15.11.2013, 12:04 Uhr | 0 |

Start-up-Portrait: Sonormed Musikalische Umerziehung für fiependes Gehör

Die Sonormed GmbH bekämpft Tinnitus mit Musik. Patienten können ihre Lieblingssongs unter „www.tinnitracks.com“ individuell filtern lassen. Bereinigt um bestimmte Frequenzen, beruhigt die Musik hyperaktive Nervenzellen, von denen das nervtötende Fiepen ausgeht. Investoren mit Branchen-Know-how sind willkommen.

Tinnitracks
Á

Mit Musik gegen Tinnitus: Ingenieur Adrian Nötzel, Informatiker Matthias Lanz und Betriebswirt Jörg Land wollen Patienten vom Fiepen befreien.

Foto: Michael Osei / photography

Er raubt Schlaf und Konzentration. Schwere Fälle münden in Depressionen und Suizidgedanken. Tinnitus. Jeder dritte Mensch erlebt im Laufe seines Lebens das nervtötende Fiepen am eigenen Leib – und muss dann erkennen, dass es nur begrenzte Therapiemöglichkeiten gibt.

Adrian Nötzel stieß als angehender Ingenieur für Medientechnik auf die Krankheit. Genauer bei der Themensuche für seine Diplomarbeit. „Weil ich nicht die 100 000ste Arbeit für die Schublade schreiben wollte, habe ich Freunde auf mögliche Themen angesprochen“, berichtet er. Johannes Wittig, der als Psychologiestudent in Wien mit Tinnitus-Patienten arbeitete, wies ihn auf Forschungen der Uni Münster hin. Dort gebe es viel beachtete Ansätze für eine Musiktherapie gegen das Ohrklingeln. Tontechnik und Therapie – diese Verbindung ließ Nötzel aufhorchen.

Keine drei Jahre später ist Nötzel Unternehmer. Mit seinen Bekannten Jörg Land und Matthias Lanz, die schon diverse Unternehmen im Mobilfunkbereich mit aufgebaut haben, hat er die Sonormed GmbH gegründet. Ihr Gegenstand: Musiktherapie gegen Tinnitus. Lanz verantwortet als Wirtschaftsinformatiker die IT-Entwicklung des Start-ups. Betriebswirt Land widmet sich Unternehmensentwicklung, Produktmanagement und Finanzen.

Das Team hat eine Technologie entwickelt, die Musik zur Waffe gegen den Tinnitus macht. Auf der Webplattform des Start-ups (s.u.) können Patienten ihre Lieblingssongs so filtern lassen, dass sie gegen das Fiepen wirkt. Um zu erklären, wie das funktioniert, holt der Ingenieur aus: „Tinnitus entsteht nicht im Ohr, sondern in der Hörrinde – dem akustischen Wahrnehmungszentrum des Gehirns. Hier sind Nervenzellen nach ihrer Frequenz von tief bis hoch aufgereiht“, erklärt er. Bildgebende Verfahren zeigten bei Tinnitus-Patienten, dass Areale der Hörrinde überaktiv sind, die mit der Frequenz ihres Tinnitus korrespondieren. „Unsere Therapie stimuliert gezielt die umliegenden Nervenzellen und spart den überaktiven Bereich aus“, erklärt er. Als Effekt trete eine sogenannte laterale Hemmung ein: Die hyperaktiven Zellen werden durch die Aktivierung ihres Umfeldes beruhigt.

Tinnitracks filtert also genau die Frequenz heraus, in der der Tinnitus schwingt. Damit Patienten das System mit gängigen Endgeräten und Browsern nutzen können, war ein webbasiertes System nötig. Dafür wiederum braucht es schlanke Audiodateien. „Wir haben einen eigenen MP3-Encoder programmiert, der mit dem standardisierten Decoder kompatibel ist und der die für die Therapie relevante Filterung erhält“, so Nötzel.

Weil nicht jede Musik geeignet ist, entwickelte das Team zudem ein Tool, um das Therapiepotenzial von Songs zu testen. „Es gibt dabei keine Faustformel. Heavy-Metall wirkt teils besser als Klassik“, so Nötzel.

„Lieblingsmusik regt die Ausschüttung des für Lernprozesse wichtigen Hormons Dopamin an. Zudem ist sie wichtig für die Therapietreue“, erklärt Land. Durchhalten sei wichtig, da sich die überaktiven Nervenregionen nur nach und nach beruhigen. „Bei bisherigen Ansätzen fällt es Patienten oft schwer, am Ball zu bleiben“, berichtet er. Entsprechend stoße „Tinnitracks“ bei HNO-Ärzten, Krankenkassen und Patienten auf reges Interesse.

Positives Feedback erhielt das Start-up auch vom Kopfhörer-Spezialisten Sennheiser. Die Gründer waren auf den Mittelständler zugegangen, weil es bei der Musiktherapie auch auf das Equipment der Patienten ankommt. „Wir konnten unsere Idee dort vorstellen und sind auf offene Ohren gestoßen“, so Land. Folge ist eine Kooperation, bei der das Start-up die Filterung für bestimmte Kopfhörermodelle optimiert.

„Wichtig für unseren Erfolg ist, dass wir alle Komplexität in unsere Software packen konnten. Darum ist die Anwendung für Patienten und Ärzte unkompliziert“, betont Land. Der Kern der Technologie ist zum Patent angemeldet. Die Plattform ist online. Das Geschäft läuft an.

Bisher hat das Team die Gründung fast komplett aus Eigenmitteln finanziert. Zudem erhielt es 140 000 € Fördergeld aus dem Innovationsförderprogramm InnoRampUp der Hamburgischen Investitions- und Förderbank sowie Preisgelder diverser Innovationswettbewerbe. „Die Gelder sind komplett in die Entwicklung geflossen“, so Land.

Noch ist Sonormed zu 100% in Besitz der Gründer. Für die nächsten Schritte überlegt das Team, Anteile abzugeben – sofern ihnen ein passender Investor begegnet. „Im Fokus liegen der Ausbau des Vertriebs und die technologische Weiterentwicklung“, sagt Land. Beides könnte beschleunigt werden mit finanzieller Unterstützung und guten Kontakten eines unternehmerisch erfahrenen Investors. Zuerst wollen die Gründer Tinnitracks hierzulande etablieren – und dann die wesentlich teurere internationale Expansion angehen.

http://www.tinnitracks.com

Anzeige
Von P. Trechow | Präsentiert von VDI Logo
Zur StartseiteZur Startseite
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden