01.12.2013, 12:01 Uhr | 0 |

Tobias Kollmann, Beirat "Junge Digitale Wirtschaft" „Wir sehen die Koalitionsvereinbarung durchaus positiv“

Seit einem Jahr unterstützt der Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ das Bundeswirtschaftsministerium. Er will die Aufmerksamkeit von Politik und Ministerialbeamten auf die Nöte und das Potenzial von Start-ups lenken. Offenbar nicht ganz erfolglos. In ihrem Koalitionsvertrag betonen Union und SPD jedenfalls die Bedeutung eines besseren Gründungsklimas in Deutschland. Fragen an den Beiratsvorsitzenden Tobias Kollmann.

Kollmann
Á

Gründungsexperte Tobias Kollmann: „Wir wollen Start-ups besser mit

der klassischen Industrie verzahnen. Dazu planen wir einen Gipfel.“

Foto: UDE

Herr Kollmann, in der Koalitionsvereinbarung sind Passagen zur Gründerförderung im letzten Moment abgeschwächt worden. Wie bewerten Sie den Vertrag?

Insgesamt durchaus positiv, denn das Gründerthema ist dennoch sehr sichtbar und unser Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ ist besonders erwähnt worden. Unsere Arbeit soll weiterlaufen und sogar ausgebaut werden. Tatsächlich machen wir nahtlos weiter. Letzten Montag haben wir getagt und dabei auch den scheidenden Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler verabschiedet.

Birgt der Wechsel an der Spitze des Ministeriums Unsicherheiten?

Nein. Zwar hat sich Philipp Rösler sehr mit unseren Ideen identifiziert und sich für IKT-Gründer stark gemacht, wie kaum ein Amtsvorgänger. Aber das Thema ist im Koalitionsvertrag derart verankert, dass ich ungeachtet der Personalie mit einer guten Fortsetzung rechne.

Vielleicht werden Internet-Start-ups nicht mehr persönliches Steckenpferd des nächsten Ministers sein. Unser Thema ist aber auf Arbeitsebene im Ministerium fest verankert und es erfährt politisch hohe Aufmerksamkeit. Es wird zwar kein Internetministerium geben, aber vielleicht doch einen Staatssekretär, der für dieses Querschnittsthema verantwortlich sein wird.

Die Endfassung des Koalitionsvertrages lässt Finanzierungsfragen offen. Woher Ihre Zuversicht?

Manche Streichung ist bedauerlich, doch das Thema Digitale Wirtschaft mit der zugehörigen Gründerszene ist nun präsent. Das sehe ich als wichtigen Fortschritt. Wir sind hier viel weiter als vor vier Jahren. Es gab bei den Koalitionsverhandlungen eine Untergruppe „Digitale Agenda“ und im Vertrag gibt es ein umfangreiches Kapitel zur Förderung in diesem Bereich.

Mehr Gründerförderung verspricht die Politik ständig. Wo sehen Sie eine neue Qualität?

Absichtserklärungen sind der erste Schritt. Jetzt steht das Konkretisieren der Vorhaben an. Dafür hat unser Beirat eine Reihe von Vorschlägen...

... als da wären?

Etwa eine Initiative zur Verzahnung von Start-ups mit der klassischen Industrie. Es gilt, beide Welten zusammenzuführen. Wir planen aktuell einen Gipfel, um Vertreter der traditionellen Industrieverbände und der Jungen Digitalen Wirtschaft ins Gespräch zu bringen. Es geht etwa um die Frage, was der Zusammenarbeit im Wege steht beziehungsweise woran sie bisher krankt.

Aber viele Konzerne bemühen sich ohnehin mit Inkubatoren und Venture Capital um Nähe zu Start-ups. Braucht es weiteren Anschub?

Start-ups könnten viel öfters Kunden und Zulieferer für Konzerne sein. Dem stehen oft banale Dinge im Weg. So können Zahlungsziele der Industrie von 60 bis 90 Tagen für die Liquidität von Start-ups problematisch sein. Es gibt viele solcher alltäglichen Hindernisse, die oft einfach zu beseitigen wären.

Was will ihr Beirat noch erreichen?

Mehr Gründerausbildung an Hochschulen! Es gibt eine Reihe von Entrepreneurship-Lehrstühlen. Aber es fehlt an Angeboten, die auf die digitale Wirtschaft ausgerichtet sind. Uns schwebt eine Neuausrichtung des Exist-Programms und einen stärkeren Einbezug von IT-Konzernen vor. Wenn das gelingt, ließen sich zügig zehn neue eEntrepreneurship-Lehrstühle einrichten.

IT- und Internet-Start-ups schießen wie Pilze aus dem Boden. Wozu noch mehr Lehrstühle?

Es geht uns um eine Gründerszene, die auf Wissen und Kompetenz aufgebaut ist. Gründerlehre an den Schnittstellen zur universitären Wirtschaftsinformatik- und Informatikausbildung ist dafür sinnvoll. Nicht als weiteres allgemeines Wahlfach, sondern als fest verankerte, tiefer gehende Gründerausbildung für IT-Spezialisten. Bei ihnen sollten wir versuchen, noch mehr Gründergeist zu wecken.

Ist das wirklich sinnvoll? IT-Firmen fehlen heute schon Fachkräfte und Absolventen sind oft zu grün hinter den Ohren, um im Markt zu bestehen.

Ob Absolventen sofort gründen, sich aus dem Beruf heraus selbstständig machen oder unternehmerisch denkende Angestellte bleiben – es macht immer Sinn, ihnen die nötigen Gründer-Skills zu vermitteln.

Was haben Sie noch mit der nächsten Bundesregierung vor?

Neben nationalen Wachstumsfonds für die spätere Finanzierungsphase sollen auch spezielle University Seed-Fonds aufgebaut werden. Sie könnten Spin-offs ergänzend zum Exist-Gründerstipendium unterstützen. Solche Beteiligungsmodelle gibt es in Großbritannien bereits.

Wer soll sie tragen und finanzieren?

Wir denken da an Kofinanzierungsmodelle von privaten Investoren und öffentlicher Hand; analog zum Hightech-Gründerfonds (HTGF).

Bei Ihren Ideen drängt sich die Frage nach der Finanzierung auf, die Union und SPD im Koalitionsvertrag bewusst vage halten.

Es gibt Mittel aus laufenden Programmen. Etwa aus der nächsten Runde des Exist-Programms. Zudem sollten wir die Option von Public-Private-Partnerships stärker als bisher nutzen...

... beim HTGF waren solche Partnerschaften aber alles andere als Selbstläufer. Gibt es wirklich Bereitschaft von privater Seite?

Das ist eine Entwicklung, die wir anstoßen müssen. Auch beim HTGF hat es gedauert, mittlerweile läuft es aber gut. Zuletzt haben sich immer mehr Firmen am Fonds beteiligt. Und bei den University Seed-Fonds sprechen wir über viel geringere Summen. Ich halte das für machbar. Erst recht, wenn es uns gelingt, das enorme Potenzial der Jungen Digitalen Wirtschaft für die deutsche Industrie und den gesamten Standort ins Bewusstsein zu rücken.

Anzeige
Von Peter Trechow
Zur StartseiteZur Startseite
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden