14.08.2017, 08:17 Uhr | 0 |

Umfrage Wie werden Ingenieure 2030 arbeiten?

Wenn Fabriken smart werden und Roboter auch komplexere Aufgaben übernehmen, wie sieht dann der Arbeitsalltag von Ingenieurinnen und Ingenieuren aus? Wir haben bei den großen Branchenverbänden nachgefragt.

Roboter in der Fabrik
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Roboter werden nicht alleine in der Fabrik arbeiten, es wird auch 2030 Ingenieure brauchen, die sie steuern, überwachen und anleiten.

Foto: panthermedia.net/phonlamai

Ob Autos an die Infrastruktur angebunden, Produktionsmaschinen vernetzt oder Logistikrouten überwacht werden sollen  Ingenieure werden im Zuge der Digitalisierung mit völlig neuen Aufgaben beauftragt. In den Medien wird das in Teilen diskutiert, als wäre die smarte Fabrik schon Realität, aber die Arbeitswelt vieler Ingenieurinnen und Ingenieure sieht (noch) anders aus.

Wie aber soll man sich im Berufsleben vorbereiten auf die smarte Fabrik und das Internet der Dinge, wenn noch gar nicht klar zu sein scheint, wie sie sich auswirken werden? Wir haben die vier großen Branchenverbände der Ingenieure und Ingenieurarbeitgeber gefragt, wie Ingenieure im Jahr 2030 arbeiten werden. Und so stellen sie sich die Zukunft vor:

Mehr Interdisziplinarität – der Elfenbeinturm Ingenieurwesen bricht auf

Die einzelnen Disziplinen werden sich öffnen und in Teilen miteinander verschmelzen. Wie das aussehen könnte, skizziert Lars Funk, Bereichsleiter Beruf und Gesellschaft im VDI Verein Deutscher Ingenieure: „Die digitale Transformation ist im Jahr 2030 weit fortgeschritten. Deutschland muss um seinen internationalen Spitzenplatz als Technologiestandort immer härter kämpfen, hat aber seine Führungsrolle im Bereich Forschung und Entwicklung in den Ingenieurwissenschaften ausgebaut. Interdisziplinär agierende Expertenteams zu denen inzwischen auch Data Scientists, Cloud-Service-Spezialisten und Produktionsinformatiker gehören, entwickeln plattformbasierte Geschäftsmodelle.“

Ingenieuren wird noch mehr als heute die Aufgabe zukommen, disziplinübergreifende Arbeiten zu koordinieren, da sind sich die Arbeitsmarktexperten der Verbände einig. Das setzt nicht nur viel Fachkenntnis im eigenen sowie im benachbarten Aufgabengebiet voraus, es erfordert auch die Fähigkeit, sich mit anderen Disziplinen zu verständigen. So stellen sich das die Experten der Verbände im Einzelnen vor:

Fabian Seus, Leiter des Competence Center Arbeitsmarkt beim VDMA Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau: „Interdisziplinarität und Schnittstellenfähigkeiten werden wichtiger: Die klassische Trennung zwischen den Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik hebt sich (zunehmend) auf. Das heißt nicht, dass beispielsweise jeder Maschinenbau-Ingenieur programmieren können muss, aber er sollte so viel von Programmierung verstehen, um seine Anforderungen an einen Informatiker darlegen zu können. Eine gemeinsame Sprache in interdisziplinär besetzen Teams und Kommunikationsfähigkeit wird wichtiger.“

Dr. Michael Schanz, Arbeitsmarktexperte im VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik und Informationstechnik: „Die Trennung von Entwicklung, Konstruktion und Produktion auf der einen Seite und Informations- und Kommunikationstechnik auf der anderen Seite wird sich immer mehr auflösen. Die Folge: Die Ingenieure von morgen müssen über eine weitaus höhere soziale und kommunikative Kompetenz als heute noch erforderlich verfügen. Sie müssen die Fähigkeit mitbringen, die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen wie Elektrotechnik, Maschinenbau und Informatik zu managen.“

Marius Rieger, Referent für Bildungspolitik im ZVEI Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie: „Insbesondere Ingenieure müssen die wachsende Interdisziplinarität, die smarte Fabriken erfordern, managen können: Technologien, Produktionsprozesse, Datenverarbeitung, Datensicherheit und Geschäftsprozesse müssen von dem einzelnen Ingenieur verstanden und in den Gesamtprozess lösungsorientiert eingebettet werden.

