26.02.2014, 12:00 Uhr | 0 |

Start-up-Portrait: Artemiflow Reaktor extrahiert Malaria-Medikament aus Abfall

Die stärkste Waffe im Kampf gegen Malaria ist Artemisinin. Der Stoff wird extrahiert aus einer Beifußart. Am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung wurde ein Reaktor entwickelt, mit dessen Hilfe sich der Ernte-Ertrag verdoppeln lässt. Die Artemiflow GmbH will die Technik marktreif machen – und trifft auf unerwartete Hindernisse.

Artemiflow
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Biochemiker Peter Seeberger (re.) wollte ursprünglich Nanopartikel für die Klebstoffproduktion gewinnen. Dabei entwickelte er einen Durchflussreaktor, mit dessen Hilfe heute das Pulver Artemisinin, ein Malaria-Medikament, hergestellt wird.

Foto: S. Jungtow

Jährlich erkranken rund 250 Mio. Menschen an Malaria. Seit 2001 empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO Kombinationspräparate auf Artemisinin-Basis als Standardtherapie gegen die Tropenkrankheit. Doch aus 1 kg des Ursprungskrauts lassen sich mit den bisherigen Extraktionsmethoden maximal 8 g des weißen Pulvers gewinnen. Die Präparate sind entsprechend teuer. Als Folge sind bis zu 40% der in Afrika verkauften Pillen gefälscht. Statt zu helfen bahnen sie resistenten Erregern den Weg.

Das Potsdamer Max-Planck-Institut hat jedoch einen Weg gefunden, den Ernteertrag fast zu verdoppeln. Ausgangsstoff ist der Abfall, der nach der ersten Extraktionsstufe übrig bleibt. Diese „Mutterlauge“ enthält noch reichlich Dehydroartemisininsäure (DHAA) – eine Artemisinin-Vorstufe. Um den gewünschten Wirkstoff daraus zu synthetisieren, nutzen die Forscher einen Durchfluss-Reaktor. Dessen Aufbau ist simpel: Ein Teflonschlauch ist um eine Lampe gewickelt, zwei Pumpen treiben die Lauge permanent durch den Schlauch. So kommt das Licht praktisch an jedes Molekül heran. Durch Zugabe von Sauerstoff und eines Photo-Aktivators kommt die Synthese-Reaktion in Gang.

Das Verfahren entstand eher zufällig als Nebenprodukt einer Grundlagenforschung. Biochemiker Seeberger ging es ursprünglich darum, einen Durchfluss-Reaktor für die photochemische Synthese von Nanopartikeln zu entwickeln. Erst als er auf einer Konferenz gefragt wurde, ob mithilfe seines Reaktors Artemisinin hergestellt werden könne, begann sein Kampf gegen die Malaria.

2012 gründete Seeberger Artemiflow. CEO ist der Wissenschaftsjournalist Dirk Pohlmann. Das Start-up ist als Sozialunternehmen angelegt: Profitmaximierung steht nicht im Vordergrund. Viel mehr geht es darum, billigeres Artemisinin herzustellen. Etwaige Gewinne sollen reinvestiert werden. Aber zunächst ist das Ziel, den Labor-Reaktor in den Industriemaßstab zu überführen.

„Wir haben die Extrakteure gefragt, welche Größe sie sich wünschen“, so Pohlmann. Herausgekommen sei: ein Reaktor, der zwischen 1t und 5t Wirkstoff pro Jahr produzieren kann. Technisch ist das leicht machbar.

Problematisch ist: Wer zahlt die Entwicklung bis zur Serienreife samt Testphase vor Ort, bei einem Extrakteur in Kenia oder Vietnam? Denn die Vision, die den Potsdamer Sozialunternehmern vorschwebt, ist eine dezentrale Produktion von Artemisinin oder sogar dem fertigen Medikament direkt bei den Artemisia-Farmern und Extrakteuren. Sprich dort, wo die Rohstoffe anfallen und wo es die meisten Malaria-Kranken gibt. „Das in einem europäischen Hochlohnland zu machen, hat wenig Sinn“, meint Pohlmann.

Momentan verhandelt das Start-up mit den Agrar- und Wissenschaftsministerien in Vietnam. Dort ist das Wechselfieber zwar fast ausgerottet. In dem asiatischen Land ist es laut Pohlmann jedoch möglich, Arzneien für andere Entwicklungsländer günstig zu produzieren.

Allerdings ist das noch Zukunftsmusik. Zunächst einmal braucht Artemiflow einen hohen sechsstelligen Betrag, um die Technologie auf den Markt zu bringen. „Aus derselben Pflanze kann man mit dem Standardverfahren plus unserer Technik fast das Doppelte herausholen und den Preis für Artemisinin so von 480 Dollar auf 250 Dollar pro Kilo senken“, sagt Pohlmann.

Aktuell werden die Pillen in Afrika unter den Herstellungskosten verkauft: Die Differenz bezahlen Hilfsorganisationen – vor allem die Bill- und Melinda-Gates-Stiftung. Diese Organisation müsste laut Pohlmann an einer Kostensenkung interessiert sein. Tatsächlich aber winkten die Amerikaner ab – „ohne Begründung“.

Ein möglicher Grund ist, dass die Gates-Stiftung auf ein Alternativ-Projekt setzt: Ein Konsortium aus dem Pharma-Konzern Sanofi, dem Berkeley-Forscher Jay Kiesling und der Biotech-Firma Amyris arbeitet daran, Artemisinin aus gentechnisch veränderter Hefe zu gewinnen. So soll die Produktion vom natürlichen Rohstoff mit seinen schwankenden Ernte-Erträgen und dem uneinheitlichen Wirkstoffgehalt losgelöst werden. Die Gates-Stiftung hat schon über 50 Mio. Dollar investiert. Ein Schönheitsfehler ist allerdings, dass die Aussicht auf das neue Biotech-Mittel die Artemisia-Farmer bereits abschreckt, ihr Heilkraut anzubauen.

„Wir werden immer nach Gates gefragt“, sagt Pohlmann. Die Stiftung habe sich eine Monopol-Stellung bei der Finanzierung des internationalen Kampfs gegen Malaria aufgebaut. „Wenn wir sagen, die arbeiten nicht mit uns zusammen, sind Gespräche mit Investoren schnell zu Ende.“ Auch bei der WHO habe er vergeblich angeklopft. Deshalb hat er noch Plan B und C in petto. Die eine Möglichkeit ist Crowdfunding. Immerhin haben die Potsdamer eine gute Geschichte zu erzählen: Arzneien aus Abfall. Und das zum halben Preis. Gegen eine Geißel der Menschheit.

Plan C setzt auf die Zusammenarbeit mit der chemischen Industrie. Sie habe zwar kein Interesse an der Artemisininproduktion, wohl aber an dem Reaktor. Mit dem ließen sich verschiedene Chemikalien herstellen, so der Artemiflow-Gründer. Mit dem Ertrag daraus soll der Kampf gegen die Malaria quer finanziert werden.

http://www.artemiflow.com

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