21.08.2017, 08:03 Uhr | 0 |

Zwischen Aktionismus und Abwarten Hochschulen werden durch die Digitalisierung unter Zugzwang gesetzt

Mit klangvollen Studiengängen und ständig neuen Lehrinhalten, werben die Hochschulen um Studierende an der Schnittstelle zwischen Ingenieurwesen und Informatik. Doch erfüllen sie damit ihren Auftrag, junge Menschen auf die künftige Arbeitswelt vorzubereiten? 

Bibliothek im Laptop
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Einerseits müssen Hochschulen sich selbst digitalisieren, andererseits müssen sie dieser Entwicklung einen Schritt voraus sein und ihre Studierenden auf die Anforderungen des künftigen Arbeitsmarktes vorbereiten.

Foto: panthermedia.net/maxxyustas

Industrie 4.0., Digitalisierung, automatisierte Fertigung, Smart Systems – es sind Schlagworte wie diese, die klar machen: Der Einsatz von Informationstechnologien (IT) in der Industrie ist in vollem Gange. Damit die Beschäftigten den neuen Anforderungen gerecht werden, verändert sich auch die Ausbildung an Deutschlands Hochschulen.

„Ob in der Elektronik, der Medizintechnik oder der Maschinensteuerung, IT hat als Teil der Lehre an den Universitäten in den letzten Jahren erheblich zugenommen“, sagt Hans-Joachim Bargstädt, Vorsitzender des Dachverbands 4Ing. Der Verein eint die Fakultätentage der Ingenieurwissenschaften und der Informatik an Deutschlands Universitäten. Für den aktuellen Wandel, meint Bargstädt, seien die Universitäten gut aufgestellt.

Neue Studiengänge sind umstritten

Sichtbar wird dieser Trend am ehesten über neue Studiengänge. Die TU Ilmenau bietet zum Beispiel Computer and Systems Engineering, die Universität Magdeburg Ingenieurinformatik, die Universität Potsdam IT-Systems Engineering an.

Doch dieses Vorgehen ist umstritten. Bargstädt, der an der Bauhaus-Universität Weimar eine Professur Baubetrieb und Bauverfahren innehat, plädiert dafür, es beim Aufbau neuer Studiengänge nicht zu übertreiben. „Eine fundierte Ausbildung in den Ingenieurwissenschaften sollte vor allem in den Bachelor-Studiengängen die Grundlagen vermitteln, die ein Ingenieur auch ohne IT können muss“, sagt er. Nichts spreche gegen eine Vertiefung im Master-Bereich.

Einen Bachelor-Studiengang etwa namens Building Information Modeling (BIM), der sich mit der Digitalisierung im Bauwesen befasse, würde im Moment unter Studierenden und der Industrie sehr gut ankommen, sagt er. Es würde aber für Absolventen nicht ausreichen, nur darauf eine berufliche Ingenieurkarriere zu bauen. In Aachen sieht man das anders, dazu später mehr.

Lehrinhalte werden jährlich angepasst

Weitaus weniger in der Öffentlichkeit sichtbar ist eine andere Option, die für die Hochschulmanager deutlich weniger Organisationsaufwand bedeutet und sich schneller umsetzen lässt. So können die Universitäten zum Beispiel innovative IT-Inhalte über neue Module in die Kurspläne für die Lehre bringen. Sie können jährlich geändert werden. „Die meisten Professoren nutzen das sinnvoll, um den Studenten aktuelle Themen anzubieten“, sagt Bargstädt.

Fachhochschulen holen das Know-how aus der Wirtschaft ein

Vor anderen Anforderungen stehen die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften kurz HAW, die früheren Fachhochschulen (FH). Sie werben damit, ihre Abgänger praxisbezogen für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Dafür müssen sie wissen, welche neuen Kenntnisse nach dem Studium gesucht sind. Aus Wirtschaft und Industrie besetzte Beiräte beraten die Fachbereiche deshalb bei aktuellen Lehrangeboten und neu zu konzipierenden Studiengängen.

Die FH Wedel, nur ein Beispiel, hat den Bachelor- und Master-Studiengang IT-Engineering ins Leben gerufen. Er soll Mathematik, Physik oder Chemie, Digitaltechnik und Fertigungstechnik sowie Informatik-Grundlagen wie Programmierung, Datenbanken oder Anwendungen der Künstlichen Intelligenz verbinden. „Die Jobaussichten sind mit diesem Studium hervorragend“, argumentiert Studienfachleiter Carsten Burmeister. Und das Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft. Da zu erwarten sei, dass noch komplexere Technologien, Produkte und Netze im Zuge der Digitalisierung und der Anbindung sämtlicher Dinge an ihre Infrastruktur entwickelt werden, werden sich die Berufsaussichten weiter verbessern.

Ähnlich sieht das auch Marcus Baumann, Sprecher des bundesweiten HAW-Dachverbands HAWtech Alliance. „Wir haben das Lehrangebot innerhalb unserer Fachhochschulen ganz speziell daraufhin entwickelt, was unsere Absolventinnen und Absolventen wissen und können müssen, damit sie die komplexen Erfordernisse von Industrie 4.0 in der Praxis umsetzen können“, sagt der Vorsitzende der FH-Landesrektorenkonferenz in NRW.

Trend zur Spezialisierung statt breiter Grundausbildung

Die FH Aachen, wo Baumann als Rektor amtiert, setzt auf eine stärkere Spezialisierung. Die Hochschule arbeitet sehr wohl an neuen Studiengängen, mit denen sie ihre Studentinnen und Studenten auf die künftigen Anforderungen in einer digitalen Arbeitsumgebung vorbereiten möchten.

Im Wintersemester 2018/19 wird die FH Aachen etwa den Studiengang Smart Building Engineering anbieten. Bauwerke, so Baumann, würden nicht mehr wie früher Stein auf Stein gebaut, sondern der Bau des gesamten Gebäudes werde über neue Techniken wie das BIM-Verfahren modelliert. „Um das richtig zu steuern, braucht es praxisnah und speziell ausgebildetes Personal“, so Baumann. Es gebe jedoch kaum Ingenieure, die das dazu erforderliche Wissen in der Elektrotechnik, der Datenverarbeitung sowie ökonomische Kenntnisse vorweisen könnten. Solche Absolventen, weiß Baumann, werden von der Industrie seit Jahren stark nachgefragt. Seine Lücke gedenkt, diese Lücke in einigen Jahren zu verkleinern.

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Von Benjamin Haerdle
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