12.09.2013, 09:10 Uhr | 0 |

Start-up-Portrait: Psyware Sprachanalyse per Software erlaubt Blick in die Seele

Die Aachener Psyware GmbH entwickelt Software, die vom Sprachgebrauch von Bewerbern, Burn-out-gefährdeten oder Partnersuchenden auf deren Persönlichkeit und Psyche schließt. Die automatisierte Diagnose stößt bei Unternehmen und Behörden auf rege Nachfrage.

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Sprich zu uns – und wir sagen Dir, wie Du bist. Die Psyware-Gründer Mario Reis, Christian Greb und Dirk Gratzel (v.l.) analysieren Sprache und ziehen Rückschlüsse auf die Psyche des Sprechers.

Foto: Psyware

Eigentlich musste Dirk Gratzel nicht mehr gründen. Der promovierte Jurist war schon seit Jahren selbstständig, als er Ende 2012 mit zwei Partnern die Psyware GmbH startete.

Nach Stationen als Geschäftsführer und Personalleiter hatte er als selbstständiger Berater mit Schwerpunkt Leistungspsychologie gearbeitet. Unternehmen und Behörden zogen ihn bei der Personal- und Führungskräfteentwicklung hinzu. Vor allem aber beriet er Trainer im Profisport. Im Fußball, Handball, Basketball und Eishockey setzen Bundesligisten auf seine Expertise. „Wir haben Cheftrainern psychologisch valide Informationen zu ihren Spielern geliefert und die Trainer-Athleten-Kommunikation optimiert“, berichtet er.

All das hielt den Aachener nicht davon ab, ein neues Gründungsabenteuer zu starten. Er firmierte seine Head Coaching Company zur Psyware GmbH um. Mit dem Namen wechselte auch das Geschäftsmodell. Als zehnköpfiges Team aus Psychologen, Linguisten, Informatikern und Betriebswirten arbeitet das Start-up nun an der Software „Precire“, die mit automatisierter Sprachanalyse frischen Wind in die psychologische Diagnostik bringen soll.

„Die Motivation kommt aus zwei Richtungen“, erläutert Gratzel. Zum Einen möchte er psychologische Diagnostik vereinfachen und beschleunigen. Zum Anderen reagiert die Software auf den seit Jahren exponentiell steigenden Bedarf an psychologisch fundierten Dienstleistungen. „Es fehlt ein Tool, das Diagnose und Therapie technisch unterstützt“, sagt er. Das Tool müsse Nutzer verstehen, ohne den Inhalt ihrer Aussagen auszuwerten. Formales Auswerten gesprochener oder geschriebener Sprache soll reichen, um auf deren Persönlichkeit, Charakter, Emotionen und psychische Konstitution zu schließen.

Gratzels Team entwickelt dieses Tool und kann dabei auf internationale Forschungen der letzten Jahrzehnte aufbauen. Seit den 80er-Jahren suchen Forscher nach Möglichkeiten, Therapieerfolge messbar zu machen. „Formal quantitative Analyse“ nennt sich diese Disziplin. Sie untersucht, wie Sprache trauernder oder frustrierter Patienten sich im Zuge der Therapie verändert und inwieweit veränderte Syntax, Intonation, Wortwahl, kognitive Komplexität, Sprechtempo oder der Gebrauch von Artikeln, Adjektiven und Adverbien auf Veränderungen der Psyche schließen lassen.

Die Software der Aachener vermisst Sprache anhand 115 verschiedener Messpunkte und ordnet sie in 75 Kategorien. Dabei entstehen stabile reproduzierbare Sprachprofile der Probanden. Um von den Profilen auf Persönlichkeit und Innenleben schließen zu können, gleichen Algorithmen die Sprachäußerungen mit einer Datenbank ab, in der Häufigkeiten von Worten, Wortgruppen und Satzkonstruktionen verzeichnet sind. „Wir haben für die Datenbank 125 Studien ausgewertet und füttern sie laufend mit eigenen Testergebnissen“, berichtet Gratzel.

