01.12.2013, 12:01 Uhr | 0 |

Start-up-Porträt: Solarbrush Kleiner Reinigungsroboter für riesige Solarfelder

Schon 1998 entwickelte Ridha Azaiz seinen ersten Reinigungsroboter für Photovoltaik-Anlagen – damals noch als Schüler in einem Projekt für „Jugend forscht“. Mittlerweile hat er sein Maschinenbaustudium abgeschlossen und will mit seiner inzwischen stark überarbeiteten Idee durchstarten. Inkubatoren und Coworking Spaces helfen ihm dabei.

Solarbrush
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Solarbrush-Entwickler Ridha Azaiz mit seinem Reinigungsroboter. Der vielfach ausgezeichnete Ingenieur will demnächst sein eigenes Unternehmen gründen.

Foto: Solarbrush

Vergnügter Lärm im Hintergrund. Teils versteht Ridha Azaiz sein eigenes Wort nicht. „Entschuldigung, ich bin hier im Coworking Space in Santiago de Chile“, erklärt der Gründer. Er bereite Tests seines Roboters in der Atacamawüste vor. In der trockenen Hitze soll das Gerät Photovoltaik-(PV)-Felder von aufgewirbeltem Sand befreien.

Es sind die letzten Tests. Anschließend will der 28-jährige Sohn eines Tunesiers und einer Deutschen ein Unternehmen gründen, um seine automatisierte „Solarbrush“ – also Solarbürste – weltweit zu vermarkten. Wo er gründen wird, lässt er offen. Deutschland wird es nicht sein. Seine Märkte liegen im Sonnengürtel der Erde. Dort, wo es viel Sonne und Staub gibt und fast nie regnet. In PV-Freiflächenanlagen sind dort regelmäßig Reinigungstrupps unterwegs, um die Module von Sand und Staub zu befreien. „Studien im Nahen Osten belegen, dass die Wirkungsgrade durch Verschmutzung innerhalb von einem Monat um bis zu 35 % sinken“, erklärt Azaiz. Seine Roboter sollen PV-Felder mehrmals die Woche abfegen, damit Morgentau und Staub keine hartnäckigen Krusten bilden. Azaiz hat lange getüftelt, um seine Geräte trotz aller Pneumatik, Elektronik und Mechanik auf ihr heutiges Gewicht von 2,5 kg zu bringen. Schon 1998 hat er in einem Projekt für „Jugend forscht“ seinen ersten Reinigungsroboter entwickelt. Es folgten Abitur und Maschinenbaustudium, in dem er beharrlich weiterentwickelte – sofern sein Geldbeutel es zuließ. „Ich habe in den Semesterferien regelmäßig gejobbt und das Geld in die Entwicklung gesteckt“, berichtet er. Teils hätten ihn auch Unternehmen mit vergünstigten Komponenten und ausrangierten Geräten unterstützt, die er ausschlachtete.

Nach und nach reifte sein System. „Mir war zweierlei wichtig: Trockene Reinigung und leichte Handhabung“, sagt er. Wasser sei in den Zielmärkten knapp und hätte zu ungleich komplexeren Robotersystemen geführt. Zumal Wasser und Staub Schlamm bilden, der nur schwer von den Modulen zu beseitigen wäre. Leicht und robust soll die Technik sein, damit ein Arbeiter mit mehreren Robotern riesige PV-Felder reinigen kann.

In Azaiz System fegt eine Leistenbürste die PV-Module sanft ab. Zur Fortbewegung dienen Saugnäpfe an zwei kurzen Beinen. Der Antrieb ist eingehaust, damit Sand und Staub ihm nichts anhaben können. Neigungen bis 30° nimmt er sicher. Sensoren erkennen, wo die Module enden. Die 2 cm bis 3 cm breite Spalte zwischen den Modulen überschreiten die Roboter. Vor echten Abgründen machen sie Halt. Ist ein PV-Strang gereinigt, werden die Reinigungsgeräte händisch auf den nächsten gesetzt. „Ich denke über Lösungen nach, um diesen Schritt zu automatisieren“, sagt Azaiz.

Vorerst sind andere Fragen wichtiger. Etwa die Stromversorgung. Bislang setzt der Gründer in spe auf Nickel-Metall-Hydrid-Akkus. Mit Lithium-Ionen-Technik will er die Laufzeit seiner Roboter auf 8 Stunden erhöhen. Wegen der Hitze hat er damit gezögert. Denn auf den Modulen herrschen tagsüber fast 90 °C. Temperatursensoren sollten über die empfindlichen Energiespeicher wachen. Doch es tut sich ein anderer Weg auf: „Mit meiner Technik können die PV-Anlagen in den Abendstunden oder nachts gereinigt werden“, erklärt er. Von potenziellen Kunden aus dem arabischen Raum und aus den USA wisse er, dass auch die Reinigungstrupps arbeiten, wenn es nicht so heiß ist.

Azaiz ist in den letzten Monaten viel herumgekommen. Abu Dhabi, London, Berlin, San Francisco und jetzt Santiago de Chile. Eines kam dabei zum anderen. Er gewann im Oktober 2012 beim „betapitch“ des Betahaus Berlin, in dessen Coworking Space er fortan arbeitete. Parallel beteiligte er sich am „hub:raum“ Accelerator Programm der Telekom. Im Januar gewann er den Berliner Start-up-Wettbewerb „Hy“, was ihm neben 10 000 € Preisgeld und Beratungsleistungen im Wert von 5000 € jede Menge neue Kontakte einbrachte. „Ich habe von dieser Phase in Betahaus und hub:raum sehr profitiert“, resümiert er. Mentoren halfen ihm, sein Geschäftsmodell zu optimieren oder seine öffentliche Darstellung zu professionalisieren. Und er bekam Kontakte auf Vorstandsebene in aller Welt. Unter anderem zu jenem US-Solarunternehmen, dessen PV-Anlagen Azaiz Roboter nun testweise in der Atacamawüste reinigen sollen.

Die weite Welt lockt. „Ich finde fast überall Zuspruch und Unterstützung“, erklärt Azaiz. Gegenwärtig im Programm „Start-up Chile“, das innovative Gründer aus aller Welt in den Andenstaat einlädt und sie nach einem Auswahlverfahren mit 40 000 $ Seed-Capital, Büros in Coworking Spaces und einem Einjahresvisum empfängt. Im Programm sollen sie ihre Projekte 24 Wochen lang vorantreiben. Gründer aus über 60 Ländern nutzen das Angebot bereits. Chile möchte sich damit zum globalen Hub für Hightech-Gründer entwickeln und ein Image als Innovationstreiber in Lateinamerika aufbauen. Für Azaiz ist „Start-up Chile“ vorerst der ideale Hub in die Atacamawüste und deren extremen Umweltbedingungen. Überstehen seine Roboter die Tests dort, dann wird ihm die Welt erst recht offenstehen.

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Von Peter Trechow
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