07.08.2013, 15:22 Uhr | 0 |

Gesellschaft Eliten in Deutschland sehen Politik in der Verantwortung

Für die gut 350 Inhaber von Spitzenpositionen in Deutschland ist die Bevölkerungsentwicklung das größte gesellschaftliche Problem - noch vor der Finanzkrise. Für sich selbst nehmen die Entscheidungsträger durchweg ehrenwerte Motive in Anspruch, die sie anderen aber seltener zubilligen. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung.

Managertreffen in Davos
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Die Eliten haben ein eigenes Bild von Problemen und Ursachen in der Welt, so eine aktuelle Umfrage des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). So meinen Manager, dass die Politik die Verantwortung für die Weltfinanzkrise trägt und nicht Finanzmärkte und Unternehmen. Im Bild: Eine Diskussion auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2013.

Foto: World Economic Forum Davos

Wo sehen die Frauen und Männer an der Spitze der deutschen Gesellschaft die größten gesellschaftlichen Herausforderungen? Dieser Frage ist jetzt das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in einer Untersuchung über Werte und Einstellungen von Entscheidungsträgern nachgegangen.

Dabei zeigte sich: 60 % der Elite sehen das größte Problem in der Bevölkerungsentwicklung, 48 % in der "Wirtschafts-, Staats- und Finanzkrise", 28 % in der Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Verringerung der Ungleichheit. Bildung und Wissenschaft sind dagegen nur für 19 % der Befragten ein Problem. Für diese Untersuchung hat das WZB 354 sogenannte Top-Entscheider befragt – Inhaber von Spitzenpositionen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Justiz, Kirchen und Medien. Davon sind gut die Hälfte Juristen oder Ökonomen, knapp 10 % haben ein Ingenieurfach studiert.

Auch die Kanzlerin und der Präsident wurden befragt

Befragt wurden unter anderem die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident, Führungskräfte in Ministerien bis zur Ebene der Abteilungsleiter sowie Vorstandschefs und Aufsichtsratsvorsitzende der 100 größten Unternehmen in Deutschland.

Überrascht waren die WZB-Forscher von der vergleichsweise geringen Bedeutung, die Bildung und Wissenschaft von den Eliten zugeschrieben wird. Für den eigenen Karriereweg werde Bildung als Grundvoraussetzung erkannt, sagt Elisabeth Bunselmeyer, die an der Studie mitgearbeitet hat. Ein Großteil der Befragten gehört zu den Bildungsaufsteigern, Zugang zu Bildung war für sie – viele stammen aus Elternhäusern mit mittlerem oder hohem Einkommen – einfach. "Als ein gesellschaftliches Problem wird Bildung von den Entscheidungsträgern eher nicht gesehen."

Die Untersuchung zeigt auch: Top-Entscheider nehmen für die eigene Person durchweg ehrenwerte Motive in Anspruch, während sie anderen Top-Entscheidern solche Motive seltener zubilligen. Zum Beispiel Bildung: Für den eigenen Aufstieg wird sie als wichtig eingeschätzt. Der Aufstieg anderer wird dagegen eher dem Ehrgeiz, Glück und guten Netzwerken zugeschrieben.

Auch spiele Geld für den eigenen Aufstieg keine Rolle, für den Aufstieg der anderen dagegen schon. Und Verantwortungsbewusstsein sehen Top-Entscheider nur bei sich selbst, weniger bei ihren Kollegen. Diese Einschätzung passe, so Mit-Autorin Bunselmeyer, zu dem Bild, das sich die Bevölkerung mache und wonach es den Eliten an Verantwortungsbewusstsein mangele.

Ursache der Finanzkrise sehen Eliten bei der Politik, nicht bei den Finanzmärkten

Die Ursache für die Finanzkrise sieht die Elite in Deutschland in erster Linie in der Politik, die zu stark dereguliert und zu wenig kontrolliert habe. Verfehlungen in den Unternehmen spielten dagegen für die Finanzkrise eine geringere Rolle. Um solche Krisen künftig zu vermeiden, müsste deshalb die Politik Regulierungen verschärfen und das Bankensystem reformieren.

Was die Eliten aus den unterschiedlichen Segmenten verbindet: Politik spielte für fast drei Viertel schon im Elternhaus eine große Rolle – auch bei den Aufsteigern. Zudem sind Netzwerke und "Beziehungen", für die Karriere von großer Bedeutung, meint Bunselmeyer.

Politisch ordnet sich die große Mehrheit der Top-Entscheider in der Mitte ein. Einen Trend zu Rechts oder Links können die WZB-Forscher nicht erkennen. Hoch im Kurs steht die repräsentative Demokratie. 90 % der Befragten lehnen es ab, über wichtige Gesetze die Bürger direkt entscheiden zu lassen. Ein solches Verfahren sei allenfalls in Ausnahmefällen denkbar.

Wie Entscheidungsträger im Einzelnen zu ihrer Einschätzung gekommen sind, könne mit einer solchen Untersuchung nicht aufgezeigt werden, sagt Bunselmeyer. Die Studie zeige aber ein repräsentatives Stimmungsbild.

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Von Hartmut Steiger | Präsentiert von VDI Logo
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