01.05.2014, 12:00 Uhr | 0 |

Gründungsfinanzierung Neues Börsensegment für Start-ups bleibt umstritten

Um Börsengänge junger Wachstumsunternehmen zu erleichtern, wird seit Monaten in Berlin die Einführung eines neuen Börsensegments erörtert. Im Koalitionsvertrag ist dies gar explizit als Ziel verankert. Die Beteiligungsbranche gibt sich erwartungsfroh, die Deutsche Börse aber drückt auf die Bremse.

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Erst Party, dann Katerstimmung: Ab 1997 wurden Neuemissionen am Neuen Markt öffentlichkeitswirksam gefeiert. So schickte die Telegate AG 1999 Verena Feldbusch als Vorhut auf das Parkett. Der Telekommunikationsdienstleister existiert im Gegensatz zu vielen anderen Börsenneulingen von damals noch heute. Wegen der zahlreichen Pleiten wurde das Börsensegment 2003 aufgelöst.

Foto: dpa

Als Wahlkampfthema taugte die Idee nicht wirklich. Doch seit der damalige Wirtschaftsminister Philipp Rösler im August 2013 gefordert hatte, den Neuen Markt wieder aufleben zu lassen, wird das Thema diskutiert. Unter der Großen Koalition könnte nun ein neues Aktienmarktsegment für Unternehmensgründer ins Leben gerufen werden. Die Pläne dafür liegen in Berlin offenbar bereit. Die neue Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), hatte am Wochenende in einem Interview erklärt, dass Gespräche zwischen Deutscher Börse, Investoren und Start-ups „kurz vor Abschluss“ stünden.

Das Bundeswirtschaftsministerium rudert inzwischen zurück. „Die Entscheidung darüber, ob wir mit der Schaffung eines neuen Segments wirklich einen Königsweg beschreiten würden, ist noch nicht gefallen“, so ein Sprecher. Mit konkreten Ergebnissen sei frühestens im Spätherbst dieses Jahres zu rechnen.

Finanzminister Schäuble hatte in seiner Rede zum Haushaltsgesetz am 8. April erklärt: „Wir wollen Wagniskapitalfinanzierungen unterstützen, indem wir die steuerlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen für Wagniskapital international wettbewerbsfähig gestalten. Zur Stärkung von Börsengängen innovativer und wachstumsstarker Firmen arbeiten wir an der Einführung eines Börsensegments ,Markt 2.0'; man braucht solche Begriffe“ so Schäuble weiter.

Ohne neues Segment besteht laut Bundeswirtschaftsministerium die gefahr, dass sich Gründer und junge innovative Unternehmen dorthin orientieren, wo die Versorgung mit Wachstumskapital leichter ist – z.B. in die USA. „Der Verlust dieser innovativen Start-ups schwächt den Wirtschaftsstandort Deutschland“, erklärt ein BMWi-Sprecher. „Der Entry Standard der Deutschen Börse, der weniger stark reguliert ist und sogar neben Aktien auch Unternehmensanleihen mit einschließt, ist in seiner heutigen Form aber offensichtlich nicht attraktiv genug für junge Wachstumsunternehmen.“

Die Deutsche Börse drückt derweil auf die Bremse. Ein Sprecher stellt zunächst klar, dass die Bundesregierung gar kein neues Segment schaffen könne. „Das können nur wir.“ Tatsächlich gebe es ein Projektteam, dass seit Monaten der Frage nachgeht, wie junge Unternehmen verstärkt mit Kapital versorgt werden könnten. „Ein neues Segment ist da aber nur eine mögliche Antwort“, so der Sprecher. „Alternativ denkbar ist die Schaffung eines Indexes mit Schaufensterfunktion oder die Veranstaltung von Investorenkonferenzen.“ Zunächst müsse der Markt genau sondiert werden. „Wer einen Laden aufmacht, sollte vorher geprüft haben, ob er marktgerechte Ware anbieten und Käufer finden kann.“

Anders als das BMWi ist der Börsensprecher davon überzeugt, dass der Entry Standard sehr wohl für junge Wachstumsunternehmen geeignet ist. „Der ist kostengünstig und vergleichweise wenig reguliert. Wenn es nun so viele Börsenkandidaten gäbe, wie vielfach proklamiert wird, dann muss die Frage erlaubt sein, wo die denn sind.“

Die Deutsche Börse ist dennoch durchaus bereit zu prüfen, wie sie bei „Bereitstellung von Kapital und alternativen Finanzierungsmöglichkeiten behilflich sein kann“, wie es ein Börsensprecher formulierte. Das heißt konkret, dass es es keine Alleingänge geben wird. Die zu „Neue-Markt-Zeiten“ begangenen Fehler sollen sich nicht wiederholen, und falls es nicht klappen sollte, eine Handelsplattform für Start-ups zu etablieren, sollen nicht wieder Börse und Banken als Buhmann dastehen.

Die Beteilgungsbranche befürwortet derweil ein neues Marktsegment. „Die Wiederbelebung des Neuen Marktes würde eine neue und wichtige Finanzierungsoption für junge Technologieunternehmen schaffen, die damit die Möglichkeit hätten, Kapital für Innovation und Wachstum über die Börse aufnehmen zu können“, erklärt Janine Heidenfelder, Pressesprecherin des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK). Für Beteiligungsfirmen stellt die Börse eine Möglichkeit dar, wenn es darum geht, Unternehmen wieder abzustoßen. Der sogenannte Exit erfolge zwar meist über den Verkauf an andere Investoren, „allerdings ist der Börsengang für Beteiligungsgesellschaften besonders attraktiv, da er tendenziell ein höheres Renditepotenzial verspricht“, sagt Heidenfeller.

Rendite erhoffen sich natürlich auch die Privatanleger, die einem jungen Unternehmen ihr Geld anvertrauen. Hier dürfte es allerdings schwer sein, verloren gegangenes Vertrauen wieder zu gewinnen. „Ein Unternehmen muss heute mehr bieten als große Worte und Ideen“, sagt Klaus Nieding von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

„Die Anleger wollen belastbare Zahlen sehen und eine detaillierte Prognose zur Geschäftsentwicklung ehe sie ein Investment erwägen. Außerdem ist ein umfassendes Regelwerk erforderlich, mit Transparenz- und Publizitätsvorgaben, damit die Anleger auch wissen, worauf sie sich beim jeweiligen Unternehmen einlassen.” Der Anlegeranwalt hält es sogar für denkbar, Unternehmen an der Börse mit Warnhinweisen zu versehen, „wie auf Zigarettenschachteln“.

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Von S. Wolff/dpa/sta | Präsentiert von VDI Logo
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