22.01.2014, 15:43 Uhr | 1 |

Forschung an der TU München Autos orten Fußgänger: Das Handy als Lebensretter

Forscher der Technischen Universität München (TUM) haben ein Verfahren entwickelt, mit dem Fahrerassistenzsysteme im Auto Fußgänger und Fahrradfahrer orten können – selbst dann, wenn sie durch große Hindernisse verdeckt werden. Dabei könnten bald die Mobiltelefone der Fußgänger und Radfahrer als Transponder dienen.

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Das Auto bremst, wenn sich Fußgänger in einer bestimmten Bewegungsbahn dem Fahrstreifen nähern. Die Forschungen an der TU München könnten dazu beitragen, dass die Zahl der Verkehrsunfälle deutlich sinkt.

Foto: TU München

Das Ortungssystem im Auto berechnet die Bewegungsbahn des Transponders voraus und leitet notfalls eine Vollbremsung ein, wenn sich ein Fußgänger oder Radfahrer direkt vors Auto bewegt.

Ein Auto fährt mit Tempo 30 durch ein Wohngebiet. Rechts stehen parkende Fahrzeuge am Straßenrand. Plötzlich taucht hinter einem großen Anhänger ein Fußgänger auf. Unmittelbar vor dem Passanten kommt der Wagen zum Stehen. Hätte das Ortungssystem des Fahrzeugs nicht eingegriffen, wäre der Fußgänger vom Auto erfasst worden.

Der Fußgänger hatte in diesem Versuch einen so genannten Transponder bei sich. Ein Transponder ist ein Funksender und -empfänger, der auf bestimmte Signale antwortet. In diesem Fall auf das Ortungssystem in dem sich nähernden Auto. Dabei wird für die genaue Lokalisierung des Fußgängers dessen Abstand und Winkel zum fahrenden Auto gemessen.

Im Rahmen des Forschungsprojektes „Kooperative Transponder“, Ko-TAG, haben Professor Erwin Biebl und sein Team an der TU München dafür einen ganz neuen Ansatz zur Abstandsmessung entwickelt, mit dem die Entfernung innerhalb weniger Mikrosekunden (Millionstel Sekunde) auf wenige Zentimeter genau gemessen wird. Um das zu erreichen, sendet das Ortungssystem im Auto eine einzigartige Code-Folge an den Transponder. Dieser modifiziert die Code-Folge und schickt sie in einem sehr präzisen zeitlichen Schema zurück.

Die Warnung an den Fahrer oder die Auslösung einer Notbremsung muss in der Regel schon erfolgen, bevor der Fußgänger die Straße betritt. Gleichzeitig muss die Wahrscheinlichkeit für unnötige Vollbremsungen extrem gering gehalten werden, damit die Fahrer das System als zuverlässig empfinden und benutzen. Eine sehr gute Bewegungsabschätzung ist daher unumgänglich.

Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit gelang es den Wissenschaftlern, die Messfehler bis auf wenige Pikosekunden (Billionstel Sekunden) zu reduzieren. „Wir erreichen damit für die Abstandsmessung eine Genauigkeit von wenigen Zentimetern. Zusammen mit dem ebenfalls einzigartigen codebasierten Verfahren ist das der Grund für die außergewöhnliche Performanz und ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal unseres Systems“, sagt Professor Biebl.

Ortung durch Hindernisse bisher nicht möglich

Die kleinen Sender können in Kleidung oder Schulranzen integriert werden. Als Transponder könnte in Zukunft aber auch das Handy dienen, denn ein Großteil der Menschen trägt es ohnehin ständig bei sich. Es bedarf lediglich kleiner Änderungen an der Geräte-Hardware. Ein großer Hersteller von Mobiltelefonen hat bereits Interesse an dem System gezeigt.

An dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie geförderten Projekt sind neben dem Fachgebiet Höchstfrequenztechnik der Technische Universität München das Fraunhofer IIS, die BMW Forschung und Technik GmbH, die Continental Safety Engineering International GmbH, die Daimler AG, das Heinrich-Hertz-Institut der Fraunhofer Gesellschaft sowie das Steinbeis Innovationszentrum für Embedded Design und Networking beteiligt.

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Von sta | Präsentiert von VDI Logo
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kommentare
23.01.2014, 17:03 Uhr Rezzatoni
Es dringend davor zu warnen, diese Technik in der Praxis anzuwenden!

Erstens: Menschen neigen dazu, sich auf Technik zu verlassen. Das heißt, wer dieses Ortungssystem im Wagen hat, wird sehr wahrscheinlich in solchen Situationen weniger Aufmerksamkeit auf den Fahrbahnrand richten; das tut ja der Wagen für ihn. Dadurch steigt die Gefahr der Unfälle; sowohl mit Passanten, die kein Handy dabei haben, als auch mit dahinter fahrenden PKWs, deren Systeme noch zu weit weg von dem Passanten sind, um selber zu bremsen. Und am Ende steht man dann vor einem totgefahrenen Kind und gibt den Eltern die Schuld dafür, dass der Akku des Smartphones leer war.
Zweitens: Bisher werfen Verrückte Steine von Autobahnbrücken. Was, wenn sie demnächst mit Einweghandys werfen? Das wird aber ein Spaß, wenn Dein Porsche bei 200 plötzlich eine Vollbremsung hinlegt, weil aus dem Nichts "ein Fußgänger" auf der linken Spur aufgetaucht ist.
Drittens: Diese Technik eignet sich bestimmt erstklassig zur Überwachung größerer Menschenmengen, zum Beispiel in Fußballstadien. Der Mensch mag in der Menge untertauchen können - aber sein Transponder liefert den Überwachungskameras ein zentimetergenaues Bewegungsprofil.

Nein, um Unfälle mit Passanten zu verhindern, sollte man lieber ein System implementieren, dass die Geschwindigkeit des PKWs den Sichtverhältnissen anpasst. Dann kann man in solch unübersichtlichen Situationen eben nicht mehr 30 fahren, sondern nur noch 7 - um Menschenleben zu retten.
Wetten, dass dafür keiner Geld auszugeben bereit ist; weder in der Forschung noch beim Autokauf?

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