13.04.2014, 12:00 Uhr | 0 |

E&Y Biotech-Report Biotech-Branche „dramatisch unterfinanziert“

Die deutsche Biotech-Branche befindet sich in einem Zustand fortwährender Stagnation. Die Zahl der Unternehmen ist mit 409 annähernd gleich geblieben, ebenso die Zahl der Beschäftigten (rund 9700). Der Branchenumsatz ist um 7% gesunken, von 1,12 Mrd. Euro im Jahr 2012 auf 1,04 Mrd. Euro im Jahr 2013, ebenso die Ausgaben für F&E (-6%).

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Die F&E-Ausgaben in der deutschen Biotech-Branche sind um 6% gesunken.

Foto: istockphoto

Beide Zahlen sind jedoch stark beeinflusst von Einmaleffekten: Das Unternehmen AiCuris hatte 2012 eine sehr hohe Vorauszahlung (110 Mio. Euro) als Einkommen verbucht und so den Branchenumsatz nach oben getrieben. Zudem hat das forschungsintensive Unternehmen Agennix den Betrieb eingestellt, was die F&E-Statistik drückt. Das sind Ergebnisse des 14. deutschen Biotechnologie-Reports der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY).

Dass die Branche sich so wenig dynamisch entwickelt, liegt für den Studienautor und Leiter des deutschen Life Science Centers von EY, Siegfried Bialojan, klar in der schwierigen Finanzierungssituation begründet. Zwar haben Biotech-Unternehmen 2013 insgesamt 10% mehr Kapital erhalten als 2012, die Finanzierungssumme stieg von 294 Mio. Euro auf 325 Mio. Euro. Allerdings ist das immer noch erheblich weniger als in den viel erfolgreicheren Jahren vor der Finanzkrise. Damals akquirierten Biotech-Unternehmen durchschnittlich 500 Mio. Euro frisches Kapital pro Jahr.

Zudem speist sich der Zuwachs zum Großteil aus zwei großen Kapitalerhöhungen bei MorphoSys und Evotec. „Das ist eher Fluktuation als ein fundierter Aufwärtstrend“, sagt Bialojan. Der Zufluss an Risikokapital sank von 214 Mio. Euro auf 164 Mio. Euro – und rund 80% davon entfielen auf Finanzierungen der dominierenden Family Offices, allen voran die Hexal-Gründer Strüngmann. „Aus klassischen Finanzierungsrunden kann man in 2013 nur rund 35 Mio. Euro werten“, sagt Bialojan. Insgesamt funktioniere die gesamte Kapitalnahrungskette, also das Zusammenspiel verschiedener Finanzierungsinstrumente entlang der Wertschöpfungskette, nicht mehr. Genau das Gegenteil sei in den USA der Fall: Der Markt für Wagniskapital habe sich erholt, börsennotierte Branchenunternehmen hätten auf breiter Front Kapitalerhöhungen vorgenommen, und 41 Biotech-Firmen schafften den Börsengang. „In Deutschland dagegen ist ein Exit über die Börse so gut wie unmöglich“, so Bialojan. Seit 2006 gab es keinen Biotech-IPO mehr. Das führe dazu, dass in Ermangelung von Exitmöglichkeiten immer weniger Venture-Capital-Unternehmen das Risiko auf sich nähmen, Biotech-Unternehmen nach der Start- und Seedphase weiter zu finanzieren. „Die Zeit bis zum Erreichen der Wachstumsphase ist eine gefährliche Durststrecke, die viele nicht überstehen“, sagt Bialojan. Langfristig dürften so auch immer weniger Gründer nachrücken, trotz enormer staatlicher Investitionen in die entsprechende Frühphasen-Förderung. Insgesamt ist also in Deutschland die Kontinuität einer nachhaltigen Kapitalnahrungskette signifikant gestört – ein klarer Fall von Marktversagen mit volkswirtschaftlichen Konsequenzen.

