09.04.2014, 12:00 Uhr | 0 |

Start-up-Portrait: ICE Gateway Leuchtende Alleskönner am Straßenrand

In der Dämmerung an, bei Tagesanbruch wieder aus: Straßenlaternen können bald mehr als das. Der Berliner Jungunternehmen ICE Gateway will die Außenbeleuchtung intelligent steuern und die Laterne zum Ausgangspunkt lokaler Machine-to-Machine (M2M)-Dienste machen.

ICE Gateway
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Ramin Lavae Mokhtari, Gründer von ICE Gateway, will Straßenlaternen smarter und effizienter machen.

Foto: A. Kraus / HTGF

Kluge Maschinen kennen wir schon, mitdenkende Autos langsam auch. Und nun Straßenlampen? Das verspricht Ramin Lavae Mokhtari. Der Mitgründer und Geschäftsführer von ICE Gateway will das Innenleben der gemeinen Straßenlaterne erneuern und erweitern: Ein leistungsstarker Prozessor mit einer SIM-Karte soll das heutige Steuerungsgerät ersetzen und Schnittstellen für eine LED sowie für Sensoren, Überwachungskameras und andere Komponenten bieten.

Die EU hat verordnet, Millionen ineffiziente oder toxische Leuchten schrittweise auszutauschen. Ein großer Modernisierungsbedarf also, der allerdings auf eine geringe Investitionsbereitschaft trifft. Mit einem Contracting-Modell will ICE Gateway den Widerspruch aufheben: Die Kunden zahlen für die neue Lösung auf zehn Jahre verteilt eine Gebühr, die niedriger als ihre bisherigen Strom- und Wartungskosten ist.

Eine LED halbiere den Energieverbrauch, eine Steuerung der Beleuchtung senke ihn um weitere 20% bis 40%, rechnet Mokhtari vor. Dass die Lampen konstant leuchten und Strom fressen, egal, was in der Straße los ist, sehen immer weniger Kommunen ein. Einige Beispiele: In Lemgo bestellen Fußgänger ihr Licht per Handy. In Erfurt schalten Sensoren die Laternen an, wenn sich die Straßenbahn der Haltestelle nähert.

Diese Lösungen kann man aus Mokhtaris Sicht kaum bürgerfreundlich nennen. Statt zwischen hell und zappenduster zu wechseln, sei es besser, das Licht nach Bedarf zu dimmen. Zunächst einmal bräuchte man jedoch Daten: „Man muss wissen, wie viel Verkehr in dieser Straße ist, wie viele Fußgänger sie im Durchschnitt passieren und zu welchen Zeiten. Heutzutage steht jemand auf dem Bürgersteig und macht Kreuzchen. Wir wollen es aus der Leuchte messen.“ Bewegungs- und Helligkeitssensoren werden, so die Idee, über WLAN oder USB an den Mini-Computer, dem Gateway, der Laterne angeschlossen. Sie sind per Funk untereinander und mit dem Cloud-Server des Berliner Start-ups vernetzt. Anhand der Statistik sollen die Stadtverwaltung und die Polizei gemeinsam entscheiden, wie hell ein Standort wann ausgeleuchtet sein muss – und es gegebenenfalls immer wieder anpassen.

Kommunen, aber auch Betreiber von Häfen, Industrieparks oder privaten Parkplätzen sind potenzielle Kunden. ICE Gateway übernimmt die Modernisierung, Fernsteuerung und -wartung ihrer Lichtmasten, inklusive Programmierung, Bedienoberfläche, Übertragungskosten und regelmäßiger Updates. Derzeit zahle eine Kommune pro Laterne im Schnitt 100 Euro jährlich für Strom und Wartung, mit starken Abweichungen je nach Ortschaft und Straßentyp. Mokhtari: „Wir müssen mit unserer Gebühr drunter bleiben.“

Die Technologie funktioniere zwar mit jeder Art von Leuchtmittel, aber zum Markteintritt setzt Mokhtari auf die vergleichsweise günstigen LED-Retrofit – also Leuchtdioden mit klassischer Fassung. Kooperationspartner stellten sie nach seinen Vorgaben ohne Steuerungselektronik her. Die Kunden können auch mit einzelnen Laternen oder Straßenzügen anfangen. So auch in Potsdam, wo eine sechsmonatige Testphase im historischen Stadtzentrum beginnt.

