14.04.2015, 12:00 Uhr | 0 |

Studie von Ernst & Young (EY) Biotech-Branche blutet aus

Die Biologisierung von Industrien ist ein essenzieller Innovationstreiber, ebenbürtig der digitalen Transformation. Das ist eine These des aktuellen Biotech-Report von Ernst & Young (EY). Die Autoren fürchten, dass Deutschland aufgrund von Kapitalmangel den Anschluss in dieser Schlüsselbranche verliert.

Viele Deutsche beäugen die Biotechnologie-Branche misstrauisch. In einschlägigen Unternehmen wähnen sie zweifelhafte Gen-Manipulatoren und raffgierige Medikamentenentwickler am Werk. Dabei verkennen sie, dass Themen wie Ressourcenschonung, Emissionsschutz, energetisch effiziente Herstellungsverfahren sowie die nachhaltige Bereitstellung von nachwachsenden Rohstoffen und entsprechende Verfahren zu ihrer Nutzung allesamt zu den Kernkompetenzen der Bioökonomie zählen.

Produktbeispiele aus den vermeintlichen Hexenküchen sind biobasierte PET-Flaschen oder biobasierte Kabelschutz-Wellrohre mit höchster Biegewechselfestigkeit und bisher nicht gekannter Standzeit in der Robotertechnik.

Was der Biotech-Branche fehlt, ist Unterstützung durch Politik und Kapitalgeber. Selbst die von der Bundesregierung eingerichtete Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) hat Zweifel an der aktuellen Ressourcenallokation: 70% aller staatlichen und privaten F&E-Investitionen würden in die aktuellen Schlüsselindustrien IT, Automobil- und Maschinenbau fließen. Die Schlüsseltechnologien der Zukunft seien hingegen eklatant unterrepräsentiert.

Die Präferenz der Kapitalgeber in Richtung anderer Branchen ist allerdings nachvollziehbar. Beispiel IT-Branche: Sie ist den Endkunden näher, ihre Akzeptanz entsprechend größer, die Dauer von Produkt-Entwicklung bis Markteintritt kürzer und das Risiko daher kleiner. Ergebnis: Start-ups aus der Digitalwirtschaft erhalten Venture Capital, junge Biotech-Firmen gehen leer aus.

Diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Laut aktuellem Venture Capital Panel der VDI nachrichten beabsichtigen 25% der deutschen VC-Gesellschaften, in diesem Jahr verstärkt in Software zu investieren. Gleichzeitig gaben 15% an, ihr Engagement im Biotech-Bereich noch weiter zurückfahren zu wollen.

Laut EY sammelten deutsche Biotech-Start-ups im vergangenen Jahr Risikokapital im Volumen von 155Mio. Euro ein – 5,5% weniger als 2013. Ganz anders die Entwicklung in Großbritannien: Hier hat sich das Volumen im gleichen Zeitraum auf 447 Mio. Euro mehr als verdoppelt. Auch in der Schweiz stehen die Zeichen auf Wachstum. In den letzten beiden Jahren legte das VC-Volumen hier um jeweils 43% zu.

Die Zahl der Neugründungen in der deutschen Biotech-Branche sinkt dementsprechend. Laut EY war sie 2013 um die Hälfte eingebrochen, 2014 gab sie erneut um 33% nach. Mit gerade einmal zehn Start-ups markiert das vergangene Jahr damit einen neuen Tiefstand.

Die Finanzknappheit betrifft aber nicht nur junge Biotech-Unternehmen. Auch etablierte Player in Deutschland leiden laut EY unter „chronischer Unterfinanzierung“. In Summe hätten alle Biotech-Firmen zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen im vergangenen Jahr 336 Mio. Euro aufgenommen. Das ist zwar ein leichtes Plus von 3% im Vergleich zum Vorjahr, aufgehübscht wird die Zahl aber vor allem durch die beiden ersten Börsengänge seit sechs Jahren, nämlich von Affimed und Probiodrug. Die EY-Autoren schlagen Alarm: „Trotz sehr positiver Gesamtwirtschaftszahlen der deutschen Volkswirtschaft nach der überwundenen Finanzkrise bleibt dieser Sektor ein weiteres Jahr deutlich (>25%) hinter den Finanzierungsvolumina vor der Finanzkrise zurück.“

Das gesamteuropäische Bild sieht derweil völlig anders aus. Insgesamt überschreitet das Finanzierungsvolumen 2014 erstmals die Hürde von 6 Mrd. Euro und landet bei einem Allzeithoch von 7,04 Mrd. Euro. Diese Zahl liegt 24% über dem Wert vor der Finanzkrise 2007.

Beeindruckende Zahlen – aber immer noch weit entfernt von denen in den USA. Dort nahmen Biotech-Firmen 2014 insgesamt mehr als 42,5 Mrd. Euro auf. Davon flossen 5,3 Mrd. Euro in Form von Venture Capital – satte 30% mehr als im Vorjahr. Aber auch alle anderen Kapitalquellen sprudelten kräftiger als je zuvor: Im Zuge von insgesamt 63 Börsengänge sammelten die Firmen rund 4,7 Mrd. Euro ein (+50%), über Kapitalerhöhungen auf dem Parkett waren es 14,5 Mrd. Euro (+30%) und Fremdkapital floss im Volumen von gut 18 Mrd. Euro (+311%).

Diese Steigerungen in allen Finanzierungskategorien demonstrieren eindrucksvoll die perfekt organisierte Kapitalnahrungskette von den Start-ups bis zu den reifen Unternehmen am Kapitalmarkt. Dadurch stimulieren sich die einzelnen Kettenglieder permanent selbst und schaffen Durchlässigkeit für die Firmen entlang der Wertschöpfungskette.

Diese Mechanik funktioniert in Deutschland nicht so reibungslos. Neben Wagnis- und Wachstumskapital fehlt es auch an Börsengängen. Selbst im Vergleich zu anderen europäischen Ländern schneidet Deutschland hier schlecht ab. Den zwei deutschen IPOs stehen beispielsweise je fünf in Großbritannien und Frankreich gegenüber.

Insgesamt stürmten 31 europäische Unternehmen das Parkett – zwölf davon taten dies an der Nasdaq. Der Hintergrund ist klar: In New York erlösten sie im Durchschnitt weit mehr als doppelt so viel Geld wie an europäischen Börsen.

Die 19 in Europa erfolgten IPOs verteilten sich auf sieben Börsen. Laut EY zeigt das, dass an keiner dieser Börsen „eine wirklich kritische Masse für einen nachhaltig aktiven Handel mit Biotech-Aktien oder eine ausgeprägte Dynamik für weitere IPOs vorhanden ist“. Mit Blick auf Berlin schreiben die Autoren: „Es muss alles getan werden, damit die privaten Anleger jeglicher Kategorie gerade jetzt den Weg zur Investition in Aktien finden und dabei incentiviert werden.“

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Von sta | Präsentiert von VDI Logo
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