21.01.2015, 12:00 Uhr | 0 |

Eckhard von Hirchhausen über Gründungen „Wenn das Pferd tot ist, dann steige ab“

Was braucht es, um eine Firma zu gründen? Und ist es eigentlich gesund, auf dem Chefsessel zu rotieren? Eckhart von Hirschhausen, Arzt und Kabarettist, gibt Tipps und erläutert im Interview einige Risiken und Nebenwirkungen.

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Eckhard von Hirschhausen, Arzt und Kabarettist: „Wäre Glück biologisch nicht abbaubar, säßen wir immer noch stumpf in der Höhle und würden sicher keine Unternehmen gründen.“

Foto: v. Hirschhausen

Venture News: Was sind die geistigen Voraussetzungen, um erfolgreich ein Unternehmen ins Leben zu rufen?

v. Hirschhausen: Neugier! Ein gutes Beispiel dafür ist Eric Kandel, der 2000 den Nobelpreis für Medizin bekam. Als er gefragt wurde, worauf er sein Talent zurückführt, erzählte er von seinem jüdischen Elternhaus in Wien. Während andere Kinder nach der Schule stets erläutern mussten, was sie gelernt hatten, sah er sich stets mit der Frage konfrontiert: „Was hast Du heute für eine Frage gestellt?“ 

 

Was passiert im Körper eines Gründers, wenn er sein Unternehmen anmeldet?

In dieser Situation spielt der Botenstoff Dopamin eine große Rolle. Der wird immer dann ausgeschüttet, wenn etwas besser ist, als erwartet. Aber unser ganzes Glücks- und Belohnungssystem ist eigentlich nicht dazu da, uns permanent glücklich zu machen, sondern uns neugierig zu halten, damit wir laufend lernen und uns in neue Situationen einfügen können. Genau das ist der Gegenspieler des Glücks: die Gewöhnung. Wäre Glück biologisch nicht abbaubar, säßen wir immer noch stumpf in der Höhle und würden sicher keine Entdeckungen machen oder Unternehmen gründen.

 

Wie viel Herzblut sollte ein Gründer in seine Geschäftsidee investieren?

Ein bisschen Herzblut gibt es nicht – alles oder nichts! Und das Herzblut lohnt sich, denn ein Gründer will einen Unterschied machen, er will selbst wirksam werden. Viele Angestellte erleben im Gegenteil nicht, dass ihr Engagement im Ergebnis etwas verändert und gewürdigt wird. Und entsprechend schieben viele lediglich Dienst nach Vorschrift – je größer und anonymer das Umfeld, desto schlimmer. Das habe ich beispielsweise im Krankenhaus erlebt, wo das Team, das jemanden in der Nacht in desolatem Zustand aufgenommen hat, nie Rückmeldung bekommt, was aus dem Patienten geworden ist, weil der inzwischen durch zwei verschiedene Stationen verlegt und entlassen wurde. Das frustriert zutiefst. Ein Gründer erlebt, wie er etwas verändert, wie etwas wächst, und kann mit seinen Aufgaben selber dazu lernen und aufblühen.

 

Wie verdauen Gründer etwaige Rückschläge?

Indem sie sich klar machen, dass Rückschläge und Scheitern dazugehören! Das Schlimmste, was man sich am Ende seiner Tage doch vorwerfen müsste: „Ich bin nicht einmal gescheitert!“ Denn dann hat man nie etwas versucht, was über einen hinaus weist.

Schauen Sie sich ein Kind an, das laufen lernt. Das scheitert ständig. Und steht wieder auf! Würden wir als Erwachsene erst das Laufen lernen, würden die meisten am Boden kriechen und lauter Ausreden parat haben: „Du ich hab das mit dem aufrechten Gang probiert, ist einfach nichts für mich. Sollen mal die anderen machen. Ich bleib lieber am Boden. Da kenne ich mich aus.“

Es braucht diese kindliche Begeisterung, diesen drängenden Wunsch über den Tisch oder den Tellerrand zu schauen. Und deshalb ist es auch so fundamental wichtig, diese Neugier, diese Energie in der Schule nicht auszubremsen, sondern zu fördern, wo immer es geht. Das sind die Gründer von morgen!

 

Sehen Sie sich selbst auch als Gründer?

Mein Erfolg begann damit, dass ich zwei Welten miteinander verbunden habe, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, Medizin und Humor. Dabei sagt doch der Volksmund schon: Lachen ist die beste Medizin! Es gab für das, was ich heute mache, nie eine Stellenausschreibung, keinen Prototyp, keine Anleitung. Ich habe erst ein neues Genre gegründet, das medizinische Kabarett. Dann Bücher geschrieben und Fernsehsender überzeugt. Und dann habe ich eine Stiftung gegründet: „Humor hilft heilen“. Es ist keine klassische Stiftung, weil das Modell, aus einem großen Sockel die Erträge einzusetzen, nicht funktioniert: Erstens hatte ich damals keinen großen Sockel und zweitens gibt es derzeit kaum Zinserträge. Deshalb habe ich eine gemeinnützige GmbH gegründet. Das erlaubt mir, kurze Entscheidungswege gegenüber den üblichen Vereins- oder Gremienkonstruktionen. Und ich kann Geld, das ich einsammle oder selber spende, gleich einsetzen. Für meinen Auftritt auf dem Gründergipfel NRW 2014 habe ich übrigens auch keine Gage erhalten, sondern es gab eine Spende an meine Stiftung. Das ist für Unternehmen, die mich als Keynote-Speaker buchen, oft ein guter Weg, einen spannenden Impulsvortrag zu bekommen und gleichzeitig sichtbar etwas Soziales nach außen hin zu bewirken.

 

Wo ist das größte Potenzial für Innovationen?

Jetzt denken viele wahrscheinlich an das nächste technische Gerät oder Gadget, welches die Welt revolutioniert. Aber den größten Hebel für Veränderung hat man ganz eindeutig bei sozialen Innovationen. Drei kleine Beispiele: Der 2012 gegründete Verein EinDollarBrille aus Erlangen bringt sehr einfache Brillengestelle und optische Gläser in Entwicklungsländer. Ziel ist es, 150 Mio. Menschen scharf sehen zu lassen. Diese können dann lernen, lesen, arbeiten, sich entwickeln, Geld verdienen sowie Familien gründen und ernähren. Studien beziffern den volkswirtschaftlichen Schaden, der auf den Mangel an Sehhilfen zurückzuführen ist, auf 130 Mrd. Euro. Die Erlanger adressieren dort also einen Hebel von knapp 1 zu 1000!

Ein weiteres Beispiel ist die Stiftung Lesen. Dort bin ich auch persönlich aktiv. Denn jeder Euro, den wir in Deutschland in Leseförderung investieren, kommt 25-fach zurück! Man mus sich das vor Augen führen: Wir leisten uns in einem Land ohne Rohstoffe, dem vermeintlichen „Land der Dichter und Denker“, dass mehr als 7 Mio. Menschen nicht lesen können. Das ist ein echter Skandal! Der Unterschied zwischen geförderten und nicht geförderten Kindern ist bereits bei der Einschulung zementiert. Der große Hebel liegt bei den frühen Hilfen. Für die Gesellschaft lohnt sich entsprechendes Engagement ungemein, weil jedes geförderte Kind mit Freude lernt, die Schule beendet, einen Beruf ergreift und – plump gesagt – Steuern zahlt statt Sozialhilfe zu empfangen.

Die dritte soziale Innovation: Familienhebammen! Ein Kind im Mutterbauch ist schutzlos den Macken der Mutter ausgeliefert. Wenn die Mutter raucht, trinkt, Drogen nimmt oder geschlagen wird, leidet das Kind schon vor der Geburt mit. Als ich noch in der Kinderneurologie gearbeitet habe, erlebte ich ständig Kinder, deren Hirn durch Alkohol, Mangelernährung oder vorgeburtliche vermeidbare Infektionen so gelitten hatte, dass auch jede Förderung nur begrenzten Effekt hatte. Werden die Mütter in dieser kritischen Phase liebevoll von einer Familienhebamme begleitet, haben diese Kinder eine viel bessere Chance auf einen guten Start. Als ich einmal mit einem Chef einer großen deutschen Krankenkasse über dieses Thema diskutierte, sagte er wörtlich: „Warum soll ich das bezahlen? Wer garantiert mir denn, dass dieses Kind später mal in meiner Kasse versichert ist?“ Und da wurde mir klar, dass es in Deutschland niemanden gibt, der die Entwicklung eines Menschen von der Zeugung bis zum Tod als Ganzes im Blick hat. Jedes Ministerium, jede Institution sieht ihren kleinen Ausschnitt. Das ist unglaublich unwirtschaftlich und teuer für die Gemeinschaft als Ganzes. Und das regelt leider auch kein Markt mit unsichtbarer Hand. Solange Geld verdient wird, geht das so weiter – obwohl es vielen schlecht geht.

 

Was müsste passieren, damit Prävention und soziale Innovationen attraktiver werden für Investoren?

Momentan suchen alle händeringend nach guten Ideen, wo sich Geld sinnvoll einsetzen lässt. Denn eins ist klar: Wachstum, das mit immer mehr Energie- und Ressourcenverbrauch einhergeht, braucht kein Mensch. Das bringt uns langfristig um. Die Herausforderung bei allen Investitionen, die Folgekosten sparen helfen, ist: Bekommen diejenigen, die zum Beispiel durch Gesundheitsunterricht in Schulen dafür sorgen, dass Kinder gesund bleiben – statt dick, diabetisch und depressiv zu werden –, davon etwas zurück. Die Krankenkassen sparen Millionen, nur wie wird der Rückfluss von dem Gesparten an die Investoren gesichert? Solange soziale Innovation immer auf Gutmenschentum beruht, bleibt es oft unter den Wirkungsmöglichkeiten. Deshalb entstehen gerade neue Fondkonzepte unter dem Begriff „Social Impact Investment“. Gesunder Menschenverstand alleine reicht offenbar nicht, es soll sich auch „rechnen“. Darf es ja auch!  

 

Welchen Rat geben Sie Jungunternehmern mit auf den Weg?

Die Schlusszeile überlasse ich gerne dem Psychologen und Philosophen Paul Watzlawick: „If something does not work, do something different“. Wenn das Pferd tot ist, dann steige ab!

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