02.07.2014, 12:00 Uhr | 0 |

Start-up-Porträt: Neuer Laserscanner punktet mit Mobilität

Ein Laserscanner verwandelt jedes Objekt in eine dreidimensionale Wolke aus Milliarden von Punkten. In ihr kann der Betrachter am Computer virtuell jeden Standpunkt einnehmen. Nun macht das Hamburger Start-up P3D Systems das Scannen mobil – und zigfach schneller. Das eröffnet zahlreiche neue Einsatzbereiche, etwa Indoor-Navigation, Fabrikplanung, Games oder Bauüberwachung.

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Die Köpfe hinter P3D Systems: Erwin A. Frei, Harald Vennegeerts und Christian Hesse. Aktuell sucht das Trio nach Wagniskapitalgebern, um den Vertrieb auf- und die Softwareentwicklung ausbauen zu können.

Foto: p3d systems

Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Schwarz-Weiß-Fotografie eines innerstädtischen Straßenzugs. Der Eindruck ändert sich aber schnell, wenn die Computer-Maus bewegt wird. Plötzlich nimmt der Betrachter die Vogelperspektive ein. Oder er kriecht über den Boden bis zur nächsten Kreuzung. Alle Bewegungsrichtungen sind möglich. Es ist wie in einem Videospiel. Allerdings wird statt einer Fantasiewelt die Realität abgebildet – jedes Auto, jeder Baum, jedes Blatt.

Geschaffen wurde die virtuelle Welt von einem Laserscanner. Die Technik setzt sich als Vermessungs- und Visualisierungsmethode mehr und mehr durch. Einer der Pioniere ist Erwin A. Frei. Vor Jahren leitete er Leica HDS, ein Laserscan-Start-up im Silicon Valley. Heute ist er Geschäftsführer und Teilhaber der P3D Systems GmbH. Die Hamburger Firma hat eine neue Technologie entwickelt, die das Abbilden der Objekte zigfach schneller macht.

P3D Systems ist ein Spin-off der Uni Hannover. Dort promovierten die zwei Gründer, die Ingenieure Harald Vennegeerts und Christian Hesse, über kinematisches Scannen. Mit Exist-Stipendien konnten sie den Firmenstart Ende 2011 vorbereiten. Frei selbst stieg erst Monate später als gleichberechtigter Teilhaber ein. Ein gemeinsamer Bekannter hatte ihn auf das Vorhaben angesprochen: „Es war Liebe auf dem ersten Blick“, so Frei.

„Ein statischer Laserscanner steht an einer Stelle und dreht sich um die eigene Achse. Er braucht 4 min bis 15 min, um einen Standort zu erfassen“, erklärt der Experte. Bei einer größeren Fläche muss man das Gerät mehrmals versetzen. P3D montiert es stattdessen auf einen Trolley, um das Objekt damit abzulaufen.

Ein Wägelchen allein macht die Mobilität allerdings nicht aus. Zusätzliche Sensoren zeichnen die Bewegungskurve auf. Frei: „Wir wissen zu jedem Zeitpunkt, wo sich der Scanner befindet. So können die Datenpunkte, die dabei entstehen, sauber einander zugeordnet werden“. Im Außenbereich erreiche man das mit GPS. Innerhalb der Gebäude stehen Totalstationen (TPS) mit automatischer Zielerfassung an bestimmten Standorten und verfolgen die Fahrt.

Die einzelnen Messprofile werden automatisch aneinandergefügt. „Wenn wir eine halbe Stunde Daten aufzeichnen, brauchen wir ca. eine halbe Stunde, um schlussendlich daraus die Punktwolke berechnen zu können“. Bei der klassischen statischen Methode dauere es dagegen unter Umständen Stunden und Tage, bis die einzelnen Punktwolken aufwendig zusammengebaut werden.

