20.08.2013, 15:11 Uhr | 0 |

Comeback für den Neuen Markt? Viel Spott für Röslers Börsenpläne

„Guter Witz“, „Schnapsidee“, „Wahlkampf-Gag“ - die Pläne von Wirtschaftsminister Philipp Rösler zur Wiederbelebung des Neuen Marktes sehen viele in der Finanzszene kritisch.

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Die meisten Experten glauben nicht, dass ein neues Börsensegment die Finanznöte deutscher Start-ups löst.

Foto: Archiv

Dies dürfte auch an dem Namen liegen, der bei Investoren über Jahre hinweg verbrannt sein dürfte. Der Neue Markt wurde um die Jahrtausendwende zum Sinnbild für Kapitalvernichtung und Betrug. „Angesichts der Geschichte und der öffentlichen Meinung in Deutschland wäre es ein sehr steiniger Weg bis zu einem Comeback“, betonen die Analysten vom Bankhaus Close Brothers. 

Das Segment war 1997 inmitten des Technologie-Booms geschaffen worden, damit junge Unternehmen rasch an Eigenkapital kommen. Zunächst schien der Plan aufzugehen, bis 2000 schossen die Kurse vieler Internet- und IT-Firmen in astronomische Höhen. Nach dem Platzen der „Dotcom-Blase“ stürzten die Kurse dann jedoch ins Bodenlose. Viele Firmen gingen Pleite, zahlreiche Betrugsfälle landeten vor Gericht. Die Deutsche Börse stellte das Segment 2003 ein.

Fraglich ist auch, ob ein solches Segment jungen Firmen wirklich etwas bringen würde. Investoren an den Finanzmärkten scheuen zu großes Risiko und legen ihr Geld frühestens in der zweiten oder dritten Entwicklungsphase eines Unternehmens an, aber nicht gleich zu Beginn. Startkapital für junge Firmen lasse sich dort kaum einsammeln, ist Christoph Schalast von der Frankfurt School of Finance and Management überzeugt. Zudem seien die Kosten für einen Börsengang, die sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag belaufen können, für viele kleine Firmen zu hoch.

Einig sind sich Experten darin, dass es in Deutschland zu wenig Geldgeber für Start-Up-Unternehmen gibt. 2012 investierten Wagniskapitalgeber laut dem Branchenverband BVK lediglich 521 Mio. Euro in entsprechende Fonds - verglichen mit fast 27 Mrd. Dollar in den USA. „Jede Initiative, um dieses Problem zu beheben, ist begrüßenswert“, sagt Schalast. „Ich glaube allerdings nicht, dass die Börse dazu der richtige Weg ist.“

Auch Fondsgesellschaften und Händler sind deshalb skeptisch. „Wir werden sicher nicht versuchsweise investieren, sondern erst einmal abwarten, ob sich ein solches Segment etabliert“, sagt ein großer deutscher Investor. Marktanalyst Heino Ruland gibt den Plänen ebenfalls geringe Chancen auf Umsetzung. Wagniskapital-Geber brauchten für den Ausstieg aus einem Unternehmen keine Börsen-Plattform, sagt er. Konkrete Pläne gebe es nicht, betonen drei mit dem Vorgang vertraute Personen aus dem Umfeld der Deutschen Börse. Wenn es von Investoren Nachfrage für ein solches Börsen-Segment gäbe, hätte das Unternehmen darauf schon längst reagiert, fügt einer der Insider hinzu. Dies sei aber nicht der Fall, vielmehr würden kleinere Unternehmen von Investoren immer weniger beachtet.Dass sich Börsen-Chef Reto Francioni im Gespräch mit Rösler offen für dessen Vorstoß gezeigt habe, habe wohl in erster Linie taktische Gründe, vermutet ein gut vernetzter Börsen-Mitarbeiter. „Gut vier Wochen vor der Bundestagswahl darf man das alles nicht so ernst nehmen.“

Deutschlands größter Börsenbetreiber hat mit dem Entry Standard bereits ein Handelssegment mit vergleichsweise geringen Transparenzvorschriften, das kleinere Firmen anlocken soll. Eine weitere Börsen-Liga mit noch geringeren Anforderungen sei zwar grundsätzlich denkbar, sagt Banken-Experte Schalast. Er warnt jedoch: „Je geringer die Transparenz ist, desto höher ist die Gefahr von Missbrauch.“ Dass sich die Deutsche Börse auf so ein Experiment einlässt, scheint deshalb mehr als unwahrscheinlich. Erst 2012 hatte das Unternehmen das Segment „First Quotation Board“ geschlossen, da es „zu massiven und häufigen Verdachtsfällen auf Marktmanipulation“ gekommen war.

Für Start-Ups gibt es aus Sicht von Schalast aussichtsreichere Möglichkeiten, um an Kapital zu kommen, beispielsweise Crowd Financing. Dabei stellen Firmengründer ihre Geschäftsidee im Internet oder auf Messen vor und sammeln anschließend bei einer Vielzahl von kleinen Investoren Geld ein. Außerdem könnte der Staat die Bedingungen für Start-ups verbessern, sagt Schalast. Denkbar sei, dass Firmen Verluste aus früheren Jahren länger steuerlich geltend machen können. Auch eine niedrigere Besteuerung von Gewinnen würde Start-ups helfen. „Das wäre ja eigentlich ein passendes Thema für die FDP.“

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Von rtr/ps
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