07.01.2015, 12:00 Uhr | 0 |

Kapitalmangel Es droht der Verlust einer ganzen Gründergeneration

Gründungsexperten befürchten, dass Deutschland im Wettrennen um innovative Technologien den Anschluss verliert, wenn Start-ups weiterhin kaum Zugang zu Wagniskapital haben. Unterschiedliche Lösungsansätze sind in der Diskussion.

„Wir sind Zeugen eines nie da gewesenen disruptiven Wandels“, sagt Amit Pau, Director des Londoner VC-Investors Ariadne Capital. Die digitale Revolution werde jede Branche umkrempeln – vor allem auch die Venture Capital Branche.

Pau macht seine Analyse an Start-ups wie WhatsApp fest. Das Unternehmen habe mit 53 Beschäftigten in nur 4,5 Jahren eine halbe Milliarde Kunden gewonnen. Es wuchs damit deutlich schneller als Facebook und Twitter. Der Wert des Start-ups sei innerhalb weniger Monate von 3,5 Mrd. Dollar auf 18 Mrd. Dollar gestiegen.

VC-Investoren in den USA sind laut Pau längst dabei, ihr Geschäftsmodell an diese Dynamik anzupassen. „Während die Gesamtsumme, die sie 2012 einwarben, um 10% sank, lenkten sie 51% mehr Kapital in Early-Stage-Fonds: 9,73 Mrd. Dollar. Damit haben sie das Dreifache der Gesamtsumme aller VC-Fonds in Europa allein für Early-Stage-Finanzierungen“, sagt er. Zugleich würden die US-Investoren ihre Strukturen von informellen Netzen über veränderte Due-Dilligence-Prozesse und operative Begleitung an die immer jüngeren Unternehmen anpassen.

Es gelte, Chancen in Geschäftsideen früher zu erkennen und mit höherem Risiko in Start-ups zu investieren. „Wenn wir diesen Trend in Europa nicht aufgreifen, werden wir eine ganze Generation von Innovatoren verlieren“, warnt Pau. Europa drohe dann Frühstück für Investoren aus den USA und aus Asien zu werden, die bereit seien, sich mit ihrem Kapital an die Spitze der Disruption zu stellen.

Schon jetzt gebe es Abwanderungstendenzen in Richtung Silicon Valley. Und das, obwohl es in den USA ohnehin eine weit höhere Zahl von Technologie-Ausgründungen aus Hochschulen gebe. Das liege auch daran, dass dort Entrepreneure ihre Erfahrungen an Studierende weitergeben – während in Europa Wissenschaftler theoretische Grundlagen vermittelten.

Pau ist nicht der einzige Experte, der vor dem Mangel an Wagniskapital und den Folgen warnt. Dirk Honold, Experte für Unternehmensfinanzierung im Biotechverband BIO Deutschland, schlägt in die gleiche Kerbe. Weil Venture Capital für deutsche Biotech-Start-ups weitgehend unerreichbar sei, würden sich diese zunehmend in Richtung USA orientieren.

In den USA ist sowohl der Zugang zu Wagniskapital als auch zur Börse viel einfacher. Beides hängt direkt miteinander zusammen: Ist die Börse ein realistischer Exit-Kanal, sitzt Investoren das Geld lockerer. Während sich 2014 die Börsengänge hierzulande an zwei Händen abzählen ließen, wagten in den USA bis zum 1. November 242 Firmen den Schritt aufs Parkett. Auch in London ging es 2014 weiter bergauf. Schon in den ersten drei Quartalen 2014 waren dort 126 IPO´s zu verzeichnen, gegenüber 94 im gesamten Jahr 2013.

Als Zugpferd gilt dort der Alternative Investment Market (AIM) – ein Segment für kleinere, wachstumsstarke Firmen. Seit Gründung 1995 wurden dort 3000 Firmen notiert. Ulla-Martina Bauer, UK-Expertin der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO, verweist in einem Aufsatz darauf, dass dem UK-Börsenboom Strukturen zugrunde liegen, die sich deutlich von Deutschland unterscheiden. Aktien hätten im angelsächsischen Raum eine zentrale Rolle in der Alterssicherung von Privatanlegern, die sich in Deutschland noch weitgehend auf das staatliche Rentensystem verlassen und deshalb Unternehmensbeteiligungen scheuen.

Bremsen also behäbige Sparer die Gründer aus? Auch wenn es niemand so drastisch formuliert, geht die Debatte aktuell in diese Richtung. Kurz vor Weihnachten lud Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel noch zu einem runden Tisch, bei dem sich Vertreter aus Finanzwirtschaft und Start-up-Welt über Wege zur Wiederbelebung des Neuen Marktes berieten. Die Deutsche Börse möchte allerdings vorerst nur eine vorbörsliche Plattform einrichten, auf der sich Start-ups institutionellen Investoren vorstellen sollen.

Das geht Florian Nöll, Chef des Bundesverbands Deutsche Startups e.V., nicht weit genug. „Wenn wir zu lange damit warten, einen Index für Wachstumsunternehmen zu schaffen, werden sich Technologiegründer für andere Börsenplätze entscheiden oder zum Unternehmensverkauf gezwungen sehen“, warnt er. Der Verband fordert seit Langem ein Börsensegment, in dem Gründer mit deutlich abgeschwächten Regularien und Kosten um Beteiligungen von privaten und institutionellen Anlegern werben können.

Eine weitere Initiative um Holger Zinke, CEO des Biotech-Unternehmens Brain AG, schlägt vor, dass 1% jedes Vermögens oder 1% aller Lebensversicherungsanlagen in Hightech-Firmen investiert wird. Vorbild dafür sind Bürgerinnovationsfonds in Frankreich, in denen Privatanleger Investments bis zu einer festgelegten Höhe steuerlich abschreiben können und etwaige Renditen nicht besteuert werden.

Schnelle Lösungen sind bisher nicht in Sicht. Der nächste Runde Tisch von Gabriel zum Thema ist für Mitte 2015 geplant. Bis dahin sollen Arbeitsgruppen an konkreten Lösungsvorschlägen arbeiten. Derweil haben Investoren aus den USA und Asien die europäische Gründerszene im Fokus. Europäische VC-Fonds berichten, dass sie beim Fundraising zuletzt über 60% ihrer Mittel außerhalb Europas akquirieren konnten. Dagegen tendiere der Beitrag bisheriger Großinvestoren aus der heimischen Banken- und Versicherungswirtschaft gegen null. Auch US-Pensionsfonds sind nach Angaben des Europäischen Private Equity und Venture Capital Verbandes (EVCA) auf dem Rückzug. Erfeulicherweise gebe es aber stark steigendes Interesse von anderen Anlegergruppen aus USA und Asien, die das ruhige Fahrwasser und die verlässlichen Rahmenbedingungen in Europa zu schätzen wissen.

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Von P. Trechow | Präsentiert von VDI Logo
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