„Das führt je nach Anwendung zur Effizienzsteigerung um den Faktor 5 bis 50. Die Punktwolke wird entsprechend billiger“, sagt Frei. Ein Beispiel hat er schon parat: Für einen Spieleentwickler hatte P3D die Formel 1-Rennstrecke von Abu Dhabi vermessen. Normalerweise hätte das Wochen gedauert. „Wir haben es in knapp fünf Stunden geschafft.“

Bei Spielentwicklern ist absolute Genauigkeit nicht zwingend erforderlich. Anders ist das etwa in der Automobilindustrie. Die Konzerne brauchen detaillierte Informationen über ihre Produktionsstandorte, wenn sie eine neue Autogeneration planen. Sie wollen wissen, wie die einzelnen Produktionslinien in einem Gebäude eingebracht werden können und dabei keine Überraschungen erleben. Das Hamburger Start-up hat vor Kurzem eins seiner Systeme an General Motors verkauft. „GM will Schritt für Schritt seine ganze Infrastruktur, die Fabrik-, aber auch Qualitätssicherungsanlagen usw. aufnehmen, um genau Bescheid darüber zu wissen. Die zeitgerechte digitale Information über die Ressourcen ist ein wichtiger Faktor in dieser sehr stark wettbewerbsorientierten Industrie“, meint Frei.

Seit seiner Gründung hat P3D drei Systeme verkauft, vor allem an Kunden aus den USA. Amerikaner adaptierten neue Technologien nun mal rascher als Europäer, doch Interesse gebe es zunehmend auch aus Skandinavien, Großbritannien und aus Deutschland. Die Firma verkauft ihre Softwarelösungen und Systemkomponenten, nicht jedoch die eigentlichen Laserscanner. Das liegt daran, dass viele potenziellen Kunden bereits ihre eigenen Geräte haben. Das P3D-System sei mit allen Typen kompatibel und werte sie auf. Dazu bieten die Hamburger technischen Support, Schulungen und Beratung an. Gelegentlich machen sie auch selbst Messungen, aber hauptsächlich zu Demonstrationszwecken. So haben sie eine große Fabrikfläche in Detroit in etwas mehr als einem Tag reiner Messzeit aufgenommen – statt wie sonst in 15.

Wenn es schneller und billiger geht, werden ganz neue Anwendungen möglich, ist Frei überzeugt. Neben Grafik und virtueller Realität denkt er an das Navigieren per Smartphone innerhalb von Shoppingcentern oder Tiefgaragen: „Im Innenbereich gibt es sehr wenig Kartenmaterial“. Ein Riesenpotenzial sieht der Geschäftsführer beim Monitoring von Großbaustellen. Denkbar wäre es, den Bau täglich zu scannen, um die Fortschritte zu dokumentieren oder im Schadensfall klar belegen zu können, was gemacht wurde.

„In ein oder anderthalb Jahren kommen wir in die Gewinnzone“, glaubt er. Zunächst steht eine weitere Finanzierungsrunde an: mit Investoren, die 1 Mio. € bis 2 Mio. € Risikokapital zuschießen und bestenfalls über Kontakte in den Märkten Spiele, virtuelle Realität und Indoor-Navigation verfügen. „Wir führen bereits Gespräche, sind aber für weitere Interessenten offen, ob aus Deutschland oder international“, so Frei. Mit dem Geld sollen die Marketingaktivitäten ausgeweitet und bis zu zehn Vertriebsleute wie auch Softwareentwickler eingestellt werden.

Zurzeit arbeiten fünf Personen bei P3D, einschließlich der Gründer. Die erste Finanzierungsrunde mit dem Hightech-Gründerfonds und dem Innovationsstarter Fonds Hamburg brachte die übliche Seedfinanzierung von rund 500 000 €.

„Die Probleme eines Start-ups kenne ich noch aus meiner Zeit in Kalifornien“, sagt Frei: „Man hat immer zu viel zu tun und zu wenig Ressourcen. Da muss man einen Fokus auf die wichtigsten Sachen entwickeln. Aber was ist wichtig? Man muss Geld erwirtschaften, gleichzeitig aber auch strategisch denken. Deshalb brauchen wir nun mehr Leute und finanzielle Mittel: Dann haben wir sehr gute Chancen.“

http://www.p3dsystems.de

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Von M. Jodanova-Duda | Präsentiert von VDI Logo
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