16.04.2014, 12:00 Uhr | 0 |

Kommentar F&E: Das 3%-Ziel ist nicht genug

Der Forschungsstandort Deutschland hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht. 2012 wird der Anteil der Ausgaben F&E am Bruttoinlandsprodukt das von der EU angestrebte 3%-Ziel wohl nur knapp verfehlen. Trotz dieser positiven Entwicklung sind weitere Anstrengungen nötig, damit der Wirtschaftsstandort Deutschland künftig wettbewerbsfähig bleibt. Ein Kommentar der Deutschen Bank Research.

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F&E im Fahrzeugbau - eine Stärke Deutschlands. Das Bild zeigt einen dynamischen Antriebsstrangprüfstand.

Foto: ZF AG

Bereits im Jahr 2000 lag der Anteil der F&E-Ausgaben am BIP, die sogenannte Forschungsintensität, in Deutschland mit 2,5% über dem europäischen Durchschnitt. In den darauffolgenden Jahren stagnierte sie jedoch mehr oder weniger. Zu einem deutlichen Anstieg kam es erst ab 2008, als der Unternehmens-, vor allem aber der Staats- und Hochschulsektor die F&E-Ausgaben stark ausweiteten. 2011 erreichte Deutschland laut Eurostat eine Forschungsintensität von 2,89%.

Im europäischen Vergleich behauptete sich Deutschland damit auf einem der Spitzenplätze. Nur Dänemark (2,98%), Finnland (3,8%) und Schweden (3,39%) wiesen 2011 eine höhere Forschungsintensität auf. Der EU-Durchschnitt lag nur bei gut 2% und damit noch einen Prozentpunkt unter dem angestrebten Ziel. Deutschland konnte auch die USA (2,67%) hinter sich lassen.

Trotz der zuletzt positiven Entwicklung dürfen die Anstrengungen am Forschungsstandort Deutschland keineswegs nachlassen. Mit Japan und Südkorea haben zwei bedeutende Volkswirtschaften noch einen deutlichen Vorsprung. 2010 – aktuellere Zahlen liegen hier noch nicht vor – gaben sie 3,25% bzw. 3,74% des BIP für F&E aus. Gleichzeitig wachsen die Forschungskapazitäten in Schwellenländern wie den BRIC-Staaten besonders stark, wenngleich von einem niedrigen Niveau. Dieser Aufholprozess wird von China angeführt, das in absoluter Betrachtung schon heute der zweitgrößte Forschungsstandort hinter den USA ist, wobei sich ein internationaler Vergleich aufgrund unterschiedlicher Abgrenzungen in der F&E-Statistik, beispielsweise hinsichtlich der Quantität und Qualität von Patenten, als schwierig herausstellt. Wenn der Hochlohnstandort Deutschland seine Position als technologisches Schwergewicht im internationalen Wettbewerb halten oder ausbauen will, müssen nicht nur die F&E-Ausgaben weiter gesteigert, sondern auch die Probleme in anderen Bereichen angegangen werden. Schließlich ist die Forschungsintensität nur einer von vielen Indikatoren für die Innovationskraft eines Landes. Es lohnt daher ein Blick auf das deutsche Stärken-Schwächen-Profil.

Ein Standortvorteil der Bundesrepublik ist sicherlich die hohe Beteiligung der Wirtschaft an der Finanzierung von F&E im Hochschulsektor sowie in außeruniversitären Forschungseinrichtungen. 2011 stellten Unternehmen 14% der an Hochschulen und 9% der an außeruniversitären Forschungseinrichtungen insgesamt für F&E aufgewendeten Mittel. Der OECD-Schnitt lag dagegen nur bei 6% bzw. 4%. Trotz der engen Finanzierungsbeziehungen ist der Anteil der Unternehmen in Deutschland, die bei der Entwicklung von Innovationen mit Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen kooperieren, laut dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft niedriger als in der EU. Daher sollten geeignete Rahmenbedingungen geschaffen werden, die dafür sorgen, dass Unternehmen noch mehr als bislang auf das spezifische Wissen dieser Wissenschaftseinrichtungen zurückgreifen. So könnten etwa die Anreizstrukturen wissenschaftlicher und unternehmerischer Forschung besser aufeinander abgestimmt werden. Eine intensivere Kooperation würde den Unternehmen schließlich in Form von Wissens-Spillovern zugutekommen.

Zu den Schwächen des Forschungsstandorts Deutschland gehört auch die starke Konzentration der F&E-Ausgaben des deutschen Unternehmenssektors auf wenige Branchen. Der Großteil der Aufwendungen entfällt auf das Verarbeitende Gewerbe, dessen Forschungsstärke wiederum von wenigen Sektoren bestimmt wird. Traditionell ist die Automobilindustrie besonders aktiv. 2011 entfiel auf sie ein Drittel der gesamten unternehmensinternen Aufwendungen für F&E. Forschungsstark waren zudem die Elektrotechnik (12,8%), der Maschinenbau (9,6%) sowie die Pharmaindustrie (8%). Insgesamt sind die F&E-Aktivitäten deutscher Unternehmen stark auf hochwertige Technologien konzentriert, bei denen – laut Definition der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) – die F&E-Ausgaben im Jahresdurchschnitt zwischen 3% und 9% des Umsatzes ausmachen.

Anders sieht es im Spitzentechnologiebereich aus, in dem mehr als 9% des Umsatzes auf F&E entfallen. Hier ist die deutsche Wirtschaft verhältnismäßig schwach aufgestellt. Nach Berechnungen der Expertenkommission entfielen 2011 nur 2,5% der Wertschöpfung auf jene Spitzentechnologien. In Japan (3,3%) und Südkorea (7,3%) lag ihr Anteil deutlich höher, obwohl beide Länder zusätzlich auch im Bereich der Hochtechnologie gut positioniert sind. Die Struktur der deutschen Wirtschaft mit Schwächen in der Spitzen- und Stärken in der Hochtechnologie ist ein wichtiger Bestimmungsfaktor für die Attraktivität des deutschen Forschungsstandorts in den verschiedenen Bereichen. So betreiben in- und ausländische Unternehmen F&E im Spitzentechnologiebereich zunehmend außerhalb Deutschlands. Gleichzeitig wurden neue Forschungskapazitäten in Deutschland vor allem im Automobilbau geschaffen.

Diese Spezialisierung ist durchaus nachvollziehbar, bedeutet sie doch, dass sich die deutsche Wirtschaft im internationalen Wettbewerb auf ihre Stärken fokussiert und komparative Vorteile nutzt. Güter und Dienste der Spitzentechnologie wie die als Schlüsseltechnologien geltenden Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) haben jedoch eine besondere und branchenübergreifende Bedeutung für das Wachstumspotenzial. Bei schwacher inländischer Forschung und Wertschöpfung im Spitzentechnologiebereich könnten die positiven Impulse dieser Technologien für die deutsche Wirtschaft insgesamt geringer ausfallen.

Um die Forschung in Spitzentechnologiebereichen wie der Biotechnologie, Pharmazie oder IKT zu fördern, sollten u.a. die Rahmenbedingungen für Unternehmensgründungen verbessert werden. Hierzu gehört auch die Finanzierung von Frühphasen durch den vereinfachten Zugang von Start-ups zu Wagniskapital. Im aktuellen Koalitionsvertrag kündigt die Bundesregierung ausdrücklich an, den Investitionsstandort Deutschland für Wagniskapital international attraktiver zu gestalten. Es bleibt abzuwarten, ob sie diesem Anspruch wie angekündigt mit einem eigenständigen Regelwerk gerecht wird. Eine weitere Stellschraube kann die steuerliche F&E-Förderung sein, die in einem Großteil der OECD-Staaten bereits eingesetzt wird. Außerdem gilt es, in der Spitzentechnologie führende Unternehmen aus dem Ausland mit hiesigen Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft zu vernetzen, um die Wissensdiffusion in heimische Sektoren voranzutreiben.

Bei all diesen auf die Bedürfnisse des Forschungsstandorts Deutschland ausgerichteten Maßnahmen sollte das Ziel eines starken europäischen Forschungsraums nicht aus den Augen verloren gehen. Es kann nicht im Interesse der deutschen Wirtschaft sein, wenn die wirtschaftliche Dynamik der EU und ihr mittelfristiges Wachstumspotenzial durch eine Kürzung der F&E-Ausgaben, wie sie derzeit unter dem Einfluss nationaler Sparprogramme zu beobachten ist, beeinträchtigt wird. Stattdessen sollte darauf geachtet werden, dass die EU im Spitzentechnologiebereich nicht den Anschluss an die USA und Asien verliert. Dies setzt natürlich voraus, dass die F&E-Kompetenzen in den krisengeschüttelten Staaten erhalten und gefördert werden. Daher kann es vorteilhaft sein, EU-Mittel für F&E gerade dort bereitzustellen, wo angesichts der strapazierten Staatshaushalte eine langfristige Unterinvestition droht.

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