08.07.2015, 12:00 Uhr | 0 |

Cloud-Computing Gründerboom in wolkigem Umfeld

Cloud Computing wird laut Branchenverband Bitkom die gesamte IT-Wirtschaft mitsamt ihren Geschäftsmodellen verändern. Start-ups in aller Welt treiben den Umbruch voran und werden dabei aufmerksam von Investoren beäugt. Konzerne wie Google, IBM, Microsoft oder Amazon leisten Starthilfe.

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Rund um die Cloud tun sich Nischen auf, die Gründer besetzen können. Laut Branchenverband Bitkom werden im gesamten IT-Markt die Karten gerade neu gemischt.

Foto: PantherMedia/Wavebreakmedia

Auf Reisen ist Briefpost lästig. Digitale Kommunikation per Mail, Smartphone oder Skype funktioniert in jedem Winkel der Erde. Doch der heimische Briefkasten ist aus der Ferne unerreichbar. Das Berliner Start-up Dropscan schafft Abhilfe. Es richtet Postfächer für Privat- und Geschäftskunden ein, benachrichtigt sie elektronisch über eingehende Post und digitalisiert diese auf Wunsch. Die Sendungen werden in einem automatisierten Prozess geöffnet, gescannt und dann auf Servern eines hoch sicheren Rechenzentrums abgelegt. Mit einem persönlichen Passwort ist die digitalisierte Post dann jederzeit und überall zugänglich.

Dropscan ist eines von hunderten Cloud-Start-ups weltweit. Allein die AngelList, ein Portal, das unter angel.co Investoren und Start-ups zusammenbringt, sind unter dem Stichwort Cloud Computing aktuell 1685 Start-ups aus den USA, Europa und Asien registriert. Monat für Monat gab es zuletzt rund 40 Neuzugänge. Keine Frage: In der Datenwolke spielt sich ein wahrer Gründerboom ab. Der Branchenverband Bitkom erwartet, dass Cloud Computing die gesamte Informationswirtschaft, ihre Technologien und ihr Geschäft nachhaltig verändern wird. In der Wirtschaft werde der Bedarf an technischer Infrastruktur-Expertise sinken. Für Software-Anbieter verschiebe sich das klassische Lizenzgeschäft in Richtung Software-as-a-Service (SaaS). Und Hardware-Hersteller würden in Zukunft wenige, dafür große Cloud-Rechenzentren beliefern.

Im Zuge des Umbruchs tun sich jede Menge Nischen auf, die findige Gründer sofort besetzen. Ihre Geschäftsmodelle zielen in der Regel auf Flexibilisierung und Vereinfachung von Prozessen ab. Am Beispiel der Münchener Simscale lässt sich das gut beschreiben. Sie bietet „ingenieurtechnische Simulation im Webbrowser“ an. Also Software-as-a-Service, um Struktur- oder Fluidmechanik, Thermodynamik oder auch das Verhalten diskreter Partikel in Schüttgut zu analysieren. Auch für die akustische Eigenfrequenzanalyse stehen Tools bereit. Konstrukteure können exakt dann, wenn ein Projekt es erfordert, auf die Simulationssoftware zugreifen. Statt Lizenzen zu erwerben, schnelle Rechner anzuschaffen und das Ganze regelmäßig zu warten und zu aktualisieren, greifen sie gegen Nutzungsgebühr auf zentral von den Gründern gewartete Software zu – und wenn nötig auf Rechencluster. Wobei sie nur die tatsächlich genutzte Rechnerkapazität bezahlen. „Viele unserer Kunden sind Unternehmen, deren Konstrukteure von Zeit zu Zeit eine Simulation durchführen oder die testen wollen, inwieweit Simulationstechnologien ihnen bei der Konstruktion helfen“, so Geschäftsführer David Heiny.

Doch sind Unternehmen bereit, sensible Konstruktionsdaten aus Kundenprojekten auf fremden Servern zu bearbeiten? Noch dazu, wenn ein Start-up den Service anbietet? Heiny stößt durchaus auf solche Bedenken. „Während CRM-, Marktanalyse- oder Kalendersoftware heute selbstverständlich as-a-Service genutzt werden, ist das bei Simulationssoftware noch ungewohnt“, erklärt er. Doch gegen Sicherheitsbedenken hat er gute Argumente: „Wir beschäftigen zwei Experten in Vollzeit, die dafür sorgen, dass wir mit etablierten Verschlüsselungstechnologien und Sicherheitsprozeduren die Daten vor Missbrauch schützen. Zudem werden sie in Rechenzentren verarbeitet, die weit höhere Sicherheitsstandards erfüllen, als kleine und mittlere Betriebe es können“, sagt der Gründer.

Große Konzerne buhlen um Start-ups mit Cloud-Ideen

Diese Sicherheitsvorkehrungen sind für Start-ups aus dem Bereich Cloud Computing unabdingbar. Zugute kommt ihnen dabei, dass Konzerne wie Amazon, Google, IBM oder Microsoft sich im Markt für Infrastructure-as-a-Service positionieren und dabei um Gründer mit innovativen Geschäftsmodellen buhlen. Das reicht von vergünstigter oder gar kostenloser Bereitstellung von Software über Rabatte für Rechenleistung bis hin zu Brutkästen und Fördergeldern.

So unterhält IBM ein „Global Entrepreneur Program for Cloud Startups“, das Gründern Mentoren zur Seite stellt, ihnen technische Unterstützung in einem der weltweit 40 Innovationszentren des Konzern anbietet und als Starthilfe obendrein Cloud-Services im Gegenwert von bis zu 120.000 Dollar. Zur Vermarktung ihrer Lösungen winkt dann Zugang zum „Cloud Marketplace“, auf dem sich IBM-Kunden global nach neuen Services umschauen.

Ähnliches bietet Microsoft in Form kostenloser TechCamps, auf denen der Konzern Start-ups mit seiner Cloud-Lösung „Azure“ vertraut macht. Gelockt werden sie mit vertraulicher Ansprache: „In den TechCamps erfahrt ihr, wie ihr die Cloud für eure Geschäftsidee nutzen könnt – angefangen bei virtuellen Maschinen bis hin zum Backend für Apps.“ Dabei belässt es der Konzern nicht. In seinen Brutkästen – unter anderem in Berlin – stehen ausgewählten Start-ups ebenfalls Mentoren zur Seite. Und Finanzpartner schauen sich deren Fortschritte genau an. Im Berliner Brutkasten haben bisher 88% der Gründer eine Finanzierung erhalten – im Schnitt 1,3 Mio. Dollar.

Die AngelList verzeichnet Dutzende aktiver Investoren, die sich bei Cloud-Start-ups engagiert haben und offen für weitere Beteiligungen sind. Auch hierzulande stehen SaaS-Gründer bei Investoren hoch im Kurs. Selbst die Deutsche Börse öffnet ihre Schatullen. Als Lead-Investor hat sie kürzlich mit T-Ventures, Creathor Venture, dem Hightech-Gründerfonds, der KfW und der IBB Beteiligungsgesellschaft eine 20-Mio.-Euro-Finanzierungsrunde gestemmt. Nutznießer war die 2007 gegründete Zimory. Mit ihr hat die Deutsche Börse Cloud Exchange (DBCE) jüngst einen Marktplatz für den standardisierten Handel von Rechenleistung, Arbeitsspeicher und Speicherkapazitäten gestartet. Welchen Wert Investoren auf pfiffige Cloud-Geschäftsmodelle legen, macht das US-Start-up Illumio deutlich. Noch bevor die Gründer ins operative Geschäft einstiegen, konnten sie 42,5 Mio. Dollar einsammeln – und sechs Monate später weitere 100 Mio. Dollar. Bewertet ist das junge Unternehmen mit 1 Mrd. Dollar. Geschäftsidee ist der sichere Betrieb von Apps in Rechenzentren, damit über diese keine Schadsoftware in Unternehmensnetzwerke gelangen kann. Statt ganze Apps auf mobile Geräte und PCs zu laden, wird nur Software auf die Geräte aufgespielt, mit der sich die zentral gespeicherten und geschützten Apps nutzen lassen. Zusätzlich können Firmen den Datenverkehr aller Apps live bis hinter die Firewall verfolgen und eingreifen, sobald sie Missbrauch vermuten. Im Ernstfall können sie den betroffenen Nutzer per Mausklick in Quarantäne-Status versetzen.

Investor: „Das ist ein klassischer Fall von Disruption“

Auch das mittlerweile 20-köpfige Team von Simscale hat seit 2014 einen Investor. Earlybird-Partner Hendrik Brandis, ein promovierter Luft- und Raumfahrttechnik-Ingenieur, ist von der Idee der webbasierten Simulation so angetan, dass Earlybird im Herbst einstieg. „SimScale nimmt sämtliche Hürden aus der Simulationstechnologie und macht diese einem viel breiteren Anwenderspektrum zugänglich, als das mit traditionellen Methoden der Fall war. Das ist ein klassischer Fall von Disruption”, begründete Brandis seinerzeit das Investment.

Trotz aller Unterstützung von Konzernen und Investoren gibt es für die Start-ups ein Problem: Fachkräfte. Sie brauchen heiß begehrte IT- und Security-Spezialisten und stehen dabei im Wettbewerb mit etablierten Unternehmen, die Sicherheit und hohe Gehälter bieten. Dagegen können die Gründer nur auf mögliche Wachstumschancen, auf ein lebendiges Arbeitsklima und eine gute Portion Abenteuer verweisen.

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Von P. Trechow | Präsentiert von VDI Logo
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