„Wenn dem Kunden durch die energieeffiziente Beleuchtung genug Geld übrig bleibt, kann er in weitere Dienste investieren.“ Diese werden nach dem „pay-per-use“-Prinzip bezahlt, nach Unternehmensplänen äußerst günstig. Denn der Gateway ist ja bereits wegen der Beleuchtung da. „Wir wollen lokale Infos laden, damit man sie mit jedem beliebigen Gerät per Wlan abholen kann, ohne ins Internet zu gehen.“ Da es sich um ortsbezogene Daten handelt, bräuchte der Nutzer dafür weder eine Authentifizierung noch eine Ortung. Wer bei der Laterne steht, könnte sich beispielsweise ein Video über die aktuelle Ausstellung des Museums, die Speisekarte des Restaurants oder das Angebot der benachbarten Boutique anschauen. Eine Straßenecke weiter gäbe es andere Infos.

An dem Gateway könnten auch Sensoren angeschlossen werden, die Geschwindigkeit, Lufttemperatur und andere Parameter messen oder vor Gefahren im Straßenverkehr warnen. Der Kunde könnte sich eine eigene Auswahl von Dienstleistungen zusammenstellen.

„Die Sensoren werden vor Ort ausgewertet. Unser Gateway bringt eine Vorleistung, bearbeitet und komprimiert etwa die Kamera-Bilder, bevor er sie an die Cloud schickt“, erläutert Mokhtari. Dadurch werden die Netze weit weniger belastet. Diese Technologie sei zwar noch ganz am Anfang, aber ICE Gateway will sie mit Hilfe von Partnerschaften schnell vorantreiben.

Sein erster Partner ist die Deutsche Telekom, bei der Mokhtari einst Leiter von T-Venture USA war. „Unser Funknetz wird das Netz der Telekom ergänzen“, sagt er. Kooperationen kann er sich aber auch mit Energieunternehmen und Stadtwerken in Sachen E-Mobility vorstellen. Elektrofahrzeuge ließen sich in Zukunft direkt an der Laterne laden. Und der Fahrer könnte neben der Energie auch lokale Informationen tanken.

ICE Gateway ist im Mai 2013 gegründet worden. Die Idee reifte bei Mokhtari und seinem Partner, Prof. Gerd Ascheid vom Institut für Kommunikationstechnologien und Embedded Systems der RWTH Aachen, jedoch schon lange. Beide kennen sich aus mehreren gemeinsamen Projekten. Ein halbes Jahr nach dem Start holten sie den Hightech-Gründerfonds (HTGF) an Bord. Mit dem Geld des Wagnisfinanzierers und den eigenen Ersparnissen sollen die ersten Projekte realisiert werden. Aber dabei wird es wahrscheinlich nicht bleiben: „Wir suchen Investoren für eine zweite Runde noch in diesem Jahr“, sagt Mokhtari. Möglich sei sowohl ein Industriepartner als auch Risikokapital in Reinform.

Allzu schnelles Wachstum muss dennoch nicht sein: „Wir wollen unsere Kernmannschaft klein halten und die Fertigung outsourcen.“ Die Entwicklung der IT und der Prozessoren behält ICE Gateway bei sich und sucht Hardware- und Software-Spezialisten für Berlin und Aachen. Nach dem Markteinstieg in Deutschland will Mokhtari bald weltweit verkaufen: „Die intelligente Technologie ist überall die gleiche, man muss nur die passende SIM-Karte dazu nehmen.“

http://www.ice-gateway.com

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Von M. Jordanova-Duda | Präsentiert von VDI Logo
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