Mehr Automatisierung – Ingenieure werden zu Wächtern der Maschinen

In der Produktion haben Ingenieurinnen und Ingenieure heute die Oberhand. Im Jahr 2030 aber wird die Automatisierung wesentlich weiter vorangeschritten sein, werden Roboter ihren festen Platz in den Werkshallen gefunden haben und miteinander kommunizieren können. Wo finden Ingenieure in dieser smarten Fabrik ihren Platz?

Für Seus vom VDMA werden Ingenieure in der Produktion der Zukunft zu Prozessmanagern. Zwar sei die menschenleere Fabrik eine Illusion, „aber der Mensch wird seltener in die Produktion eingreifen müssen“. Dafür aber aktiv, indem er Störfälle behebt, Umrüstungen vollzieht und Justierungen vornimmt. Zustimmung kommt von Dr. Schanz vom VDE, der den Ingenieuren im Jahr 2030 ebenfalls mehr „Aufgaben der Überwachung und der Fehlerbehebung“ zuschreibt. Die Anforderungen werden sich deswegen auf kreative und wertschöpfende Tätigkeiten wie Problemlösungen verschieben. „Standard- und Routineaufgaben werden hingegen immer mehr durch Software durchgeführt“, so Schanz.

Mehr Wissen – Ausbildung, Fortbildung und Weiterbildung im Fokus

Jetzt haben wir eine Vorstellung davon, wie die Arbeitsumgebung im Jahr 2030 aussehen könnte und welche Aufgaben auf Ingenieure zukommen. Doch wie bereitet man sich am besten auf diese neue Arbeitswelt vor und was tut sich bereits in der Aus-, Fort- und Weiterbildung für Ingenieure?

Für die Ausbildung hat Rieger vom ZVEI schon konkrete Vorstellungen: Ingenieure müssten so ausgebildet werden, dass sie „sowohl Kompetenzen in Informatik als auch in Systems Engineering entwickeln. Nur so können sie künftig komplexe technische Systeme in großen Projekten realisieren.“ Dafür müssten die Hochschulen fachliche Inhalte aus den Studiengängen Elektro- und Informationstechnik, Mechatronik, Informatik und Maschinenbau verknüpfen.

Wer schon im Beruf steht und die Veränderungen in seinem täglichen Arbeitsalltag spürt, wird sich weiterbilden müssen, um den Anschluss  zu verlieren. Schanz vom VDE empfiehlt, sich vor allem ein solides IT-Verständnis anzueignen. Unternehmen müssten zudem Methoden und Kompetenzen vermitteln, die es ihren Mitarbeitern ermöglichen, sich das erforderliche Wissen „on the job“ anzueignen.

Mehr Flexibilität – Ingenieure bleiben kreative Problemlöser

Die Disziplingrenzen verschwimmen, die Arbeitsteilung nimmt zu, starre Strukturen werdenaufgelöst. Insbesondere im Projektmanagement, meint Funk vom VDI. Agile Methoden nehmen ihren Platz ein und werfen ein Stück Ingenieur-Eigenverständnis über den Haufen: „Der Drang nach zeitraubender Produkt-Perfektion schon zu Beginn einer Markteinführung ist im Jahr 2030 einer Minimum-Viable-Product-Mentalität gewichen“, meint Funk. Weil sie die Wünsche des Kunden und der Anwender stärker im Fokus habe. Unternehmens würden periodische Produktweiterentwicklungen infolgedessen nicht mehr als gefährliches Experiment  wie heute häufig der Fall ansehen.

Welche Charaktereigenschaften bringen Ingenieure im Jahr 2030 mit?

Was zeichnet den Menschen persönlich aus, der im Jahr 2030 als Ingenieur oder Facharbeiter arbeiten wird? „Neben fachlichem Wissen und Methodenfähigkeit, nehmen überfachliche Qualifikationen zu“, meint Seus vom VDMA. Team- und Kommunikationsfähigkeit, Projekt- und Prozessmanagement, mitunter auch interkulturelle Kompetenzen werden 2030 gefragt sein. Rieger vom ZVEI ist überzeugt, dass er vor allem neugierig sein dürfte und wissensdurstig. „Wer motiviert ist, immer wieder Neues zu erlernen, den erwartet ein abwechslungsreicher beruflicher Alltag“, ist Rieger überzeugt.

Das also sind sie, die Zukunftsaussichten für Ingenieurinnen und Ingenieure im Jahr 2030. Und weil das gar nicht mehr so lange hin ist, werden heute schon Vorbereitungen getroffen, Studiengänge konzipiert und Weiterbildungen vorbereitet, mit denen sich Ingenieure fit machen können für ihre künftigen Aufgaben. Den Hochschulen steht ein radikaler Wandel bevor, denn sie müssen nicht nur die Lehre digitalisieren, sondern auch die Lehrinhalte den neuen Anforderungen anpassen. Ein Prozess, der etwas holprig gestartet ist, wie dieser Bericht zeigt.

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Die Verbände im Überblick

VDE – Der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik e.V. (VDE) vertritt nach eigenen Angaben 1.300 Unternehmen und 34.700 Personen. Er bietet eine Plattform für Wissenschaft, Normung sowie Produktprüfung und setzt sich für den Verbraucherschutz, die Forschungs- und Nachwuchsförderung ein. Gegründet wurde der Verein 1893, dem Jahr, in dem das gesamte Deutsche Reich eine einheitliche Uhrzeit bekam, an der sich die Eisenbahnen orientieren konnten.

VDI – Der Verein Deutscher Ingenieure e.V. (VDI) bezeichnet sich selbst als Sprecher der Ingenieure und der Technik und hat rund 155.000 persönliche Mitglieder. Der Verein ist eine Plattform des Austausches für seine Mitglieder, repräsentiert ihre Interessen in der Politik und erarbeitet mit ihnen technische Richtlinien. Gegründet wurde der VDI weit bevor es ein einheitliches Deutsches Reich gab, Mitte des 19. Jahrhunderts, im Jahr 1856. Im selben Jahr beendet der Friede von Paris den Krimkrieg zugunsten des Osmanischen Reiches und die Firma Krupp in Essen richtet eine Betriebskrankenkasse für ihre Arbeiter ein.

VDMA – Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) vertritt nach eigenen Angaben über 3.200 vorrangig mittelständische Unternehmen der Investitionsgüterindustrie. Die deutsche Maschinenbaubranche ist der größte Industriezweig in Deutschland und beschäftigt rund 1 Million Menschen. Die produzierten Güter gehen zu 77% in den Export. Im vergangenen Jahr setzte der Maschinenbau 220 Milliarden Euro um. Gegründet wurde der VDMA 1892. Einem Jahr, in dem in den USA die Rolltreppe patentiert wurde und in Hamburg die letzte Cholera-Epidemie Deutschlands wütete.

ZVEI – Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. (ZVEI) vertritt nach eigenen Angaben 1.600 Unternehmen der Elektroindustrie. Die Branche beschäftigt in Deutschland rund 849.000 Menschen und erzielte im Jahr 2016 einen Umsatz von 179 Milliarden Euro. Gegründet wurde der ZVEI erst im 20. Jahrhundert, zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918 unter dem damaligen Staatsoberhaupt Kaiser Wilhelm II.

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Von Lisa Schneider
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