09.04.2014, 12:00 Uhr | 0 |

Gründen in der Photonik-Branche Mit Lichtgeschwindigkeit in die Selbstständigkeit

Wenige Bereiche in der deutschen Wirtschaft verbinden Tradition und Moderne, wie die optischen Technologien. Neben Urgesteinen wie Zeiss, Jenoptik oder Osram haben sich in den letzten 30 Jahren Dutzende innovative Gründer mit Ideen aus dem Reich von Laser, Licht und Linse durchgesetzt. Und ständig rücken junge Unternehmen nach.

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In der noch jungen Photonik-Branche gibt es viele lukrative Nischen, die Gründer erschließen können. Auch für Grundlagenforscher ist das Feld noch nicht abgegrast. Das Bild zeigt die Entwicklung eines Laserprototypen für den amerikanischen Gravitationswellendetektor LIGO.

Foto: LZH

„1994 gründeten wir unsere Firma mit 1000 DM Startkapital, einem Zeichenblock, einem Werkzeugset und einem alten Atari-Computer. Wir waren von der Idee des Lichts wie besessen, hatten gute Einfälle und arbeiteten oft bis weit nach Mitternacht.“ Für die Zwillinge Harald und Rainer Opolka, Gründer der Solinger Zweibrüder Optoelectronics GmbH & Co. KG, haben sich Mut, Fleiß und Ideenreichtum ausgezahlt. Heute beschäftigen sie über 1000 Mitarbeiter, die in drei Werken LED-Taschenlampen herstellen, deren Leuchtkraft ihresgleichen sucht.

Eine von Dutzenden Erfolgsgeschichten, die Gründer in den Optischen Technologien hierzulande in den letzten drei Jahrzehnten geschrieben haben und schreiben. In den Mitgliederlisten der bundesweit neun Cluster, die im „OptecNet Deutschland“ vereint sind, wimmelt es von innovativen mittelständischen Wachstumsunternehmen, die in den 90er und 2000er-Jahren das Licht der Welt erblickten. Nachwuchssorgen gibt es nicht: Über 30 Mitglieder der Cluster sind nach 2008 gegründete Jungunternehmen – und längst nicht jedes Start-up schließt sich den Kompetenznetzen an.

Tatsächlich finden sich bei führenden Forschungsinstituten reihenweise Spin-offs, die nicht in den Mitgliederlisten der Cluster auftauchen. Ein echter Gründerhotspot ist dabei das Laser Zentrum Hannover (LZH): Seit der Eröffnung im Jahr 1986 wurden schon 19 Unternehmen ausgegründet.

Eines davon ist die Laser on demand GmbH. Ihr Gründer Oliver Meier hatte in seiner Zeit als LZH-Abteilungsleiter erkannt, dass Industriekunden neuen Laserverfahren auch darum skeptisch begegnen, weil sie diese vor der Investition nicht praktisch erproben können. Also verlädt Meiers Unternehmen nun komplette Laseranlagen in Containern auf Trucks und rollt damit zu Kunden. Als Mieter können sie prüfen, inwieweit die Verfahren ihre Prozesskette bereichern und so die Lücke zwischen Applikationstest und Serieneinsatz schließen.

Schwerpunkte der Gründerteams sind optische Komponenten für Hochleistungslaser, Lichtwellenleiter, LED-Technik oder optische Messsysteme. Die meisten von ihnen tragen als Spin-offs aus Forschungsinstituten neues Wissen in den Markt – sei es auf dem Gebiet der Nanobeschichtung und -strukturierung mit gebündeltem Licht, sei es im Bereich organischer Laserquellen, ultra-hochauflösender Mikroskope oder sei es in der µm-genauen Positionierung und der Miniaturisierung optischer Komponenten.

Auch in der Photovoltaik lassen die Gründer trotz aller aktuellen Sorgen nicht die Flügel hängen. So arbeitet das Team der Heliatek GmbH in Dresden und Ulm weiterhin mit Hochdruck an der Industrialisierung organischer Dünnschichtzellen. Mit Vakuum-Verdampfertechnik beschichten sie die flexiblen PV-Zellen. Noch sind Fragen rund um die Verkapselung und die Homogenität der aktiven Schichten bei Bearbeitungsbreiten von über 1m zu lösen. Doch die Gründer sind fest entschlossen, mit der unzerbrechlichen, leichten und günstigen Photovoltaik von der Rolle die Märkte zu erobern.

Schnelle Internationalisierung ist eine Spezialität deutscher Unternehmen aus den optischen Technologien. Die Branche boomt weltweit. Von 228 Mrd. Euro im Jahr 2005 stiegen die Umsätze laut aktuellem Branchenreport Photonik auf 350 Mrd. Euro in 2011. Bis Ende des Jahrzehnts soll der Weltmarkt auf 615 Mrd. Euro wachsen. In vielen Segmenten sind deutsche Unternehmen führend, sei es in der Herstellung von Laser- oder Bildverarbeitungssystemen für Industrie und Medizintechnik oder auch in der Entwicklung Optischer Komponenten und Systeme – von Kunststoff- und Glaslinsen über die Elektronik bis zur Laserquelle, zum Spektroskop oder Mikroskop. Auch in Photovoltaik und Lichttechnik haben deutsche Anbieter noch 10% Weltmarktanteil, wobei ihnen internationale Wettbewerber hier das Zepter aus der Hand genommen haben.

„Unsere Stärke ist nicht die Massenproduktion, wir fühlen uns in der Nische wohl, in der wir hochkomplexe Produkte spezifisch an die Bedürfnisse unserer Kunden anpassen“, brachte Peter Leibinger, Vizechef des Lasermaschinenbauers Trumpf, das Selbstverständnis seiner Branche kürzlich auf dem Photonik-Kongress 2014 in Berlin auf den Punkt. Erfolgsrezept sei der direkte Weg aus der Forschung und Entwicklung in die Wertschöpfungsketten der Kunden.

Was Leibinger beschreibt, ist ein perfektes Milieu für innovative Start-ups. Wo Kunden darauf warten, dass Photoniker ihnen ein Licht aufgehen lassen und mit neuen Technologien ihre Produktion beschleunigen und veredeln, ist der Boden für Gründer bereitet.

Das wissen auch Investoren. So führt allein der Hightech-Gründerfonds in seinem Portfolio aktuell 19 Start-ups aus dem Bereich der optischen Technologien auf. Und Wagnisfinanzierer wie die Deutsche Effecten- und Wechsel-Beteiligungsgesellschaft AG (DEWB) oder Extorel beobachten genau, was in der Photonik-Gründerszene vor sich geht. Die Erfolgsgeschichten der letzten 30 Jahre haben bewiesen, dass Mut und Ideenreichtum in der Branche honoriert werden.

In diesem Umfeld verwundert es nicht, dass ständig neue Start-ups nachwachsen. Zur erstmals ausgetragenen „Start-up Challenge“ des OptecNet hatten schon zur Halbzeit der Bewerbungsfrist (noch bis zum 30. April) über ein Dutzend Teams Ideen eingereicht. Teilnehmen können an dem Gründerwettbewerb Photonik-Unternehmen, die keine drei Jahre alt sind und weniger als 1 Mio. Euro umsetzen. Neben 10.000 Euro Siegprämie locken kostenlose Mitgliedschaften in den regionalen Clustern und Unterstützung durch etablierte Photonik-Unternehmen – und die sind nicht selten die ersten Kunden der Neuankömmlinge.

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Von Peter Trechow | Präsentiert von VDI Logo
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