Die im internationalen Vergleich ungewöhnlich schwierige Finanzierungssituation für Biotech-Unternehmen in Deutschland muss und kann sich deutlich verbessern. Gilt Deutschland doch als leistungsstarke und wettbewerbsfähige Volkswirtschaft – nicht umsonst rangiert der Standort im Global Competitiveness Report 2013/2014 des World Economic Forum weltweit auf Platz vier. Auf den zweiten Blick zeigt derselbe Report aber auch deutliche Schwächen auf: Wenn es darum geht, über die Börse Eigenkapital einzusammeln, belegt Deutschland Rang 34, hinter Ghana. Und bei der Verfügbarkeit von Wagniskapital reicht es lediglich für Rang 33, das ist schlechter als Bolivien. Ein ähnliches Bild zeichnet der Deutsche Biotechnologie-Report von EY.

„Es gibt in Deutschland ein enormes Innovationspotenzial“, sagt Bialojan. „Wir verfügen über eine exzellente Forschungslandschaft, die staatlich stark gefördert wird. Allerdings kommen Innovationen zu selten auf dem Markt an.“ Der Grund ist das Fehlen von Kapital: Während die Biotech-Industrie in den USA im Jahr 2013 die Rekordsumme von 25,2 Mrd. Dollar am Kapitalmarkt und bei Wagniskapitalgebern einsammeln konnte, erzielten deutsche Unternehmen im gleichen Zeitraum lediglich 325 Mio. Euro.

„Wir brauchen deshalb marktgerechte und wirkungsvolle Incentives für private Geldgeber“, fordert Bialojan. Er macht sich für einen Reform-Vorschlag stark, den die beiden Biotech-Unternehmer Claus Kremoser (Phenex Pharmaceuticals AG in Ludwigshafen) und Holger Zinke (Brain AG in Zwingenberg) erarbeitet haben, nämlich die steuerliche Förderung von Hightech-Investments. Ihre Idee: Privatanleger sollen künftig 1% ihres Vermögens in Biotechnologie-Firmen investieren können, ohne dass auf Gewinne Kapitalertragsteuern anfallen.

Es besteht dringender Handlungsbedarf, denn die Folgen der derzeitigen Kapitalknappheit sind laut E&Y „dramatisch“. Während ein deutscher Hersteller von Biotech-Therapeutika durchschnittlich 1,41 Mio. Dollar Risikokapital einsammelt, sind es in den USA mit 2,36 Mio. Dollar fast 70% mehr. Auch die meisten europäischen Märkte liegen hier vor Deutschland. Die Unterfinanzierung in der deutschen Biotech-Branche wirkt sich ganz handfest aus: Nur ein Drittel der Biotech-Unternehmen hierzulande sind noch Therapeutika-Hersteller; dieser Wert liegt in vergleichbaren Volkswirtschaften deutlich höher. Dabei haben deutsche Forscher viele Technologien und Wirkstoffe erfunden, die heute als globale Biotech-Blockbuster Patienten zugute kommen, betont Bialojan. „Biotech-Unternehmer bringen hierzulande mit Hilfe staatlicher Mittel innovative Therapeutika hervor. Diese werden dann aber im Ausland marktreif gemacht, wo es finanzstarke Partner gibt.“ Viele deutsche Biotech-Firmen lizenzieren Innovationen auf diese Weise an große, etablierte Branchenunternehmen. Andere verlegen sich auf Dienstleistungen wie Analysen, um wirtschaftlich zu überleben.

Ein Blick auf die Produktpipeline deutscher Biotech-Unternehmen zeigt, wie die Wertschöpfung abfällt: Die Zahl neuer Wirkstoffe in Studien stagniert. Mit 288 Therapeutika im Jahr 2013 gegenüber 285 im Vorjahr ist das Niveau annähernd konstant. In der entscheidenden klinischen Phase II ist die Zahl der Wirkstoffe zuletzt sogar um 9% gesunken. „Deutschlands Bedeutung für die Medikamentenentwicklung nimmt ab“, sagt EY-Experte Bialojan. Gemessen an der Zahl der Wirkstoffe in Studien ist Deutschland im europäischen Vergleich von Rang zwei auf Rang drei abgerutscht, bei den Wirkstoffen in den reiferen klinischen Phasen II und III sogar auf Rang sechs – hinter Großbritannien, Israel, Frankreich, der Schweiz und Schweden.

http://www.de.ey.com

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