03.08.2015, 12:00 Uhr | 0 |

Start-up-Porträt Comnovo Rundum gewarnt

In unübersichtlichem Gelände passieren immer wieder schwere, gar tödliche Unfälle mit Nutzfahrzeugen. Menschliches Leid und hohe Kosten für das Unternehmen sind die Folgen. Aktive Warnsysteme sollen Alarm schlagen, wenn sich Mensch und Maschine zu nah kommen. Comnovo, ein Spin-off der TU Dortmund, hat ein Funksystem entwickelt, das sowohl den Fahrer als auch die Personen in der Gefahrenzone warnt.

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Der „Beeper“ warnt Mitarbeiter, die Baufahrzeugen gefährlich nahe kommen.

Foto: Comnovo

Wenn Andreas Lewandowski sich dem Radlader nähert, schlägt der „Beeper“ an seinem Gürtel Alarm: Das kleine Gerät blinkt rot, vibriert und piepst laut. Innerhalb des mächtigen Fahrzeugs passiert ähnliches: Der „Keeper“ an der Windschutzscheibe rappelt, leuchtet und tönt. Er hat die Größe eines mobilen Navigationssystems und wird mit einem Saugnapf angebracht. Gewarnt sind auf diese Weise sowohl der Maschinenbediener als auch der Fußgänger. Das Funkwarnsystem deckt einen Bereich von maximal 25m rund um das Fahrzeug ab.

„Die Gefahrenzone kann für jeden Kunden einzeln definiert werden“, erklärt Lewandowski, Mitgründer der Comnovo. So könne die Reichweite des Systems reduziert und der Überwachungsbereich beispielsweise oval statt rund sein. Flinke Gabelstapler müssten beispielsweise anders eingerichtet werden als träge Radlader oder Bagger.

Das System erlaubt ferner, zwei Gefahrenstufen zu konfigurieren. Blinkt es am Keeper gelb, ist jemand zwar nahe, aber noch nicht unmittelbar bedroht. Wenn die roten LEDs blinken, gilt die höchste Alarmstufe. Dann ist jemand im unmittelbaren Gefahrenbereich. Da am Fahrzeug drei Antennen angebracht sind, kann der Maschinenbediener sogar erkennen, von welcher Seite ein Fußgänger kommt. Und: Mit einem „Keeper“ können zeitgleich viele „Beeper“ kommunizieren.

Hervorgegangen ist das Start-up aus einem Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Kommunikationsnetze der TU Dortmund. Die Wissenschaftler beschäftigten sich mit Funksystemen im Nahbereich und insbesondere Algorithmen zur Abstandsbestimmung. „Das können wir bis auf 10cm genau – ein großer technologischer Vorsprung“, sagt Lewandowski.

Dass die Technologie kein akademisches Projekt blieb, verdanken die Dortmunder den Bayerischen Asphaltmischwerken (BAM). Das Unternehmen wandte sich nach Beinahe-Unfällen mit Radladern an die Ingenieure, durch einen Internetartikel auf ihre Arbeit aufmerksam geworden. Nach der Ausgründung 2013 mithilfe des Förderprogramms Exist-Forschungstransfer wurden die BAM der Pilotkunde von Comnovo. Die Bayern haben die Kollisionsvermeidungssysteme in allen Werken eingeführt.

Das System ist vorhandenen Lösungen auf Basis von Radar und Ultraschall überlegen

Aktive Warnsysteme gibt es bereits. Die bundesweite „Offensive Gutes Bauen“, in der sich 120 Organisationen der Bauwirtschaft – darunter Fachverbände, Verbraucherschützer sowie Ministerien – zusammengeschlossen haben, hat einige untersucht. Fazit: Sensoren auf Ultraschallbasis könnten von Schmutz und Schnee beeinträchtigt werden. Radarsysteme seien zwar robuster, aber in unwegsamem Gelände käme es oft zu Fehlalarm. Zudem unterscheiden beide Warnsysteme nicht zwischen Personen und Objekten. „Eine funkbasierte Rundumerkennung funktioniert auch bei schlechten Sichtverhältnissen, Nässe und starkem Schmutz – sie hat keinen toten Winkel“, schreibt die Initiative in einer Übersicht vorhandener Technologien zur Personen- und Objekterkennung. Denn die Funkwellen können sich in Bereiche ausbreiten, die von Hindernissen versperrt sind. Deshalb werde auch dann alarmiert, wenn sich jemand um die Ecke herum nähert.

Voraussetzung ist allerdings, dass jedes Fahrzeug und jede potenziell gefährdete Person – auch Besucher – mit Sendern und Empfängern ausgerüstet werden.

Die Funktechnologie von Comnovo wurde mehrfach ausgezeichnet. Die Gründer gewannen u. a. den Hauptpreis beim Gründerwettbewerb „IKT Innovativ“ des Bundeswirtschaftsministeriums. Auch den Arbeitsschutzpreis der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) heimsten sie ein. „Die Berufsgenossenschaft begleitet uns von der ersten Stunde an“, sagt Geschäftsführer Lewandowski. Sie fördert die Anschaffung der Warnsysteme mit 20% der Kosten. Zudem zahlen unfallfreie Unternehmen niedrigere Beiträge. Durch die Zuschüsse und eingesparten Beiträge soll sich nach Firmenangaben ein Basisset aus einem Keeper und drei Beepern innerhalb von vier Jahren amortisieren.

„Wir sprechen mit Herstellern von Gabelstaplern und Baufahrzeugen sowie mit spezialisierten Händlern über eine Vertriebspartnerschaft“, sagt der promovierte Elektroingenieur. Die Erstausstattung sei aber nicht das Hauptgeschäft von Comnovo, viel wichtiger sei der Nachrüstmarkt. In Deutschland gebe es ca. 675.000 Baufahrzeuge und 2,2 Mio. Gabelstapler. Das Start-up ist im Netzwerk Baumaschinen präsent, um Kontakte zu den relevanten Unternehmen und Berufsgenossenschaften zu knüpfen. Die Technologie ist für Europa und die USA patentiert. Hier werde Arbeitssicherheit groß geschrieben. Auch Unternehmen, die jahrelang unfallfrei blieben, seien hier bereit, solche Systeme vorbeugend einzusetzen.

„Wir haben es geschafft, jedes Jahr den Umsatz zu verdoppeln. Für 2015 hoffen wir auf rund 400.000 Euro“, sagt der Geschäftsführer. Nachdem der Hightech-Gründerfonds und SeedCapital Dortmund 2014 sich mit insgesamt 500.000 Euro Risikokapital beteiligten, fühlt sich das Start-up momentan gut finanziert.

Drei der vier Gründer arbeiten Vollzeit bei Comnovo, ihr Professor sichert als Teilhaber den guten Draht zur Hochschule. Das Jungunternehmen beschäftigt fünf Mitarbeiter und weitere vier Honorarkräfte. Die Fertigung ist ausgelagert, das Start-up kümmert sich nur um die Qualitätskontrolle. Vorerst liegt der Fokus auf Warnsystemen für Radlader und Gabelstapler. Weitere Anwendungsmöglichkeiten gebe es aber etwa bei landwirtschaftlichen Maschinen oder kollaborativen Robotern. Comnovo entwickelt derzeit ein aktives Warn- und Sicherheitssystem: Bei akuter Gefahr soll es die Geschwindigkeit der Maschine drosseln oder diese sogar komplett abschalten.

 http://www.comnovo.de

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Von M. Jordanova-Duda/sta | Präsentiert von VDI Logo
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