Psyware sucht mit anerkannten diagnostischen Verfahren persönliche, situative und psychische Auffälligkeiten bei Probanden und setzt diese in Beziehung zu deren Sprache. Um aus der Datenflut der auf Laute und Silben heruntergebrochenen Gespräche kleinteilige Auffälligkeiten zu filtern, arbeiten die Gründer mit Experten für multivariate, statistische Verfahren der RWTH Aachen zusammen. Gemeinsam ringen sie dem Wust an Daten Regeln ab, mit denen aus der Sprache beliebiger Probanden objektive Schlüsse auf deren Persönlichkeit herleitbar sind.

Telefonate geben Hinweise auf psychische Probleme

Das Ziel, Maschinen in psychologische Therapie und Diagnose einzubinden, teilen die Aachener mit vielen Forschern und Unternehmen. Gratzel verweist auf eine erfolgreiche App für US-Veteranen mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Bei Nutzern sinken Therapiebedarf und Suizidrate. Die App erklärt die Krankheit, schlägt Selbsthilfestrategien vor oder vermittelt den Kontakt zu Fachleuten. Für den Gründer ein Vorbild, das er übertreffen will. „Es ist unsere unternehmerische Vision, dass Nutzer mit unserer Software interagieren“, sagt er.

Das Start-up hat verschiedene Anwendungen im Blick, etwa die Eignungsdiagnostik in Einstellungsverfahren. Precire soll telefonische Bewerberinterviews analysieren und in Ausschreibungen mit vielen Bewerbern als erster Filter dienen. Die Software gleicht ihre Erkenntnisse zu Potenzial und Persönlichkeit der Bewerber mit den Erwartungen des Arbeitgebers ab. Große Diskrepanzen bedeuten bei dieser Evaluierung das Aus für die Bewerber.

Eine Vorstellung, die ungute Gefühle weckt. „Bei jedem AssessmentCenter sind heute Psychologen dabei“, hält Gratzel dem entgegen. Anders als diese lege Precire rein objektive Messpunkte zugrunde, die von sonstigen Eindrücken unbeeinflusst bleiben. Zudem gelte es, Bewerber sorgfältig über den Einsatz der Sprachanalyse-Software aufzuklären und bei Unternehmen Bewusstsein für die Grenzen automatisierter Diagnosen zu schaffen.

Neben Unternehmen sind Sicherheitsbehörden, Partnervermittlungen und Versicherer an der Software interessiert. Letztere hoffen, damit Schummeleien in Schadensberichten aufzuspüren. Partnervermittler wollen mithilfe der psychologischen Schnelltests passende Paare zusammenbringen. Und es laufen Gespräche mit Krankenkassen, die Einsätze von Precire in der Burn-out- und Depressions-Prävention erwägen. „Wir liefern keine Diagnostik mit medizinischer Qualität, aber eine Option, in kurzen Telefonaten valide Hinweise auf drohende psychische Probleme zu finden“, stellt er klar.

Erste Vertragsabschlüsse mit namhaften Kunden sind unter Dach und Fach. Noch darf Gratzel keine Namen nennen. Neben Kunden hat seine Firma eine eingespielte Administration und ein tragfähiges Netzwerk. „Wir sind mit Precire bei früheren Kunden auf offene Türen gestoßen, weil sie uns kannten“, berichtet er. Das eingespielte Team hat Anfang 2013 auch den Seed Fonds Aachen II und die DSA Invest überzeugt. Sie haben sich mit 400.000 Euro an Psyware beteiligt. Beide Investoren helfen, wo sie können: „Während uns der Seed Fonds kaufmännisch und bei der Unternehmensentwicklung unterstützt, ist die DSA Invest mit ihrem IT-Hintergrund ein strategisch und konzeptionell wichtiger Partner. Der IT-Bereich ist ja eher Neuland für uns“, erklärt er. Gratzel ist mit der Umfirmierung seiner erfolgreichen Beratung zum Start-up voll ins Risiko gegangen. „Beim Poker wäre das wohl ein All-In“, schmunzelt er, „aber ich hätte das nie getan, wäre ich nicht zu 100% von unserer Lösung überzeugt“.

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Von Peter Trechow | Präsentiert von VDI Logo
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