05.11.2014, 12:00 Uhr | 0 |

Start-up-Portrait: Predemtec Früh wissen, ab wann das große Vergessen droht

In Deutschland sind rund 1,5 Mio. Menschen an Demenz erkrankt, etwa zwei Drittel von ihnen an Alzheimer. Wenn die Vergesslichkeit beginnt, den Alltag zu behindern, hat das Gehirn schon irreversible Schäden erlitten. Wissenschaftler suchen deshalb nach einer zuverlässigen Früherkennungsmethode. Ein Start-up aus Hennigsdorf bei Berlin will 2015 den Bluttest Predemtec DX auf den Markt bringen.

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Annegret Feuerhelm-Heidl, Mitgründerin von Predemtec, hat einen Bluttest entwickelt, der eine drohende Demenz sehr früh erkennt.

Foto: Predemtec

Wenn man seine Schuhe in den Kühlschrank stellt oder die Namen der Liebsten entfallen sind, dann hat sich die Demenz schon seit mindestens zehn Jahren entwickelt. Deshalb gründete Annegret Feuerhelm-Heidl 2011 zusammen mit dem Neurobiologen Patrick Scotton und dem Psychiater Asmus Finzen das Start-up Predemtec GmbH. Sie wollten herausfinden, welche Faktoren eine Diagnose weit vor dem Auftreten erster klinischer Symptome ermöglichen.

Bisher bekannte Methoden, wie bildgebende Verfahren können zwar Hirntumore und Durchblutungsstörungen als Ursache ausschließen, taugen aber nicht zur Alzheimer-Diagnose. Bei der Analyse von Nervenwasser im Rücken ist die Fehlerquote zu hoch. Die Molekularbiologin und ihre Mitstreiter an den Universitäten in Basel und Bern begannen nach einem möglichen Bluttest zu suchen. Damals arbeitete Feuerhelm-Heidl beim Pharmakonzern Novartis in Basel im Bereich Neurowissenschaften. „Ich kannte viele Experten, hatte Zugang zu Informationen aus klinischen Studien großer Konzerne, hatte jahrelang zum Thema recherchiert und beschlossen, etwas zu machen“, erinnert sie sich.

Bei Alzheimer reagiert das Immunsystem auf die Eiweißablagerungen im Gehirn und setzt entzündliche Stoffe frei. Sechs dieser sogenannten Biomarker haben die Forscher bereits identifiziert. Je nach Kombination und Konzentrationen ergibt sich ein Risiko- oder Krankheitsprofil.

Derzeit läuft eine Validierungsstudie mit Proben aus einer großen Brandenburger Klinik. „Wir zeigen, dass es wirklich große Unterschiede zwischen den Biomarker-Profilen im Blut von Demenzpatienten und von gesunden Probanden gibt“, sagt die Predemtec-Geschäftsführerin. Der Test habe eine Genauigkeit von über 90%, verspricht seine Entwicklerin. Momentan könne zwischen vaskulärer Demenz und Alzheimer unterschieden werden. Andere Formen wie Lewy-Body-Demenz sollen irgendwann auch erkannt werden.

Risikogruppen, wie Übergewichtige, Diabetiker oder Depressive sollen sich dem Test unterziehen. Dann gebe es Chancen, so Feuerhelm-Heidl, den geistigen Verfall durch Medikation oder eine Veränderung des Lebensstils hinauszuzögern oder sogar zu verhindern. Die Konzentration der einzelnen Biomarker im Blut weise darauf hin, was der beste Ansatz für eine Therapie sei. „Wenn die Faktoren z. B. eine eher vaskuläre Demenz anzeigen, wäre ein Lipidsenker angebracht.“ Ferner könnte der Test künftig dazu dienen, die Wirksamkeit einer Impfung oder einer Therapie gegen Alzheimer zu überprüfen.

Das Geschäftsmodell des Hennigsdorfer Start-ups sieht vor, dass die bekannten deutschen Demenz-Experten die Untersuchung zuerst in ihren Kliniken anwenden. Wenn sie von ihren Erfahrungen auf Kongressen berichten, sollen dann Hausärzte darauf aufmerksam werden. Für die Kassenzulassung will das Unternehmen mithilfe von Diagnostik-Net Berlin-Brandenburg Gespräche mit den Krankenkassen und der Ärztevereinigung aufnehmen. Die Idee ist, den Test an große Zentrallabors und an Kliniken zu verkaufen. Eine Software für sogenannte Elisa-Automaten soll dann das Verhältnis der Biomarker zueinander und ihre jeweilige Bedeutung nach einem patentierten Verfahren bestimmen.

Gegenwärtig gibt es mehrere Konkurrenzprojekte zur Früherkennung von Demenz, unter anderem auf Grundlage der Lipidkonzentration. Feuerhelm-Heidl will 2015 an den Start gehen. „Wir bringen den Test zunächst in Deutschland auf den Markt, später weltweit“, erklärt sie.

Angesichts der alternden Weltbevölkerung hat der Hightech-Gründerfonds im Sommer 500.000 Euro Risikokapital investiert. „Bis dahin hatten wir ausschließlich eigene Mittel hineingesteckt“, sagt Feuerhelm-Heidl. Nun fließt auch die öffentliche Förderung über das Programm „Gründung innovativ“ und über Mittel der Landesbank Brandenburg. Zusammen mit der Charité Berlin will Predemtec demnächst ein ZIM-Projekt beantragen. Bei dieser Art Förderung bezuschusst das Bundeswirtschaftsministerium Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung von kleinen und mittleren Unternehmen und Forschungseinrichtungen.

Wahrscheinlich wird Predemtec noch eine weitere Finanzierungsrunde benötigen: Der Test soll für ein Multiplexing-Verfahren weiterentwickelt werden, um alle sechs bekannten Faktoren gleichzeitig bestimmen zu können. Das erlaubt einen hohen Durchsatz.

www.predemtecdx.com

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Von M.Jordanova-Duda | Präsentiert von VDI Logo
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