09.04.2014, 12:00 Uhr | 0 |

Start-up-Porträt: Drift&Noise Polar Services Alle Schollen auf dem Schirm

Das Meereis ist ständig in Bewegung, angetrieben von Sonne, Wind und Strömungen. Eine Ausgründung des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meereisforschung in Bremerhaven will Reeder, Offshore-Industrie und NGO mit aktuellen Daten über Ausbreitung, Geschwindigkeit und Dicke der Eisschollen beliefern.

EM-Bird
Á

Die Sonde „EM Bird“ misst per elektromagnetischer Induktion die Eisdicke beim Überflug.

Foto: AWI

Als das russische Forschungsschiff „Akademik Shokalskiy“ und nach ihm der chinesische Eisbrecher „Xue Long“ vor rund drei Monaten im antarktischen Packeis stecken blieben, halfen hoch aufgelöste Satellitenaufnahmen, nach Auswegen zu suchen. Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meereisforschung (AWI) konnte nach eigenen Angaben die Daten innerhalb weniger Stunden zur Verfügung stellen.

Informationen über Eisbewegungen sind aber nicht nur in Notsituationen von Interesse. Gebraucht werden sie etwa auch von Firmen, die Erdöl- und Erdgas fördern, Rohstoffe abbauen, Offshore-Windparks aufbauen, Güter transportieren oder den Tourismus in der Polarregion ankurbeln wollen. Aber auch Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie etwa Greenpeace wollen wissen, wie sich die Natur bewegt.

Die Meereisphysiker Thomas Krumpen und Stefan Hendriks vom AWI und ihr Kollege Lasse Rabenstein von der ETH Zürich planen deshalb, eine GmbH auszugründen. Die Helmholtz-Gemeinschaft, zu der das AWI gehört, sowie das Institut selbst finanzieren die Startphase von Drift&Noise Polar Services mit rund 200.000 Euro. „Das gibt uns die Chance, unser Geschäftsmodell ein Jahr lang zu testen“, sagt Krumpen.

Das Start-up punktet mit einer Methode, die seit den 90er-Jahren am AWI entwickelt wird: die Messung der Eisdicke von der Luft aus. Die elektromagnetische Sonde EM Bird wird dabei per Hubschrauber in 15m Höhe über das Eis geflogen. Die torpedoartige Sonde arbeitet mit elektromagnetischer Induktion. Sie nutzt die unterschiedliche elektrische Leitfähigkeit von Eis und Wasser. So wird die Höhe des Geräts über der Eisunterseite festgestellt. Zudem misst ein Laserabstandsmesser die Entfernung zur Oberseite. Die Differenz ergibt die Eisdicke. „Die Technologie lässt sich gut kommerzialisieren, denn der Parameter ist über Satellit oder andere Methoden schwer zu bestimmen“, so Krumpen.

Ein weiteres Geschäftsfeld von Drift&Noise ist das skalierbare Produkt OSSI (On-site sea-ice information). Im Gegensatz zum EM Bird erfasst es nicht nur die aktuellen Eisstärken vor Ort, sondern es erlaubt die Vorhersage künftiger Entwicklungen in einem größeren Areal. Dazu kombiniert es lokale Messergebnisse mit den Aufnahmen verschiedener Satelliten und historischen Werten. Die gewonnenen Prognosen werden direkt an die Auftraggeber gesendet. Etwa an Schiffskapitäne. Diese erhalten die Daten in einem Format, dass die sofortige Visualisierung an Bord ermöglicht. In Zukunft sei die automatische Detektierung von Eisbergen geplant: Das System erkenne sie auf dem Satellitenbild und schicke von sich aus eine Warnung.

 „Der Markt für unsere Daten wächst“, so Krumpen. „Gleichzeitig haben wir es mit einer konservativen Klientel zu tun.“ Potenzielle Kunden für die EM-Messungen sucht Drift&Noise deshalb im persönlichen Gespräch. „Wir müssen den Leuten zeigen, was das Gerät kann.“ Zumal die Methode aufwendig ist: Die Ausrüstung muss ins Zielgebiet transportiert und ein Hubschrauber gechartert werden. Der Pilot braucht eine spezielle Zulassung. Und außerdem darf das Wetter nicht zu schlecht sein. „Für unser OSSI betreiben wir aber auch Kaltakquise, schreiben etwa gezielt an Tourismusanbieter in der Arktis und Antarktis.“

Der Markt für Eisinformationen ist kein Massenmarkt. Trotzdem gibt es Wettbewerber. Zu ihnen gehört das AWI. Es stellt Satellitendaten im Internet zur Verfügung (http://www.meereisportal.de ) – kostenlos. Krumpen ficht das nicht an. „Die Kunden haben bestimmte Anforderungen an das Format, sie wollen die Informationen regelmäßig erhalten und einen Ansprechpartner haben. Das kann nur ein Unternehmen leisten.“

Auf jeden Fall will Drift&Noise zügig Geld verdienen. Zwei Mitarbeiter hat das Start-up schon. Nun plant es, eine eigene EM-Sonde anzuschaffen. Krumpen: „Wir suchen nach einer Finanzierung, akquirieren Aufträge und machen bei öffentlich geförderten Projekten mit.“ Um sich nicht auf dünnes Eis zu begeben, haben die Wissenschaftler mithilfe des Förderprogramms „Helmholtz Enterprise“ ein Managementtraining absolviert und ihren Businessplan extern prüfen lassen. Das AWI hat ihnen einen Spezialisten für Technologietransfer zur Seite gestellt. Die Experten hätten bestätigt, dass das Konzept tragfähig sei, so der Gründer. „Wir werden es auf alle Fälle weiter verfolgen – auch wenn der Erfolg länger als ein Jahr auf sich warten lässt.“

Anzeige
Von Matilda Jordanova-Duda | Präsentiert von VDI Logo
Zur StartseiteZur Startseite
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden