02.07.2014, 12:00 Uhr | 0 |

Start-ups in Russland Moskaus Antwort auf das Silicon Valley

Vor den Toren Moskaus entsteht eines der größten Technologiezentren der Welt. Auf die Schiene gesetzt hat es Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew. Angeschoben wird es mit staatlichen Milliarden. Inzwischen sind auch europäische und amerikanische Konzerne auf den Zug aufgesprungen. Ziel der Fahrt ist die Erneuerung der russischen Wirtschaft.

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Atemberaubende Gebäudehüllen sollen Gründern in Skolkovo ausreichend Raum zur Entfaltung von Ideen geben. Geplant sind 2,6 Mio. qm Geschossfläche.

Foto: Skolkovo Foundation

Klotzen statt kleckern. So heißt die Direktive in Skolkovo. Noch ist es hier vergleichsweise beschaulich. Die 400-Seelen-Gemeinde liegt inmitten eines Naherholungsgebietes, 17 km südwestlich des pulsierenden Stadtzentrums von Moskau. In wenigen Jahren aber wird es vorbei sein mit der Idylle. Dann sollen hier 25 000 Menschen ein neues Zuhause gefunden haben – und mehr als doppelt so viele zur Arbeit einpendeln. Ministerpräsident Dmitri Medwedew will es so – und damit die russische Antwort auf das Silicon Valley geben.

Das Areal ist rund 400 ha groß, was der Fläche von 560 Fußballfeldern entspricht. Eine imposante Managementschule und ein siebenstöckiges Konferenzgebäude mit großflächiger LED-Medienfassade („Hypercube“) wurden schon aus dem sandigen Boden gestampft. Das „Matroschka“-Bürohaus, in dessen Kern sich über elf Etagen ein Atrium in Form der berühmten Puppe-in-der-Puppe erstreckt, harrt der Vollendung. Eine Elite-Uni nach dem Vorbild des Massachusetts Institute of Technologie (MIT) ist ebenso im Bau wie etliche Forschungs-und Wohnkomplexe. Bis 2020 soll eines der größten und modernsten Technologiezentren der Welt entstanden sein. Die avisierte Gesamtgebäudefläche: 2,6 Mio. qm.

Anbindende Autobahnen und ein eigener Bahnhof sind projektiert. Wie wichtig die neue Verkehrsinfrastruktur ist, weiß jeder, der versucht hat, über bestehende Straßen ins Zielgebiet vorzustoßen. Ausgehend vom Stadtzentrum Moskaus kann die Fahrt, je nach Tageszeit, bis zu 3 h dauern. Künftig sollen es nur noch 20 min sein – rund um die Uhr.

Über 1000 Jungunternehmen sind von der verantwortlichen Skolkovo-Stiftung schon akkreditiert. Die Nachfrage nach dem Standort ist weit größer. Neben moderner Architektur im edlen Umfeld locken Steuervergünstigungen, Beratungsprogramme und Fördermittel in Millionenhöhe – für jedes einzelne Start-up. Bewerben können sich nur Gründer aus den Bereichen IT, Nukleartechnik, Raumfahrt, Energie und Biotech.

Kritiker bezeichnen das Experiment gerne auch als russisches Roulette. Insgesamt will alleine der Staat nach aktuellen Plänen etwa 5,4 Mrd. $ bis 2020 investieren. Hinzu kommen hunderte Millionen von internationalen Großkonzernen, die hier eigene Forschungseinrichtungen etablieren. Mit dabei: SAP, EADS, IBM, Microsoft, Siemens, Samsung, Cisco und Nokia. Das Ziel: Die russische Wirtschaft unabhängiger machen von natürlichen Ressourcen und hinführen zu innovativen Technologien. Der Erfolg: ungewiss.

Eine Stolperfalle auf der langen Reise könnte die in Russland weit-verbreitete Korruption sein. Skolkovo stand diesbezüglich schon mehrfach in den Schlagzeilen: Angeblich versickerten Millionensummen in dubiosen Beraterverträgen. Außerdem seien Gründer finanziert worden, die den strengen Förderkriterien nicht genügen – dafür aber persönliche Verbindungen zum Management des Skolkovo-Projekts haben. Immerhin: Solche Anschuldigungen ziehen – anders als vor wenigen Jahren – inzwischen systematische Untersuchungen nach sich.

Dass der Staat so tief in die eigene Tasche greift, um junge Technologieunternehmen anzuschieben, hat Gründe: Bisher war institutionelles Wagniskapital rar im ehemaligen Zarenreich. Die erste Venture Capital Gesellschaft erblickte erst 1995 das Licht der Welt – in Deutschland geschah das 20 Jahre zuvor, in den USA gar 50 Jahre. Wirklich Schwung nahm die russische Szene aber erst 2007 auf. Ab diesem Jahr griff die Russian Venture Company (RVC) aktiv in das Marktgeschehen ein. RVC ist ein staatlicher Dachfonds, ausgestattet mit knapp 1 Mrd. $. Er stellt neuen VC-Fonds bis zu 49 % des Fondsvolumens zur Verfügung. Dieses Angebot wird gern und reichlich angenommen: Inzwischen gibt es über 200 VC-Gesellschaften in Russland. 70 davon werden eine Niederlassung in Skolkovo haben. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es insgesamt nur knapp 100 solcher Kapitalgeber.

Auch sonst können sich die russischen Zahlen sehen lassen: 2013 flossen 653 Mio. $ Venture Capital in 222 Deals. In Deutschland waren es 670 Mio. €, verteilt auf 723 Firmen. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt hat Russland die Bundesrepublik schon überholt: Während hierzulande etwa 0,018 % des BIP in VC-Investments flossen, waren es in im größten Land der Erde 0,03 %. In den USA sind es etwa 0,07 %.

Von sämtlichen VC-Investitionen in Russland konnten die Start-ups aus Skolkovo im vergangenen Jahr 10 % auf sich vereinigen. Das klingt beeindruckend, relativiert sich aber angesichts der Tatsache, dass die Start-up-Szene Russlands sich auf wenige Regionen verteilt. Neben dem Großraum Moskau sind dies vor allem St. Petersburg, Nischni Nowgorod, Nowosibirsk, Samara, Wladiwostok, Kasan und Tomsk.

Auch die russische Business-Angels-Szene erwacht gerade aus ihrem Dornröschenschlaf. Landesweit gibt es Schätzungen zufolge erst 1500 informelle Risikokapitalgeber. Der Rückstand zu Deutschland (5000) könnte aber schnell aufgeholt werden. „Die vielen wohlhabenden Russen erkennen allmählich, dass sich mit Start-ups Geld verdienen lässt“, erklärt Eugeny Taubkin, Chef des Skolkovo Club of Business Angels (SCBA). „Viele Jahre konnten sie problemlos zweistellige Renditen an der Börse oder am Immobilienmarkt einstreichen. Doch die Zeiten sind vorbei. Ich bin überzeugt, dass die Zahl der Engel sich schnell vervielfachen wird, wenn die ersten Erfolgsstorys publik werden.“

Ein Problem der russischen Start-up-Finanzierer ist die Exitseite. Sie haben Mühe, ihre Beteiligungen gewinnbringend wieder zu verkaufen. „Große Unternehmen investieren lieber 10 Mio. $ in die eigene Forschung als 1 Mio. $ in ein innovatives Start-up“, so Taubkin. „Doch diese Mentalität wandelt sich gerade.“

Auch die Börse war für junge Unternehmen und ihre Förderer lange kaum zu erreichen. Eduard Kanalosh, Investment-Chef der Skolkovo-Foundation, erwartet eine Besserung: „An der Moskauer Micex-Börse wurde eine eigenständige Plattform für Börsengänge junger, technologieintensiver Firmen nach dem Vorbild der US-amerikanischen Nasdaq eingeführt.“

Noch ist das Skolkovo-Projekt einzigartig. Wenn aber die Rechnung der russischen Regierung aufgeht – und sich das künstliche Öko-System ab 2020 nachhaltig selber am Leben erhält –, dann sollen weitere Gründerstädte am Reißbrett entworfen werden. Platz und Geld gibt es in Russland genug.

  • Portraits einzelner Start-ups aus Skolkovo sowie ein Interview mit Pekka Viljakainen stehen in der aktuellen Ausgabe der VDI nachrichten. Viljakainen, Enkel eines Nokia-Mitgründers und erfahrener Unternehmer aus Finnland, wurde von Dmitri Medwedew um Unterstützung beim Aufbau der russichen Start-up-Szene gebeten. 
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Von Stefan Asche | Präsentiert von VDI Logo
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