12.03.2014, 12:00 Uhr | 0 |

Start-up-Porträt Navigationssystem für die Augen-OP

Das Fehlsichtigkeitsmessgerät des Nürnberger Start-ups Eyesight&Vision kann die Brechkraft des Auges während der Operation messen. Profitieren werden davon vor allem Patienten mit grauem Star. Denn Chirurgen können nun in situ die richtige Ausrichtung der künstlichen Linse überprüfen.

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Während der Augen-OP kann mithilfe der Technologie des Start-ups Eyesight&Vision die optimale Position einer künstlichen Linse bestimmt werden.

Foto: Eyesight&Vision

Jedes Jahr lassen sich in Deutschland etwa 650.000 Patienten am grauen Star operieren. Dabei entfernt der Chirurg die getrübte Linse und ersetzt sie durch eine künstliche. Die notwendige Stärke der Intraokularlinse berechnet er näherungsweise aus Krümmungsradius der Hornhaut, Augenlänge und Vorkammertiefe, da die getrübte Linse eine direkte Messung nicht möglich macht. Ein fehleranfälliges Verfahren: Bei etwa 10% der Patienten weicht der Brechwert des Auges nach der OP um mehr als 1,0 Dioptrien vom Zielwert ab.

Abhilfe soll das Intraoperative okulare Wellenfront Aberrometer (I-O-W-A) des Nürnberger Start-ups Eyesight&Vision schaffen. Das Fehlsichtigkeitsmessgerät kann während der Operation die Brechkraft des Auges messen. So kann der behandelnde Arzt noch am Operationstisch die Wahl und die richtige Ausrichtung der Linse kontrollieren. Letzteres ist insbesondere bei Linsen mit mehreren Brechwerten wichtig.

„Mithilfe des I-O-W-A kann der Arzt das Auge noch während der OP genau einstellen. Fehlsichtigkeiten, die von dem erwarteten Behandlungserfolg abweichen, können dann nur noch beim Heilungsprozess entstehen“, erklärt Kurt Heiberger. Der Ingenieur hat das Unternehmen 2010 gemeinsam mit dem Physiker Andreas Schnalke gegründet.

Zwei technische Schwierigkeiten musste das Gründerduo überwinden: Zum einen sollte der Abstand zwischen Messgerät und Auge vergrößert werden. Hintergrund: Bisherige Messgeräte setzen direkt über dem Auge an. Es bleibt also kein Raum für Operationswerkzeuge. Gemessen werden kann also nur vor und nach dem Eingriff. Zum anderen können die bisherigen Geräte die Fehlsichtigkeit während der Operation – also nach Entfernung der Linse – nicht berechnen. Das liegt an ihrer Funktionsweise. Sie werfen ein Muster aus Lichtpunkten auf das Auge. Die Abweichung der Lichtpunkte von ihrer Idealposition zeigt dann die Fehlsichtigkeit. Ist die Verzerrung aufgrund der fehlenden Linse jedoch zu groß, dann verlassen einzelne Lichtpunkte ihre Messfelder, überlagern sich mit anderen Punkten und können nicht mehr eindeutig zugeordnet werden.

Das I-O-W-A nutzt deshalb die „Flying-Spot-Technologie“, bei der ein einzelner Lichtpunkt über das Auge wandert. So kann jeder Lichtpunkt, der auf der Netzhaut erscheint, eindeutig seiner Ausgangsposition zugeordnet werden. Die Schlüsselkomponente, die dieses Verfahren ermöglicht, ist der Mikroscanner „Varios“ des Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme (IPMS). Auch der größere Abstand zum Auge ist mit dieser Technologie möglich. Das fertige Gerät kann direkt an das OP-Mikroskop montiert werden. Über ein 3-D-Head-Up-Display sind die Messergebnisse im Sichtfeld des Mikroskops zu sehen.

Kennengelernt haben sich die beiden Gründer bei WaveLight, einem Hersteller von Medizinlaser-Geräten. Seit 1999 entwickelten sie dort Fehlsichtigkeitsmessinstrumente, sogenannte Wellenfront Aberrometer, für die chirurgische Laserbehandlung am Auge. Im Zuge von Umstrukturierungsmaßnahmen löste WaveLight 2006 die Forschungs- und Entwicklungsabteilung für Wellenfront Aberrometer auf, ein Jahr später übernahm der US-Konzern Alcon das Unternehmen. 2009 schließlich verließen die beiden das Unternehmen – im Gepäck die Idee für das I-O-W-A.

„Zunächst haben wir nach einem Industriepartner für unser Konzept gesucht“, so Heiberger. „Damals hatten wir noch keinen ausgearbeiteten Businessplan. Potenzielle Partner haben sich von den unüberschaubaren Entwicklungskosten abschrecken lassen.“ Also machte sich das Duo an die Arbeit, entwickelte ein Geschäftskonzept und nahm an verschiedenen Businessplan-Wettbewerben teil. Vor allem das Netzwerk-Nordbayern unterstützte die Gründer mit Kontakten zu Investoren. Im Oktober 2011 beteiligten sich der Hightech-Gründerfonds und BayernKapital an der GmbH. Später kam ein Pool privater Investoren unter Leitung des Lead Investors Robert Grüter hinzu. Deren Einlagen hat die KfW noch einmal verdoppelt.

Derzeit arbeiten die Gründer an der Feinjustierung des Systems. Einflüsse und Störgrößen während der Operation, etwa trockene Stellen auf der Hornhaut oder variierender Augeninnendruck, sollen möglichst vollautomatisch kompensiert werden. An der Heidelberger Universitäts-Augenklinik laufen seit Juni 2013 Studien zur Anwendung des I-O-W-A. Gefördert werden die Untersuchungen durch das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi). Erste Ergebnisse sollen zwischen April und Mai 2014 vorliegen. Auch die private Augenklinik am Marienplatz in München testet das Gerät, weitere Kliniken sollen folgen.

So will sich das Unternehmen schon bis zur Mitte dieses Jahres über Umsatz finanzieren. Am besten wäre es jedoch nach Ansicht der Entwickler, wenn das I-O-W-A direkt in einem Operationsmikroskop integriert wäre und nicht als Zusatzmodul montiert werden müsste. Daher wünschen sich die Gründer einen Verkauf von Eyesight&Vision an einen Hersteller ophthalmologischer Geräte. „Die Gespräche dazu laufen schon“, so Heiberger zuversichtlich.

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Von Kai Weller | Präsentiert von VDI Logo
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