener als bei BWL-Absolventen machiavellistische Tendenzen und rein auf das persönliche Fortkommen ausgerichteten Ehrgeiz. Die Sache steht im Vordergrund", sagt Frintrup. Oftmals zu sehr. "Vielen Ingenieuren fehlt eine kleine Extra-Prise des anderen Ehrgeizes."

Und der andere Ehrgeiz bleibt gesund und konstruktiv, weiß der Experte, wenn er sich darauf richtet, aus guter Leistung Befriedigung zu ziehen – und nicht nur aus der Belohnung oder Anerkennung durch andere.   

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Von Chris Löwer | Präsentiert von VDI Logo
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