05.02.2014, 12:00 Uhr | 0 |

Aktuelle Studie Finanzierung bleibt Nadelöhr für Biotech-Firmen

Laut Branchenverband BIO Deutschland hat sich die Stimmung in der Biotechnologie-Branche verbessert. Doch ihr Finanzierungsproblem bleibt akut. Es mangelt an Investoren und an Risikokapital. Im internationalen Vergleich sind die Zahlen erschreckend.

Biotech Merck
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Mit Auftragsforschungen hangeln sich viele deutsche Biotech-Firmen durch. Nur wenige können die Entwicklung von Humanarzneien noch finanzieren. Die Transformation der deutschen Wirtschaft hin zu einer Bioökonomie, in der etwa biotechnologisch produzierte Enzyme zur Kraftstofferzeugung genutzt werden, soll neue Erlösquellen eröffnen.

Diese Zahlen wollen nicht zueinander passen. Einerseits schätzen 95% der deutschen Biotechnologie-Unternehmen ihre Lage in der aktuellen Mitgliederbefragung ihres Verbands BIO Deutschland als gut oder befriedigend ein. Die Stimmung ist laut Verbandsgeschäftsführerin Viola Bronsema wieder so gut, wie vor der Finanzkrise.

Andererseits ging der ohnehin schwache Zufluss von Risikokapital 2013 abermals zurück – um 38%. Statt 205 Mio. Euro im Vorjahr flossen 127 Mio. Euro. Erschwerend kommt hinzu, dass fast 60% dieses Kapitals an zwei Unternehmen gingen (Ganymed: 45 Mio. Euro; Immatics: 34 Mio. Euro). „Wir sind chronisch unterfinanziert“, klagt Peter Heinrich, der Vorstandssprecher von BIO Deutschland. Das gelte erst recht im internationalen Vergleich. So warben US-Biotech-Unternehmen allein in den ersten drei Quartalen 3 Mrd. Dollar Venture Capital ein. In Europa waren es im gleichen Zeitraum immerhin 1 Mrd. Dollar.

Daneben sind die deutschen Zahlen erschreckend. Zumal es hierzulande auch keinen Börsengang (IPO) gab. US-Firmen nahmen über IPOs im ersten Dreivierteljahr 2013 satte 2,5 Mrd. Dollar ein. In Europa gab es immerhin sieben Biotech-Börsengänge mit einem Gesamtvolumen von 250 Mio. Dollar. Dagegen blieb dieser Exit für deutsche Biotechs und ihre Investoren abermals fest verschlossen. Nur die bereits börsennotierten Firmen profitierten vom Aktienboom und legten im Schnitt deutlich stärker zu als der Dax.

Dass die Stimmung trotzdem steigt, hat vor allem einen Grund: Die Firmen haben ihre Geschäftsmodelle inzwischen an den Kapitalmangel angepasst. Drei Viertel der Befragten geben an, sich aus eigenen Umsätzen zu finanzieren. „Die Unternehmen priorisieren ihre Forschungsprojekte wegen des Mangels an Wagniskapital“, sagt Bronsema. Immer mehr Firmen würden es schaffen, organisch zu wachsen – also ohne Venture Capital. Abzulesen ist das auch an der Zahl der Produktneuheiten: 817 waren es 2013. Dieses Jahr sollen es ähnlich viele werden.

Mit Auftragsforschung, Auftragsproduktion, Analysen und Services, Instrumenten sowie Diagnostika hangeln sich die Firmen durch. Nur noch jede Vierte setzt auf die Entwicklung von Humanarzneien. „Mangels Risikokapital bleiben viele Projekte liegen oder kommen nicht in dem Tempo voran, wie es wünschenswert wäre“, so Heinrich. Riskante, aber umsatzträchtige Ideen können nicht verfolgt werden.

Dabei hat auch 2013 wieder gezeigt, was in der Branche möglich ist, wenn die Saat aufgeht. So konnte Morphosys die Konzerne Celgene und GSK als Partner für zwei Antikörperprogramme gewinnen – und kassiert dafür Meilenstein-gebunden bis zu 1 Mrd. Euro. Und Roche zahlt bis zu 742 Mio. Euro an Immatics, um drei bisher noch präklinische Krebsimpfstoffe nutzen zu können.

Hoffnungen setzt die Branche laut Heinrich in die große Koalition. Zwar habe diese gleich zum Auftakt für eine große Enttäuschung gesorgt, indem sie die versprochene steuerliche Forschungsförderung auf den letzten Drücker aus dem Koalitionsvertrag strich. Doch insgesamt sende der Vertrag positive Signale. Biotechnologie sei darin als Schlüsseltechnologie benannt, die den Übergang in eine industrielle Bioökonomie ermöglichen kann. Zudem kündigten Union und SPD an, das Klima für Investoren zu verbessern und die Förderung von Wagniskapital anzugehen sowie die Einführung der Basel-III-Regelungen kritisch zu prüfen.

Auch das Bekenntnis zur verstärkten Förderung von individualisierter Medizin, Wirkstoffforschung und zu innovativer Arzneimittelversorgung oder die Ankündigung von mehr Grundlagenforschung seien richtige und wichtige Signale.

Als echten Hoffnungsträger für die Branche sieht BIO Deutschland die Pläne für die Transformation der deutschen Wirtschaft hin zu einer Bioökonomie. „Biotechnologie kann Brücken zwischen bisher nicht verbundenen Wertschöpfungsinseln schlagen“, ist Heinrich überzeugt.

Etwa zwischen der Land- und Forstwirtschaft, der Zellstoff-, Papier- und Werkstoffentwicklung, der Energie- und Treibstoffherstellung sowie der Lebensmittelbranche. Mit biotechnologisch produzierten Enzymen lassen sich nicht nur Pflanzenreste wie Stroh oder Holzschnitt zu synthetischen Kraftstoffen, Biogas oder Basischemikalien verarbeiten, sondern auch Futtermittel optimieren. Auf Pflanzen basierende Biokunststoffe könnten sich künftig verstärkt den Weg in die Automobil-, Möbel-, Verpackungs- oder Spielzeugbranche bahnen. Denkbar sind auch Futterzusätze für Rinder, die deren Verdauung unterstützen und die Methanbildung beim Wiederkäuen mindern.

Bereits realisiert ist das Klopapier, das Abflüsse sauber hält. Dafür lagern zwischen den Papierlagen Sporen von fünf Mikroorganismen, die dem menschlichen Nutzer nichts anhaben können. Erst im Abfluss gedeihen sie, ernähren sich von Ablagerungen und vermehren sich exponentiell. Sind die Rohre sauber, wandern sie mangels Nahrung in die Kanalisation weiter.

In solchen Anwendungen abseits der klassischen Wirkstoffentwicklungen könnten sich für die Branche jede Menge Nischen auftun.

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Von Peter Trechow | Präsentiert von VDI Logo
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