17.07.2013, 08:59 Uhr | 0 |

Umstrittene Vorstandsbezüge In Frankreich entscheiden die Aktionäre über die Höhe der Managergehälter

Fast gleichzeitig haben Franzosen und Deutsche Maßnahmen ergriffen, um die Gier zu deckeln. Während Deutschland ein neues Gesetz verabschiedet hat, setzen französische Arbeitgeberverbände auf den Verhaltenskodex, die Situation in beiden Ländern ist nicht vergleichbar.

Maurice Levy
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Aufreger in Frankreich: Maurice Levy, ehemaliger Präsident des französischen Arbeitgeberverbandes Afep, verdient in seiner Funktion als Chef des Marketingkonzerns Publicis 16 Millionen Euro im Jahr.

Foto: World Economic Forum

Anfang Juli entschied der Deutsche Bundestag, dass es mehr Kontrollrechte für die Aktionäre börsennotierter Unternehmen geben soll. Künftig entscheidet laut Gesetzesnovelle die Hauptversammlung einmal jährlich über die Vergütung des Vorstands und nicht mehr allein der Aufsichtsrat. Die Aktionäre stimmen sowohl über die konkrete Höhe der Bezüge als auch über das System der Vergütung ab. Eine Obergrenze für Managergehälter wird es aber nicht geben.

DGB hält Gesetzesinitiative für misslungen

Der Deutsche Gewerkschaftsbund zeigte sich schon im Vorfeld nicht erfreut: "Diese Gesetzesinitiative ist gründlich misslungen, auch weil sie ein unausgegorener Schnellschuss ist", kommentierte DGB-Vorstandsmitglied Dietmar Hexel. Ihn stört, dass die Hauptversammlung nur die Interessen der Aktionäre widerspiegelt, während im Aufsichtsrat auch Arbeitnehmer vertreten sind. Deren Meinung wird nach dem neuen Gesetz nicht gefragt. Arbeitgeber meinen, der bereits bestehende Corporate Governance-Kodex reiche.

Die Diskussion zeigt: Managergehälter beschäftigen die Gemüter, sorgen schnell für Empörung. Das Thema geht weit über die gerne ins Feld geführte Neiddebatte hinaus, es wird zum Prüfstein für Gerechtigkeit. Boni von 80 Mio. € für Geldhändler mitten in der Bankenkrise hatten das Thema angeheizt. Dann sagte die EU, sie wolle Boni-Zahlungen bekämpfen. Vor zwei Wochen verabschiedeten die französischen Arbeitgeberverbände einen Kodex.

Doch ist es auch ein europäisches Thema, ein Thema, das überall auf dem Kontinent gleichgeartet ist?

BDI: Novelle ist überflüssig

In Deutschland führt der Vorstand die Geschäfte und der Aufsichtsrat beaufsichtigt ihn. Im Kontrollgremium sitzen bei börsennotierten Unternehmen automatisch Arbeitnehmervertreter. In Frankreich dagegen ist der Verwaltungsrat ein Organ, das auch für die Geschäftsführung verantwortlich ist vor allem für die strategische. Arbeitnehmer haben dort keine Vertreter.

Heiko Willems, Leiter der Rechts- und Versicherungsabteilung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), hält die deutsche Gesetzesnovelle für überflüssig. "Wir hatten in Deutschland diesen Interessenkonflikt nicht, weil hier die Strukturen anders sind. In Frankreich hat der Verwaltungsrat über seine eigene Vergütung entschieden. In Deutschland bestimmt der Aufsichtsrat die Gehälter der Vorstände."

Kommission für gute Unternehmensführung in Frankreich

Der französische Arbeitgeberverband Medef und der Unternehmensverband Afep hatten Mitte Juni neue Regeln für eine gute Unternehmensführung präsentiert. Demnach stimmen die Aktionäre über das Gehalt der einzelnen Vorstandsmitglieder ab sollten sie dagegenvotieren, muss der Verwaltungsrat darüber beraten und seine Entscheidungen öffentlich begründen.

Zudem soll es künftig eine Kommission für gute Unternehmensführung mit sieben Mitgliedern geben, die über die Einhaltung der neuen Regeln wacht. Vier der sieben Mitglieder sollen aktive oder ehemalige Chefs eines großen Unternehmens sein. Übertretungen sind im Jahresbericht zu begründen.

Niemand soll in mehr als fünf Verwaltungsräten ein Amt haben. Abfindungen sollen auf 45 % des Gehalts begrenzt sein. Nichtkonkurrenz-Klauseln, die einen kurzfristigen Wechsel zur Konkurrenz untersagen, werden veröffentlicht, ebenso "Begrüßungsgelder".

Die Regierung in Paris hatte mit einem Gesetz gedroht. Mit dem neuen Verhaltenskodex für gute Unternehmensführung bleibt es bei einer Selbstregulierung der französischen Unternehmen. Eine staatliche Intervention ist damit fürs Erste vom Tisch. Insider glauben, dass die Diskussion spätestens 2014 wieder aufbricht, wenn die 75 %-Steuer auf Bezüge von über 1 Mio. € in Kraft tritt.

Ärger um hohe Managergehälter auch in Frankreich

In Frankreich, das mit einer Rekordarbeitslosigkeit kämpft, stößt es besonders sauer auf, wenn Manager wie Maurice Levy, ehemaliger Präsident des Arbeitgeberverbandes Afep, in seiner Funktion als Chef des Marketingkonzerns Publicis 16 Mio. € kassiert. Darum musste Levy 2012 den Afep-Stuhl verlassen, während sich Publicis neue Regeln zur Vorstandsentlohnung gab.

Die durchschnittliche Entlohnung der Chefs der 40 führenden französischen Aktiengesellschaften liegt bei rund 3,3 Mio. €. Die höchsten Bezüge hatten 2012 laut "Les Echos" Maurice Levy (Publicis) mit 4,8 Mio. €, Jean-Paul Agon (L´Oréal) mit 3,89 Mio. €, Bernard Arnault (LVMH) mit 3,79 Mio. €, Christopher Viehbacher (Sanofi) mit 3,52 Mio. € und Christophe de Margerie (Total) mit 3,24 Mio. €.

In Deutschland machte VW-Chef Martin Winterkorn 2011 mit 18 Mio. € Schlagzeilen. Josef Ackermann von der Deutschen Bank verdiente 2011 rund 9,5 Mio. € und Dieter Zetsche von Daimler 8,8 Mio. €.

Für den BDI-Rechtsexperten Willems ist der Schritt der Franzosen verständlich, aber nicht übertragbar. "Die französische Regelung passt zum französischen System."

Auf lange Sicht rechnet Willems mit der Ausweisung von Höchstgrenzen in Deutschland. Auch das Verhältnis Vorstand zu Arbeiter müsse näher betrachtet werden. "Das ist nicht festgeschrieben. Aber ein Vorstand sollte nicht 200 mal mehr verdienen als ein Arbeiter." Das Thema Managergehälter bleibt also weiter aktuell.

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Von Cordelia Chaton | Präsentiert von VDI Logo
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